Die gefiederte Prinzessin

Das Goldene Ei

Es war einmal ein kleines Königreich, nicht größer als von hier nach dort, darin lebten der König, seine Königin und wie so oft, auch in anderen Märchen, war dieses Paar kinderlos geblieben. Eines Tages, sie hatten schon die Wiege aus dem leer gebliebenen Kinderzimmer auf den Dachboden des Schlosses tragen lassen, klopfte eine alte Frau an das Tor. Sie trug einfache schwarze Kleider und unter dem Arm eine graue Wildgans.

Die Frau verlangte, vor den König und die Königin gelassen zu werden, weil sie ihnen etwas Wichtiges zu sagen habe. Zuerst wollten die Wachen sie zur Küche schicken, denn sie glaubten, sie wolle die Gans verkaufen. Aber die Gans zischte gefährlich, und die alte Frau richtete sich erstaunlich herrisch auf und verlangte noch einmal, vor das Königspaar gebracht zu werden, oder der Wachsoldat würde es bereuen. Der war zu klug, um es darauf ankommen zulassen und rief einem Bediensteten zu, er möge Frau und Gans – „Wirklich, die Gans auch?“ … „Selbstverständlich, die Gans auch!“ – zum Herrscherpaar führen.

Vor der Tür des Thronsaals angekommen, versuchte der Diener, die alte Frau zu überreden, die Gans draußen zu lassen, wegen des roten Teppichs und überhaupt, aber unter dem fordernden Blick ihrer dunklen Augen besann er sich eines Besseren und beeilte sich, die seltsamen Besucher dem Hofmarschall zu übergeben, der hochmütig fragte, wen er anzukündigen habe. „Das Wichtigste in ihrem Leben,“ bekam er Bescheid, zusammen mit einem strengen Blick, der ihn in seine Kinderzeit zurückversetzte, als seine Großmutter ihn am Mustopf erwischt hatte. Also riss er die hohen Türflügel weit auf und kündigte an: „Eure Majestäten, ich habe den Auftrag und die … arhm …“, nach einem kurzen Seitenblick entschied er, daß er es doch sagen wollte: „… die Ehre, Euch anzukündigen: das Wichtigste in Eurem Leben!“

Erstaunt richteten sich die beiden königlichen Augenpaare auf ihn und schweiften dann zu dem angekündigten Gast. Die alte Frau bot einen durchaus würdevollen Anblick, wie sie da in ihrem schwarzen Gewand mit der grauen Gans unter dem Arm im Licht der Buntglasfenster auf dem roten Teppich stand. Nur einen winzigen Moment dachte die Königin an einen möglichen Zusammenhang zwischen Gans und Teppich, aber erkannte an der Haltung der Frau, daß sie sicher ihre Gans im Griff haben würde.

„Was,“ ergriff der König das Wort, „können wir für dich tun?“ „Nicht Ihr für mich, König“, lautete die Antwort, „ich kann für Euch etwas tun.“ – „Du für uns?“ fragte der König, und die Königin ergänzte: „Die Gans ist sicher sehr schön, gesund und … solltest du nicht eher mit unserem Koch sprechen?“ – „Diese Gans werdet Ihr nicht verspeisen, sondern sie pflegen wie einen geschätzten Gast,“ antwortete die alte Frau und schritt auf die sitzende Königin zu. Sie legte ihr die Gans auf das blaue Samtkleid. „Sie ist schwer!“ entfuhr es der überraschten Königin, und zu ihrem eigenen Erstaunen legte sich ihr Arm um den Körper der Gans, die es sich sofort bequem machte. „Ja, sie ist schwer, Frau Königin, aber sie wird es bald weniger sein. Ihr müsst ihr in Eurem Schlafgemach ein Nest bereiten und gut auf sie aufpassen. Euer Haushofmeister hat die Gans und mich angekündigt als das Wichtigste in eurem Leben. Ihr werdet bald sehen, daß es stimmt.“ Mit diesen Worten verbeugte sich die alte Frau, drehte sich – vollkommen wider das Protokoll – um, dann schritt sie, in ihrem schwarzen Kleid und ohne die graue Gans, auf die Tür des Thronsaals zu. Der Hofmarschall zischte etwas Leises und wollte ihr die Tür zunächst nicht öffnen, aber er besann sich doch eines Besseren.

Im Thronsaal blieben drei Menschen und eine Wildgans zurück, drei davon sehr überrascht, während die Gans sich interessiert mit klugen Augen umsah. „Tja,“ sagte der König. – „Was war das?“ fragte die Königin. – „Das ist eine Gans“, antwortete der König. – „Soll ich sie rausbringen lassen, Eure Majestät?“ bot der Hofmarschall an. Die Königin betrachtete die graue Wildgans auf ihrem Schoß und schüttelte den Kopf: „Eine Gans im Schlafgemach – hat man so etwas schon gehört?“ – Der König hob den Zeigefinger seiner rechten Hand und sagte: „Frösche schon. Das hat man schon einmal irgendwo gelesen.“ – „Ja,“ sagte die Königin. „Ich glaube auch schon mal von einem Bären gehört zu haben und zwei Mädchen.“ Sie griff nach der Glocke und läutete. Daraufhin erschien ihre Kammerfrau und knickste. „Bitte richte in meinem Schlafgemach ein Nest her“ wies die Königin sie an. Die Kammerfrau sah drein, als hätte sie nicht richtig verstanden, darum zeigte die Königin auf die ruhende Gans: „Dafür. Geh und tu, wie dir geheißen, und achte darauf, daß es gemütlich ist. Die Gans ist das Wichtigste in meinem Leben, so hat man mir gesagt.“ – Sie wandte sich zum König: „Ich bin gespannt, wie es weitergeht.“ – „In der Tat, meiner Treu’, fürwahr: ich auch!“ seufzte der, und dachte darüber nach, wie sich eine Nacht gemeinsam mit einer Wildgans im ehelichen Schlafgemach gestalten würde. Die Gans wurde unruhig und die Königin setzte sie zu Boden. Misstrauisch verfolgte sie deren Erkundungsgang im Thronsaal – der Teppich! – aber die Gans strebte nur dem königlichen Springbrunnen zu, um zu trinken, dann kehrte sie wieder zurück und nahm ihren Platz auf dem Schoß der Königin wieder ein.

Nach ein paar Stunden hatte sich die Königin auch langsam daran gewöhnt, eine Gans auf dem Schoß zu hüten, wie die einfachen Landfrauen ihre Kinder, und als es Zeit war zum Schlafengehen, trug sie die Gans höchstpersönlich unter dem königlichen Arm, denn der Vogel hatte sich geweigert, sich von jemandem anderen als der Königin tragen zu lassen. Im Schlafgemach besichtigte sie zufrieden ihr Nest, drehte sich ein wenig hin und her, zupfte hier und dort, kauerte sich endlich hinein und schloss die Augen. Das Königspaar konnte sich ohne weiteres mit ihrer diskreten Gegenwart abfinden, und es unterhielt sich noch ein wenig vor dem Einschlafen über die eigenartige Begegnung, über Frösche und Bären im Schlafgemach und überhaupt.

Am nächsten Morgen erhoben sich der König, die Königin und die königliche Gans sehr zufrieden. Die Kammerfrau hatte die Vorhänge zurückgezogen und die Morgensonne strahlte zum Fenster hinein, über die weißberüschte Bettwäsche, den goldgerahmten Spiegel und das grau- und irgendwie regenbogenfarbig schimmernde Gefieder der Gans. Und über das Nest strahlte sie auch. Das Nest? Die Königin sah noch einmal hin: da lag etwas goldglänzendes, Rundes. Sie raffte ihr weites Nachtgewand zusammen und ließ sich auf die Knie nieder, während die Gans sich schnatternd an sie drängte, als wollte sie ihr erklären, daß es sich hierbei um ein Ei handele. „Sieh doch! Ein goldenes Ei!“ rief die Königin aus und winkte den König herbei, der schnell die Kaffeetasse abstellte, nachdem er sich vor Schreck mit heißem Kaffee bekleckert und verbrüht hatte: „Nein!“ – „Doch!“ – „Oh!“ – „Wieso?“ und „Ob man das anfassen darf?“ fragte endlich die Königin und streckte langsam ihre Hand danach aus. Die Gans sah sie von der Seite an, wartete, bis die Königin das Ei berührte und schob ihr das warme goldene Ei mit dem Schnabel in die Hand hinein.

„Ich darf es nehmen?“ fragte die Königin die Gans. Wenn Gänse nicken können, dann nickte diese Gans und vollführte dabei mit ihrem Kopf und Hals eine Bewegung zum spitzenverzierten königlichen Nachthemdausschnitt hin. „Du meinst, ich soll es dorthin legen?“ Die Königin deutete auf ihren Ausschnitt. Da die Gans tatsächlich nicken konnte, tat sie es. Die Königin schüttelte ungläubig den Kopf und sah ratlos zum König, der den Dialog zwischen Königin und Gans verfolgte, ohne irgendetwas zu verstehen. Aber so von Frau zu Frau begriff die Königin nach einigen beredten Gesten der Gans, daß das Ei nicht an einer Kette um den Hals getragen werden sollte, sondern daß sie es zwischen ihre warmen Brüste zu legen hatte. Nun, es war warm und schön – warum nicht? Die Gans war sicher verrückt, und sie, die Königin nicht minder, dachte sie, aber im Hinterkopf hörte sie die nachhallende Stimme der alten schwarzgekleideten Frau im Thronsaal deutlich sagen: „das Wichtigste in Eurem Leben!“ und so bettete sie das Ei bequem und setzte sich an den Frühstückstisch.

Es war ungewohnt, aber nach einigen Tagen auch das nicht mehr, und auch wenn der König seinen ratlosen Gesichtsausdruck angesichts dieser Caprice seiner Gattin beibehielt, fand er den Anblick des goldenen Eis zwischen ihren weichen Brüsten doch ganz reizvoll. 

Als nach einigen Wochen dicht über ihrem Herzen ein Ticken wie von einer nicht ganz ordnungsgemäß laufenden Uhr zu spüren war, begann die Königin zu ahnen, daß das Ei tatsächlich mehr war, als ein Schmuckstück, ein Talisman, ein Glücksbringer …. Auch die Gans, die ihr immer Gesellschaft leistete und darauf achtete, daß sie das Ei nicht vergaß, und auch mal das Ei hütete, wenn die Königin baden wollte oder so, die Gans neigte gespannt den Kopf vor, und als sie ein leises Knacken und Krachen der goldenen Schale hörte, breitete sie ihre Schwingen aus, schlug damit dreimal und watschelte zum Fenster. Energisch pickte sie mit dem Schnabel gegen das Fenster, so daß der König begriff, daß es dieses ohne Zweifel zu öffnen galt. Die Königin, unaufmerksam und fasziniert von den Ereignissen an ihrem Busen, streckte zwar noch die die Hand aus und rief: „Bleib doch, ich brauche dich!“ aber die graue Gans hatte sich schon mit kräftigem Flügelschlag in die Lüfte erhoben. Zum Abschied hörte man sie triumphierend schreien, dann flog sie rasch in Richtung Bergsee davon.

Da saß die Königin mit ihrem berstenden goldenen Ei, in dem es leise aber energisch klopfte. Was möchte sie da in der Wärme ihres Busens ausgebrütet haben? „Das Wichtigste in Eurem Leben“ hatte die Alte gesagt …. Die Schalen fielen auseinander und heraus kugelte ein kleines – Wesen. Gefiedert wie ein Vogel, golden wie das Ei, nicht höher als eine Hand. „Was ist das?“ rief der endlich wieder zur Sprache gefundene König aus. „Ich glaube, “ sagte die Königin mit schiefem Lächeln, „es ist jetzt unser …. Kind.“ – „Äh,“ räusperte sich der König, „äh, es, äh, sieht keinem von uns sehr ähnlich, nicht wahr?“ Die Königin beobachtete mittlerweile lächelnd die Versuche des kleinen Vogelwesens, sich aufzurichten: „Nein,“ sagte sie abgelenkt, „es ist viel hübscher.“ – Der König verließ leise den Raum.

Während der ersten Stunden mit dem kleinen Wesen bemerkte die erstaunte aber irgendwie sehr zufriedene Königin die Abwesenheit ihres Gemahls gar nicht. Erst als die Kammerfrau mit einem Tablett ins Schlafgemach kam und fragte, wo sie das Essen aufdecken sollte, am Tisch oder am Bett, sah die Königin, daß sie allein essen würde. Die Kammerfrau vermied es, sie und das goldgefiederte Kind anzusehen und verließ knicksend den Raum. Die Königin setzte sich zu Tisch, ihr Kind im Arm und fühlte trotz des ungewohnten Alleinseins bei der Mahlzeit seltsam der Wirklichkeit entrückt, sobald sie dem Wesen in das kleine goldene Gesicht sah, ein schönes und ganz und gar menschliches Gesicht, allerdings zusammen mit einem geflügelten, federbedeckten kleinen Körper sehr, sehr fremdartig.

In dieser Stimmung befand sich die Königin noch immer, als es an der Tür klopfte… Nein, der König war es nicht, zu ihrer Enttäuschung. Es war der Hofmarschall in Begleitung des Hofoberjägers und der weinenden Kammerzofe, die immer nur schluchzte: „Nein, das dürft ihr nicht tun! Nein, ihr dürft doch nicht …“ – Die Königin drückte instinktiv ihr Kind an sich und zog sich auf die andere Seite des großen Himmelbettes zurück. „Was wollt ihr, und was soll dieser Auftritt? Seht ihr nicht, daß hier eine Mutter und ihr Kind ihre ungestörte Ruhe brauchen?“ – „Ha, Kind!“ bellte der Hofoberjäger ungehobelt. „Eine untergeschobene Missgeburt habt Ihr da, Frau Königin. Ich habe den Auftrag, dieses … Ding in den Wald zu den anderen Tieren zu bringen, wohin es gehört.“ – Das Kind seufzte und öffnete seine blauen Augen, um den lauten Mann mit festem Blick anzusehen. Der errötete verlegen und verstummte. – „Nein, das wirst du nicht tun!“ rief die Königin und bedeckte das Kind mit einem Tuch, um es vor den übel wollenden Blicken zu schützen. „Wo ist der König? Ich will ihn sprechen, sofort!“ Der Hofmarschall schob sich einen Schritt vor den Hofoberjäger und antwortete: „Der König hat den Auftrag persönlich erteilt, Eure Majestät. Er erträgt den Gedanken nicht, in seinem Schloss ein Wesen als sein Kind und Erbe großzuziehen, das nicht menschlich ist, sondern aus einem Ei gebrütet wurde und Euch den Verstand geraubt hat.“ Er trat einen weiteren Schritt vor: „Gebt mir das … Wesen.“ – „Nein,“ wehrte die Königin ab, „niemals werde ich mich von meinem Kind trennen, sondern ich werde es in die Wildnis begleiten. Es ist ein kleines Mädchen, sagt das dem König! und jetzt ‘raus hier, ich muss mich umziehen! Wagt es nicht, mich zu stören, bevor ich nicht aus der Tür herauskomme!“ Sie wandte sich an die verheulte Kammerfrau: „Und du – du kommst mit!“ – „Ich?“ fragte die erschrocken. „Warum ich?“ „Wer sonst könnte mit uns gehen?“ fragte die Königin, aber sie musste sehen, wie sich die Dienerin auf die Knie sinken ließ und um Gnade flehte. „Dann gehe ich allein,“ winkte sie müde ab. Alle Kraft verließ sie plötzlich.

Da strampelte das Kind ein wenig in seinem Tuch, so daß sie sein Gesichtchen davon befreite, um es ungehindert atmen zu lassen. Ein Blick in das goldene Gesicht, und die Königin fasste neue Zuversicht. „Dann hilf mir wenigstens, das Nötigste zusammenzupacken. Du weißt, daß ich mich damit nicht auskenne.“ – Überrascht erhob sich die Kammerfrau und ging den Tätigkeiten des Packens automatisch nach, indem sie eine große Reisetruhe heranzog und den Deckel öffnete. Die Königin sagte: „Nicht so. Es hat sich nicht so angehört, als wäre meine Abreise mit einer Kutsche geplant. Der Hofoberjäger soll mein Kind in den Wald bringen, also werden wir wohl nur wenig mitnehmen können. Lege mir ein Kleid, einen festen Mantel, Wäsche und etliche Tücher für das Kind heraus und packe das in eine große Tasche.“ Die Kammerfrau nickte und tat, wie ihr befohlen.

Es dauerte gerade eine halbe Stunde, da öffnete die Königin entschlossen die Tür und rief dem Hofmarschall zu: „Wir sind bereit. Gehen wir.“ Der Hofmarschall winkte den Hofoberjäger heran und beide begleiteten die Königin über die leeren Flure und den still daliegenden Hof zum Schloßtor. „Wo sind all die Leute?“ wollte die Königin wissen. Der Hofmarschall zuckte nur die Schultern und schaute unwillkürlich zu einem der Fenster hinauf. Dahinter bewegte sich ein Schatten. „Vermutlich der König“, dachte die Königin bedauernd, aber nicht ohne Groll, weil er nicht einmal versucht hatte, ihr Wunschkind noch einmal anzusehen. Sie war überzeugt davon, daß sich alles hätte wenden können … doch so wandte sie sich selbst zum Gehen. „Meine Herren,“ sagte sie, „in welche Richtung sollen wir gehen?“ Der Hofmarschall machte eine Verbeugung: „Da Eure Majestät darauf besteht, mitzugehen, muss ich mich hier von Euch verabschieden. Der Hofoberjäger wird Euch geleiten.“ Er verbeugte sich noch einmal und zog sich in den Schlosshof zurück.

Der Hofoberjäger schien sein grobes Verhalten von vorher angesichts der Haltung der Königin ein wenig zu bereuen. „Ich bitte um Verzeihung, Eure Majestät, für die Unannehmlichkeiten, die auszuführen ich das Unglück habe. Jetzt, da ich das Kind gesehen habe, tut es mir sehr leid. Bitte versteht, daß ich Euch nichts zuleide tun will, aber der König hat’s befohlen.“ – „Jaja,“ antwortete die Königin. „Sagt mir nur, wohin wir gehen.“ – „Zum Wald am Bergsee,“ antwortete der Mann, „so lautete der Befehl.“ – „Und dort solltest du mein Kind allein lassen?“ fragte die Königin. „Hilflos und allein?“ Er nickte stumm. „Wie das?“ – „Der König sagte, wenn es ein Tier sei, würde es unter Tiere gehören. …“ Die Königin schüttelte enttäuscht den Kopf. „Wie kann er nur,“ murmelte sie. Laut sprach sie: „Dann lass uns dorthin gehen.“ – Sie wanderten einen ganzen Tag. Die Königin und ihr Kind benötigten häufige Pausen und der Hofoberjäger wurde immer verlegener, je häufiger er Mutter und Kind beobachtete: ein Säugling mit goldenen Flügeln – außergewöhnlich, aber …. schön? Er wunderte sich über sich selbst.

Unterwegs dachte die Königin viel nach, und ihr kam die alte Frau mit der Wildgans in den Sinn, wegen der ihr all dies hier widerfuhr. „Das Wichtigste in Eurem Leben“ hatte sie gesagt. Und nun änderte sich ihr ganzes Leben, wegen dieses goldenen Eis. – Gerade als hätte die alte Frau nur auf den Gedanken gewartet, stand sie plötzlich am Waldrand, so selbstverständlich, als hätten sie eine Verabredung. – „Oh, die hatten wir auch, Kind!“ sagte die Alte zu ihr und nahm ihr das Bündel mit dem Kind ab, schlug die Decke zurück, lächelte und wiegte es ein wenig. „Wenn Ihr wollte, Frau Königin, könnt Ihr mir hier das Kind getrost übergeben und mit dem braven Hofoberjäger zurückgehen. Er hat seinen Auftrag erledigt und das Kind in die Wildnis gebracht.“ – „Nein!“ rief die Königin, „das werde ich gewiss nicht tun. Ich gehe nicht eher zurück, als bis der König öffentlich im ganzen Reich verkündet, daß seine Tochter ihm herzlich willkommen ist, und wenn das Jahre und Jahre dauern soll!“ – „So soll es sein,“ nickte die alte Frau und verabschiedete den noch wartenden Hofoberjäger mit einer wedelnden, sehr deutlichen Handbewegung. Dennoch nahm er sich die Zeit, sich zu verbeugen. Fast sah es aus, als verbeugte er sich vor der alten Frau nicht minder. Dann entfernte er sich raschen Schritts, zurück in Richtung des Königsschlosses.

Die Königin sah ihm nach und seufzte. „Nun habe ich mich entschieden. Was soll aus uns werden?“ Die alte Frau sagte: „Mach dir keine Sorgen und komm. Es ist alles bereit.“ Dann führte sie die Königin einen schmalen Weg in den Wald hinein, immer weiter vom Hauptweg sich entfernend. Die Königin stellte keine Fragen, schwieg, schaute und folgte der geheimnisvollen Frau, die das Kind trug, und stattdessen der Königin das Gepäck überlassen hatte. Ob es lang gedauert hat oder nicht, wer weiß das zu sagen? Bäume sind Bäume und viele Bäume sind viele Bäume, wenn man, wie die Königin, sich nicht auskannte. Einmal überquerten sie einen Bach. Dennoch war sie überrascht, wie schnell sie ein Häuschen im Wald erreicht hatten, nachdem sie so gedankenversunken zwischen den Bäumen hindurchgewandert waren. „Hier wohnen wir,“ verkündete die alte Frau und wies auf die Haustür. „Es ist alles da, was wir brauchen. Holz, Wasser und Ruhe. Komm herein.“

Die Königin trat ein. Die Stube war nicht groß. Darin standen ein Ofen, auf dem man Bettzeug erkennen konnte, ein Tisch, zwei Bänke, ein Geschirrschrank und – eine buntbemalte hölzerne Wiege. „Hier ist euer Zuhause für die kommenden Jahre,“ sagte die Frau. „Jahre?“ fragte die Königin mit kleiner Stimme. „Oh ja, gewiss. Ein paar werden es schon,“ versicherte die Alte.

Im Wald

Die Königin bekam reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob es nicht einfacher gewesen wäre, das Kind bei der alten Frau zu lassen, und mit dem Hofoberjäger zum Schloss zurückzukehren, während sie das einfache Leben im Wald kennen lernte, aber sie bereute ihren Entschluss selbst dann nicht, wenn sie sich am Herd die Finger verbrannte oder sich beim Holzhacken und -schlichten Splitter in die Haut einzog, selbst das Barfußlaufen machte ihr nach einiger Zeit nichts mehr aus. Sie vermisste die Annehmlichkeiten, die Sorglosigkeit, die Abwechslung und sie vermisste sogar den König für ein paar Augenblicke, wenn sie nicht daran dachte, weshalb sie alles verlassen hatte, um einsam im Wald zu leben: das goldgefiederte Vogelmädchen war herangewachsen, hatte Laufen und Sprechen gelernt und sang mit einer lieblichen Stimme mit den Vögeln des Waldes im Wechsel. Die Vögel schienen sich mit dem Kind zu verständigen, und oft hörte es ganz woanders zu, wenn ihre Mutter oder die alte Frau mit ihm sprachen.

Als es etwas älter war, lernte das gefiederte Kind von seiner Mutter, der Königin alles, was eine Prinzessin wissen musste, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, Geographie und Tanz, und die weise Alte lehrte sie das Wissen von Pflanzen und Tieren, vom Wetter, aber am wichtigsten von allem: sich in eine graue Wildgans zu verwandeln und zu fliegen. Sie wurde älter, wuchs zu einer jungen Frau heran und begann, sich zu sehnen, wonach, das wusste sie anfangs nicht. Aber als sie eines Tages, im Gebüsch verborgen, eine königliche Jagdgesellschaft beobachtete, die ihre Pferde am Bach tränkte, da sah sie zum ersten Mal die Wesen, die keine Frauen waren. Immer häufiger unternahm die goldgefiederte Prinzessin kleine Ausflüge in den Wald, in der Hoffnung, mehr von dieser fremden Menschenwelt sehen zu können.

Die Jahre am Königshof waren vergangen, der König fühlte sich einsam und müde. Er machte sich Gedanken darüber, wer sein Reich einmal erben sollte, nun, da er ohne Frau und Nachkommen allein geblieben war. Ursprünglich war mit seinem Freund und Nachbarkönig verabredet gewesen, daß später jeweils diejenigen ihrer Kinder, die sich ineinander verliebten, heiraten und das Reich erben sollten, um die Freundschaft in beiden Reichen zu besiegeln, aber es war anders gekommen: während die Frau des einen Königs nacheinander drei Söhne bekam, wurde dem anderen Königspaar gar kein Kind geboren, bis zu dem Tag, als aus dem goldenen Ei das goldgefiederte Wesen schlüpfte, von dem der König sich weigerte, es „Tochter“ zu nennen. Stattdessen war seine Königin mit diesem Wesen in den Wald geflohen; so bestand keine Hoffnung mehr auf eine weiteres, nun: zumindest ein anderes, ein normales Königskind, das die Zukunftspläne der Väter erwartungsgemäß erfüllen konnte.

Die Zeit verging. Während im Wald die gefiederte Prinzessin zu einer zauberhaften Gestalt und einem liebenswürdigen und klugen Wesen heranreifte, sah sich der König genötigt, eine Entscheidung zu treffen. Nach achtzehn einsamen Jahren freute ihn das Königsein nicht mehr. Er hatte darüber nachgesonnen, wem er sein Reich übergeben könne, ohne eine Eheschließung in Ermangelung heiratsfähiger Kinder. Eines Nachts war ihm im Traum ein goldener Hirsch erschienen, der ihm die Lösung verraten hatte, und so ließ er den Nachbarkönig mit seinen drei Söhnen anreisen und erklärte ihnen, daß jene drei Königssöhne in den Wald gehen sollten, um eine Aufgabe zu lösen: derjenige sollte das Königreich erben, der mit dem Besten zurückkehrte, was er in dem Wald finden würde. Der König würde darüber urteilen und denjenigen der Prinzen zu seinem Nachfolger erklären, der das Richtige brächte.

Sein Freund kam und brachte seine drei Söhne mit: der Älteste gefiel ihm recht gut, denn die Jagd war auch seine eigene Leidenschaft. Sie unterhielten sich sehr angeregt. Der Mittlere besichtigte das Schloss und stellte verständige Fragen zur Verwaltung von Gütern und Vermögen; er war sorgfältig gekleidet und erwies sich beim Essen als wahrer Feinschmecker. Der Jüngste stand etwas im Schatten seiner forschen älteren Brüder; er interessierte sich für die Ställe, saß aber ansonsten stumm bei Tisch, beobachtete die Kerzenflammen und lauschte der Tischmusik – ein Träumer. Nachdem alles besprochen war, blieb die ganze Gesellschaft noch über Nacht, um am nächsten Morgen aufzubrechen.

Die Prinzessin wusste bereits seit ihrem sechsten Geburtstag von der Geschichte, wegen der sie mit ihrer Mutter im Wald lebte, und die Warnungen der beiden Frauen, beim Herumstreifen im Wald ja vorsichtig zu sein, beherzigte sie stets, aber dennoch liebte sie es, die wenigen Menschen zu beobachten, die sich entlang des Hauptweges durch den Wald bewegten. An dem Tag, da die drei Brüder in den Wald kamen, war die Prinzessin wieder einmal auf einem ihrer sehnsüchtigen Streifzüge, denn je älter sie wurde, desto mehr wünschte sie sich, jemand anderen, neuen kennen zu lernen. Die drei saßen auf einer grasbewachsenen Lichtung von ihren Pferden ab, um an einem plätschernden Bach zu rasten. Während sie sich um die Pferde kümmerten, unterhielten sie sich über ihre bevorstehende Aufgabe, dasjenige im Wald zu finden und dem König zu bringen, was sie für das Beste dort hielten.

Gespannt lauschte die im dichten Gebüsch verborgen kauernde Prinzessin. Sie erkannte bald, von welchem König die Rede war, und auch, daß sie so schnell wie möglich die Königin und die weise alte Frau davor warnen musste, daß diese drei Männer den Wald nach etwas Besonderem zu durchsuchen beabsichtigten, denn da es um ein ganzes Königreich ging, würden sie gründlich suchen und sicherlich ihr Häuschen finden. So leise wie möglich vollzog sie die Verwandlung in ihre Graugansgestalt, nur das Losfliegen verursachte ein unvermeidliches Krachen von Zweigen und Flügelrauschen. Die drei Prinzen fuhren überrascht zusammen, dem ältesten gelang es sogar, einen Pfeil in die Luft abzuschnellen, und nur seiner Hast verdankte die Prinzessin, nicht getroffen zu werden. So schnell sie konnte, flog sie zum Waldhäuschen, während die drei Königssöhne das Gebüsch untersuchten. Der Älteste ärgerte sich, weil er den Gänsebraten verfehlt hatte, der Mittlere bedauerte das zwar auch, hatte aber keine Lust, sich an den Zweigen die Kleider zu zerreißen, und der Jüngste war froh, daß sein ältester Bruder den Vogel verfehlt hatte – er mochte das Töten nicht. Auf dem dunkelgrünen, zerdrückten Moos entdeckte er eine kleine goldene Feder. Er zeigte sie den beiden anderen Prinzen, doch die warfen nur flüchtige Blicke darauf. Der Älteste sagte: „Vermutlich von einem Pirol. Auch schwer zu treffen, trotz der auffallenden Farbe, mir allerdings pflegt das zu gelingen …“ und er redete noch ein wenig weiter von seiner Bogenkunst, wohl weil der verfehlte Schuss auf die fliehende Gans ihn noch immer wurmte. Der Mittlere zuckte gleichmütig die Achseln: „Pirol oder Goldammer – gleichwohl: nutzlose kleine Vögel.“ Der Jüngste drehte die Feder zwischen seinen Fingern, sagte: „Ich finde sie schön,“ und steckte sie zu sich. Dabei wünschte er sich, einen so goldschimmernden Vogel zu sehen, wagte aber nicht, diesen Wunsch laut zu äußern, da seine Brüder ihn nur einmal mehr auslachen würden. Sie beendeten ihre Rast und verabschiedeten sich voneinander, um von da an getrennt auf die Suche zu ziehen.

Inzwischen hatte die gefiederte Prinzessin das Häuschen erreicht und alles genauestens berichtet, was sie gesehen und gehört hatte. Die Königin war zutiefst erschrocken und ratlos, denn sie fürchtete, daß die Prinzen das Haus und seine Bewohnerinnen entdecken, verraten und in Gefahr bringen würden. Die alte weise Frau dagegen hörte ruhig zu und nickte immer wieder, sichtlich zufrieden. Sie sagte: „Beruhigt euch, es ist alles so, wie es sein soll. Darauf haben wir jahrelang gewartet, meine Lieben. Wenn ihr meinen Ratschlägen folgt, wird alles gut ausgehen, ihr werdet staunen, wie gut sogar.“ Dann erklärte sie, was als nächstes geschehen würde: „Die Prinzen werden dieses Haus finden – mehr oder weniger.“ Sie lachte eines ihrer seltenen lauten Gelächter, wie Vogelgeschrei.

Jeder der Prinzen hatte im Wald eine andere Richtung gewählt, doch begegnete allen etwas Ähnliches: bei Einbruch der Dämmerung, als sie müde und hungrig feststellen mussten, daß dieser Tag ohne Erfolg endete, und sie im Wald übernachten müssten, stand eine alte, schwarzgekleidete Frau am Wegesrand …

Der Älteste ritt im Schritt und spähte aufmerksam in den Wald hinein, denn er hatte das Röhren eines Hirschs gehört. Die Frau, ein Bündel gesammeltes Holz auf dem Rücken, trat aus dem Schatten und sprach ihn unterwürfig an: „Sucht Ihr die Jagdgesellschaft, Herr?“ fragte sie. „Jagdgesellschaft?“ echote er, sofort hochinteressiert. „Gibt es hier eine?“ – „Unweit von hier, Herr,“ antwortete die alte Frau bescheiden, „steht das Jagdschloss des Barons von der Dachsburg im Wald.“ Sie wies mit der Hand die Richtung: „Dort entlang.“ Frohgemut trabte der älteste Prinz an und folgte dem ihm gewiesenen Weg. Binnen erstaunlich kurzer Zeit erreichte er das hell erleuchtete Jagdschlösschen und wurde von einem rothaarigen Diener empfangen, der einen wieselgesichtigen Knecht anwies, sich um das edle Pferd des Neuankömmlings zu kümmern, während er ihn zum Speisesaal und Hausherrn geleitete. Jener, ein Mann in den besten Jahren, mit dichtem, dunkel- und silbergestreiftem Haar, erhob sich, um den unerwarteten Gast freundlich zu begrüßen und zu Tisch zu bitten. Die Wände waren mit Jagdtrophäen und dazupassenden Bildern geschmückt. Man aß und trank reichlich, aber vor allem sprach man über die Jagd. Der Prinz erwähnte das Röhren des Hirsches, das er vernommen hatte, und schon berichtete man ihm von einem sagenhaften Hirsch, der in diesen Wäldern leben sollte – ein goldenes Geweih sollte er gar besitzen … und man habe vor, am nächsten Morgen diesen Hirsch und anderes Wild aufzuspüren, mit ihm als gerngesehenem Gast, wenn er wollte. Der älteste Prinz war Feuer und Flamme für dieses Vorhaben und rechnete fest damit, daß er als der glückliche Jäger die Trophäe als das Beste dieses Waldes zum König brächte.

Der mittlere Prinz begegnete ebenfalls der alten Frau im schwarzen Kleid. Er überholte sie entlang des Weges, und sie trug ein hohes Holzbündel auf ihrem gebeugten Rücken. Als er sie ansprach, um sie nach einem nahe gelegenen Gasthof zu fragen, oder überhaupt einem Haus im Wald, ließ sie ihre Last sinken, um sich auszuruhen: „Ein Gasthaus gibt es hier keines, Herr, aber in der Nähe ein Jagdschloss des Barons von der Dachsburg; Ihr habt Glück: gerade ist er mit einer Gesellschaft anwesend, sonst stünde es leer.“ Das gelangweilte Gesicht des Prinzen leuchtete hocherfreut auf: „Weise mir die Richtung, Frau!“ verlangte er, dann trabte er davon. Er musste nicht lange suchen, bald tauchten die freundlichen Lichter auf, ein fuchsgesichtiger Diener öffnete, ließ das Pferd des Gastes unterbringen und geleitete ihn zum Speisesaal. Der Hausherr empfing ihn freundlich und platzierte den modisch gekleideten Neuankömmling neben seiner Tochter, um am Abendessen teilzuhaben. Ein wenig verdutzt bemerkte er seinen älteren Bruder auf der anderen Seite, offensichtlich vertieft in die leidenschaftliche Schilderung eines waidmännischen Erlebnisses. Die Aufmerksamkeit der jungen, blonden und vor allem sehr ansehnlichen Tochter des Barons wandte sich dem eben erst Erschienenen sofort zu, und elegant widmete er sich der Aufgabe, sie mit interessanteren Themen als der Jagd zu unterhalten, war sie doch unzweifelhaft das Beste, was er in diesem Wald jemals zu finden erwartet hätte …

Der jüngste Prinz war ziellos im Wald umher geritten, hatte den Vögeln in den Baumkronen gelauscht, über vermeintliche Gesichter in knorrigen Baumrinden gelächelt, Eichhörnchen gefüttert und Ausschau gehalten nach dem goldgefiederten Vogel. So war es dämmerig geworden, und er war sehr froh, am Wegesrand eine alte Frau im schwarzen Kleid zu treffen, die sich mit einem Holzbündel abplagte, daß sie sich auf den Rücken zu heben versuchte. er grüßte freundlich: „Darf ich dir mit deinem Bündel helfen? Ich denke, mein Pferd kann es gut tragen, wenn du mir sagen willst, wohin. Wir bringen es dir gewiss gern in dein Dorf und bis zu deiner Haustür, denn vielleicht gibt es ja im Dorf einen Gasthof?“ – „Danke, mein Junge,“ antwortete die alte Frau, „das ist sehr liebenswürdig von dir und soll belohnt werden, nur: einen Gasthof gibt es nicht, wohin wir gehen. Ich bringe dieses Bündel Brennholz zu einem Jagdschloss im Wald.“ – „Wohin du willst,“ sagte der Prinz und schritt neben dem Pferd her, um sich mit der Frau auf Augenhöhe unterhalten zu können und das richtige Tempo zu finden. „Wem gehört das Schloss?“ fragte er. – „Dem Baron von der Dachsburg,“ antwortete die Frau. „Er hat eine Jagdgesellschaft dort. Gewiss wird man Euch dort auch noch aufnehmen können.“ Der Prinz trennte sich im Hof von der alten Frau, die ihr Holzbündel entgegennahm und sich bedankte, dann empfing ihn ein rothaariger Diener, der ihn weitergeleitete zum Gastgeber, der den Prinzen einlud, im Jagdschloss zu übernachten und am abendlichen Mahl teilzuhaben. Der Prinz nahm die großzügige Gastfreundschaft dankbar an und ließ sich an der Tafel bei einer Gruppe junger Leute nieder, die einem Lautenspieler lauschte. im Laufe der Mahlzeit bemerkte er überrascht seine Brüder bei Tisch, die aber, in Anspruch genommen von ihren Tischgesprächen, weder ihn noch einander beachteten. Er lachte innerlich über den Zufall, machte sich aber keine weiteren Gedanken, sondern freute sich nur darauf, die Nacht in einem richtigen Bett verbringen zu können und am Morgen nach einem schönen Frühstück seine unbestimmte Suche im Wald wieder aufzunehmen. Als der Herzog ihn einlud, sich anderntags der Jagdgesellschaft anzuschließen, lehnte er höflich ab, denn er war kein Freund der Jagd.

Seine Brüder hingegen schlossen sich am nächsten Morgen gern der Jagdgesellschaft an. Der Älteste, weil er den kapitalen Hirsch aufzuspüren und zu erlegen hoffte, wenn ihm die Jagdgehilfen und Hunde des Barons mit zur Seite stünden, der Mittlere, um seine Bekanntschaft mit der Tochter des Barons zu vertiefen, denn diese war nicht nur als Erscheinung eine erstrebenswerte Braut, sondern anscheinend auch einziges Kind und Erbin. Sollte er sie als das Beste aus dem Wald mitbringen, wäre so die Grundlage für eine Erbfolge in seinem zukünftigen Königreich mit einer passenden zukünftigen Königin gesichert. Das musste doch unschlagbar sein.

So kam es, daß am nächsten Morgen eine fröhliche bunte Schar von Männern und Frauen auf glänzenden, tänzelnden Pferden und einer bellenden Hundemeute sowie einer Handvoll einfacher Jagdgehilfen in die eine Richtung aufbrach, während der jüngste der drei Prinzen allein in die entgegengesetzte Richtung das Schloss verließ.

Von der Morgensonne hellgolden durchleuchtete Dunstschleier hingen noch zwischen den Bäumen, und sobald der jüngste Prinz den Lärm der Jagdgesellschaft kaum noch vernehmen konnte, gab es nur noch Vogelgezwitscher und ab und zu ein Rascheln in den Zweigen.

Tatsächlich gelang es dem ältesten Prinzen im Laufe des Tages, diesen einen, ganz besonderen Hirsch zu stellen und das Tier zu erlegen. Der Baron, eingeweiht in die spezielle Aufgabe, die der Prinz auf diese Weise so hervorragend gemeistert hatte, sagte ihm Begleitung und Hilfe zu, um das riesige Tier alsbald zum Königsschloss bringen zu lassen, und so verabschiedete sich der älteste Prinz am Nachmittag stolz und zuversichtlich, mit dem Besten, was in diesem Wald zu finden gewesen war, zum König zurückzukehren und so das Erbe für sich zu gewinnen.

Der mittlere Prinz beobachtete ihn in seiner naiven Freude und war froh, ihn davonreiten zu sehen, denn er selbst wollte den Abend nutzen, seiner zukünftigen Braut und ihrem Vater seine Absichten und hervorragenden Aussichten zu erklären: er blieb darum noch im Jagdschloss.

Der Jüngste ritt durch den Wald, sang ab und zu ein Lied, saß an glucksenden Bächlein, streckte sich am Abend zum Schlafen unter dem Sternenhimmel aus und dachte: „Das Beste am Wald kann man gar nicht mitnehmen, das ist ja der Wald selbst, mit allem darin und darüber.“ Im Einschlummern noch murmelte er: „Ich werde meine Aufgabe wieder einmal nicht erfüllen können. Aber das macht nichts. So ist es schön genug,“ und damit schlief er ein, während sein ältester Bruder im Königsschloss seine Jagdbeute präsentierte und der mittlere Prinz im Jagdschloss vor dem Baron und seiner Tochter seinen Kniefall vollführte.

Der Jüngste träumte einen herrlichen Traum: ihm war, als säße neben ihm im Mondlicht das wunderbarste Wesen, das er je gesehen hatte, halb Vogel, halb Mädchen, von goldschimmernden Federn bedeckt am ganzen Körper, und er hörte es mit leiser Stimme singen, daß ihm das Herz schmolz. Ein Flügelrauschen weckte ihn: als er in der Morgendämmerung erwachte, schaute er sich, noch vom Traum ganz benommen, um, ob das Wunderwesen in der Nähe sei, aber außer vom Morgentau tropfenden und glitzernden Blättern und Gräsern war nichts Goldenes zu sehen. Oder …? Doch! Da … direkt neben der Stelle, wo sein Kopf geruht hatte, glänzte es im Gras. Dort lag eine Feder. Diesmal allerdings war es keine kleine Feder, sondern eine große, wie vom Flügel eines großen Vogels, nur golden. Entzückt betrachtete er diese Feder, sprang auf, tanzte und jauchzte: „Du warst also kein Traum, du wunderschönes Mädchen! Du warst da. Oh, ich wünschte, ich hätte nicht geschlafen! Wie gern hätte ich mit dir gesprochen! Und wie wünschte ich mir, dich wieder zu sehen, du Vogelprinzessin!“ Versunken setzte er sich wieder und überlegte, was er tun sollte: wenn er diesen Ort verließ, würde er das goldgefiederte Wesen vielleicht nie mehr zu sehen bekommen, aber wenn er dort bliebe, konnte er es nicht suchen, und er wünschte sich doch so sehr, daß er kaum stillstehen konnte. Er beschloss darum, solange im Wald zu bleiben, bis er das Wesen gefunden hätte, und sich an dieser Stelle eine einfache Hütte zu bauen. So hatte er etwas zu tun bis zur Nacht, in der er hoffte, wieder von seinem goldgefiederten Traum besucht zu werden.

Während er an seiner Hütte arbeitete, erschien auf der Lichtung die alte Frau im schwarzen Kleid, wieder beim Holzsammeln. Er wunderte sich nur kurz, daß sie so weit im Wald herumwanderte, sondern grüßte freundlich zurück, als sie ihn ansprach. Nach einem Gruß fragte sie ihn, was er da treibe, ob es ihm denn im Jagdschloss weniger gut gefallen habe, als im Wald. Wahrheitsgemäß antwortete er, daß er von der Jagd als Vergnügen nichts halte und eigentlich auf eine Suche nach dem Besten des Waldes ausgesandt worden war, aber daß er nichts gefunden habe, was man von einem zukünftigen König erwarte, sondern daß für ihn zuerst die Schönheit des Waldes das Beste war, und dann ein goldener Vogeltraum, von dem er kaum zu hoffen wagte, daß er sich wiederholte. Die alte Frau ließ sich alles ganz genau erzählen, angefangen bei dem Auftrag, der den drei Prinzen erteilt worden war, über den Traum von der gefiederten singenden Schönheit, bis hin zu seiner Hoffnung, daß er, indem er hier eine Hütte baute und bliebe, das Mädchen wieder sehen könnte, das goldene Federn trug. Sie ließ sich auch die beiden Federn zeigen, die der Prinz aus seinem Wams hervorzog, wo er sie in der Nähe seines Herzens trug. Als der Prinz geendet hatte, überlegte die Frau ein wenig, dann nickte sie: „Gut, wenn du es wünschst, soll es so sein. Bleibe noch hier. Wenn eine Wildgans über die Bäume fliegt, folge ihr.“ Mit diesen Worten ließ sie den verwunderten jungen Mann zurück und verschwand im Wald. Die Frau hatte ihn am Tag zuvor zum Jagdschloss geführt, warum sollte er ihr nicht vertrauen? So richtete sich der Prinz darauf ein, die Wildgans zu erwarten.

Die alte Frau kehrte zum Jagdschloss zurück, aus dem sich mittlerweile auch der zweite Prinz mit seiner Braut auf den Weg zum Königsschloss gemacht hatte, weshalb der Baron, die Gesellschaft und Dienerschaft entlassen werden konnten: die alte weise Frau vollführte einige Gesten, bedankte sich bei dem Dachs, dem Fuchs, dem Wiesel, mehreren Eichhörnchen und etlichen anderen Waldtieren für ihre Hilfe, und in einem weiteren Handumdrehen verwandelte sich das Jagdschloss zurück in das kleine Haus im Wald, in dem die alte Frau mit der Königin und der gefiederten Prinzessin lebte.

Die Alte winkte der Königin und der Prinzessin, am Tisch Platz zu nehmen und berichtete, was der jüngste Prinz von seinem nächtlichen Traum erzählt hatte. Die Prinzessin errötete unter ihren goldenen Federn, was einen ganz besonders hübschen Effekt hatte. Die alte Frau fuhr fort: „… und darum wirst du, mein Kind, ihn heute Abend hierher bringen, damit er dich kennen lernen soll, wie du wirklich bist. Wir werden gemeinsam essen …“ – „Er wird uns verraten!“ rief die Königin angstvoll aus. „Der junge Prinz ist als Träumer bekannt,“ beruhigte die Alte. „Nicht viele würden ihm die Geschichte glauben.“ Sie wandte sich an die Prinzessin: „Nun, Kind, was meinst du dazu?“ Die Prinzessin sagte aufrichtig: „Er ist der netteste junge Mann, den ich je gesehen habe, und wenn er sagt, er findet mich schön, dann habe ich nichts zu verlieren, außer, daß er mich weniger schön findet, wenn er mich essen sieht. Davor fürchte ich mich.“ – „Dann ist das also abgemacht,“ nickte die alte Frau zufrieden. „Du wirst ihn nachher in deiner Wildgans-Gestalt hierher führen.“

In der Zwischenzeit waren sowohl der älteste Prinz mit seinem großen Hirsch, als auch sein nächstjüngerer Bruder mit seiner blonden Braut beim König eingetroffen und hatten ihm stolz präsentiert, was sie für das Beste befunden hatten, was der Wald am Bergsee zu bieten vermochte. Der Hirsch war unzweifelhaft ein mächtiges Tier mit einem geradezu unglaublich vollkommen gewachsenen Geweih, aber des Königs Begeisterung war doch verhalten, da der Bewerber um sein Königreich bei der Erfüllung seiner Aufgabe zuallererst seinem eigenen Vergnügen nachgegangen war … Ebenso erschien es dem König als Unverfrorenheit des zweiten Prinzen, die Braut gleich mitzubringen, um sein Erbe anzutreten, hatte doch die junge Dame mit dem katzenhaften Gang keine Zeit versäumt, ihren zukünftigen Haushalt alsbald zu besichtigen … Die Rückkehr des dritten, jüngsten Prinzen war noch abzuwarten, aber von dem Träumer erwartete niemand besseres als von seinen Brüdern.

Im Wald erwartete unterdessen der jüngste Prinz gespannt das Auftauchen der angekündigten Wildgans vor seiner kleinen, notdürftigen Unterkunft aus Ästen und belaubten Zweigen. Es dämmerte schon fast, als er die Flügel rauschen hörte, genau wie in der vergangenen Nacht. Die Wildgans zog einige Kreise über seinem Lagerplatz, so daß der Prinz sicher sein konnte, daß es die richtige Gans war, der er folgte, und so stieg er auf sein bereits gesattelt wartendes Pferd, um in die Richtung durch den Wald zu reiten, die die graue Gans ihm über den Baumwipfeln wies. Ab und zu rief die Gans oder kehrte zurück, damit er sie nicht verlöre, und schließlich erreichte er ein Häuschen im Wald, in dessen geöffneter Tür ihn die alte, schwarzgekleidete Frau erwartete.

Nachdem er sein Pferd versorgt hatte, betrat er das Haus. Drinnen saß eine weitere Frau, jünger zwar, aber dennoch etwa im Alter seiner eigenen Mutter, gekleidet nach der Art der Landfrauen. Sie kam ihm vage bekannt vor, aber er konnte nicht wissen, daß er sie vor langer Zeit schon einmal gesehen hatte, als er als kleiner Junge zu Besuch auf dem Schloss des Nachbarkönigs geweilt hatte – er erkannte die Königin nicht. Neben der Königin saß eine graue Wildgans. Der Prinz verneigte sich höflich vor der Königin und, nach kurzer Überlegung, auch vor der Gans, da sie ihn mit so fragendem Ausdruck anzusehen schien.

Die alte Frau bot ihm einen Platz an und fragte: „Ihr seid also wegen eines Traumes im Wald geblieben?“ – „Du hast mir gesagt, ich würde dieses wunderbare Wesen wieder sehen – wo ist das goldgefiederte Mädchen?“ fragte der Prinz und sah sich um. Sein Blick fiel auf die graue Gans: „Du hast mich hierher geführt,“ sprach er zu ihr, „also kannst du keine gewöhnliche Wildgans sein. Und außerdem,“ erinnerte er sich plötzlich, „klingt das Geräusch deines Flügelschlages genau wie das, welches ich hörte, als ich die beiden goldenen Federn fand … die erste vorgestern, als ich mit meinen Brüdern am Bach rastete, und die zweite heute morgen, als ich im Wald geschlafen und so wunderbar geträumt hatte, von einem wunderschönen Mädchen voller goldener Federn, einer Prinzessin, wollte mir scheinen.“ Verlegen sah der Prinz zu Boden, als er von seiner Erinnerung sprach. Da bemerkte er, wie unter dem Tisch etwas leuchtete, er bückte sich danach und erhob sich lächelnd mit einer weiteren goldenen Feder zwischen den Fingern: „Wo ist sie? Sie muss hier gewesen sein! Ihr müsst sie kennen, bitte,“ flehte er die beiden älteren Frauen an, „bitte helft mir doch! Zweimal ist sie davongeflogen, und ich wusste nicht, was oder wer dieses Zauberwesen ist. Eine dritte Feder finde ich hier, und du,“ wandte er sich an die alte Frau im schwarzen Kleid, „hast mir versprochen, daß ich dieses Mädchen wieder sehen werde.“ Die Frau nickte: „Ja, so ist es.“ – „Aber wie?“ fragte der Prinz eifrig. „Nie mehr werde ich von etwas anderem träumen als von ihr, bis ich sie als meine Braut heimführen kann!“

Die Landfrau am Tisch erhob sich von ihrem Sitz und trat auf ihn zu: „Das sind große Worte, junger Prinz. Was, wenn man Euch beim Wort nähme?“ Er antwortete begeistert: „Ja, ja, ja! Bei diesen drei Federn, die mir alles bedeuten, schwöre ich, daß ich die goldene Vogelprinzessin zur Frau wünsche – wenn sie mich armseligen, einfachen Menschen überhaupt will,“ und er küsste die drei goldenen Federn in seiner Hand. Da begann das Gefieder der grauen Wildgans zu schimmern und zu leuchten, ihre Umrisse wurden dunstig und wuchsen bis auf die Größe einer menschlichen Gestalt, und anstelle der Wildgans stand vor ihm die goldgefiederte Prinzessin.

Ein geflügeltes Wesen zu umarmen, ist etwas ungewöhnlich, aber durchaus angenehm, und der Prinz ließ das Mädchen nur sehr widerstrebend los, als die alte Frau das Wort ergriff: „Nun, Prinz, diese Prüfung habt Ihr tatsächlich bestanden.“ Sie lächelte. „Meine liebe Freundin hier ist die Mutter Eurer zukünftigen Braut, und ich denke, es gehört sich, sie nach ihrer Meinung zu fragen, und sich zunächst mit den Problemen zu befassen, bevor Ihr tatsächlich ans Heiraten denken könnt.“ – „Probleme?“ fragte der Prinz. „Ja, welche denn?“ – „Ihr seht sie nicht?“ fragte die Königin. „Nun … nein?“ antwortete der Prinz. „Dann lasst uns zu Tisch sitzen und Abendessen,“ forderte die alte Frau mit einer einladenden Handbewegung auf.

An den Tisch setzten sich die beiden Frauen und der Prinz, auf ein niedriges Kissen am Boden die Prinzessin, der ein flaches Tischchen hingeschoben wurde. Verwundert starrte der Prinz auf diese Vorgänge, und erst als er sah, wie die Prinzessin ihre zierlichen Füße benutzen musste, verstand er. Rasch ließ er sich ebenfalls auf den Boden nieder und fragte höflich und liebevoll: „Darf ich dir helfen, Prinzessin, und dir für den Rest unseres Lebens bei Tisch aufwarten?“ Er griff nach der Gabel und bot ihr einen schönen Bissen, den das Mädchen scheu annahm. Ihm wurde warm ums Herz und beide träumten wohl bereits von einer Zweisamkeit, als die Stimme der Königin sich mahnend vernehmen ließ: „Ihr werdet zu Eurem Wort stehen müssen, Prinz, bei Hof und in aller Öffentlichkeit Eurer Frau aufzuwarten, da sie keine Hände hat.“ – „Das werde ich,“ versprach der Prinz, „was immer auch geschehe.“ – „So sei es,“ rief die alte Frau in beschwörendem Ton, als sollte dies nicht nur der Wald, sondern die ganze Welt hören. „Noch eins,“ fuhr sie im normalen Ton fort: „Eure Kinder werden sehr außergewöhnlich geraten können … daran ist bereits ein König gescheitert.“ Der Prinz lächelte: „Ich werde traurig sein, als einziges Mitglied unserer Familie nicht fliegen zu können.“

Die Königin sah die alte Frau fragend an: „Ich glaube, die zweite Prüfung hat er bestanden?“ Die alte Frau im schwarzen Kleid nickte langsam: „Er meint es tatsächlich so. Trauen wir ihm also die Prüfung Nummer drei auch zu …“ Sie tippte dem Prinzen leicht auf die Schulter, der, versunken in den Anblick des Gesichts der goldgefiederten Prinzessin, gerade etwas abwesend wirkte. „W…was?“ murmelte er, ohne den Kopf abzuwenden. „Eine dritte Prüfung für Euch, Prinz,“ lächelte die Königin. „Jede,“ sagte er mit fester Stimme. „Was soll ich tun?“ – „Ihr werdet Euren Auftrag zu Ende bringen müssen, dessentwegen Ihr in den Wald gekommen seid.“ – „Ach ja, der Auftrag … “ sagte er etwas verwirrt. „Der Auftrag!“ Er strahlte plötzlich. „Aber ja! Meine zukünftige Frau ist doch wirklich das Beste, was es in diesem Wald zu finden gab. Morgen wollen wir aufbrechen … “ Die alte Frau schnalzte missbilligend mit der Zunge: „Prinz, Ihr werdet doch nicht Eure Brüder vergessen haben? Der Älteste verließ diesen Wald mit dem größten Hirsch als Jagdgut, der hier jemals erlegt worden ist, und Euer nächstälterer Bruder brachte die Tochter des Barons von der Dachsburg an den Hof des Königs, eine junge, hübsche und ganz und gar menschlich aussehende Frau.“ Bei den letzten Worten lächelte sie allerdings ein wenig boshaft, bevor sie fortfuhr: „Ihr aber seid der Jüngste, der Träumer, und Ihr werdet mit einer unglaublichen Geschichte zurückkehren – und, um der Sicherheit der Prinzessin willen, nur mit der Geschichte! Ihr sollt jetzt erfahren, weshalb.“ Mit diesen Worten bedeutete sie der Königin, nun ihren Teil beizutragen, indem sie die Geschichte erzählte, wie es dazu gekommen war, daß sie sich mit ihrer Tochter, der gefiederten Prinzessin, im Wald verbergen musste.

Als sie geendet hatte, nickte der Prinz verständnisvoll. „Dann kehre ich nur mit der Geschichte zurück. Aber wie soll ich sie beweisen?“ fragte er. Die alte Frau wies auf seine Brust, wo er in seinem Wams die drei Federn aufbewahrte: „Mit diesen goldenen Federn habt Ihr alles, was Ihr braucht, Ihr werdet es sehen. Vertraut meinem Wort, so wie wir auf Eure Liebe vertrauen. Morgen früh brecht Ihr auf.“

Die Rückkehr

Beim Abschiednehmen am nächsten Morgen zog der Prinz die drei goldenen Federn aus seinem Wams, hielt sie ratlos in der Hand. Schließlich bat er die goldgefiederte Prinzessin, ihm zu sagen, ob es ihr recht sei, wenn er den Wald verließe, um ihr Geheimnis zu verraten. Sie beugte sich ihm entgegen und küsste ihn. Dann wies sie auf die Federn: „Wenn du diese goldenen Federn vorweist, wird der König ahnen, daß ich es bin, aber vielleicht wird er einen Beweis verlangen. Wenn du diese Federn küsst, komme ich.“ Die alte Frau im schwarzen Kleid klapste dem Pferd auf den Schenkel und es trabte davon.

Als sich der Prinz noch einmal umwandte, war von dem Häuschen und den drei Frauen nichts mehr zu sehen. Zu seinem Erstaunen war es weniger als ein Tagesritt bis zum Königsschloss, und in der Abenddämmerung saß er im Schlosshof ab. Der Diener meldete ihn dem Hofmarschall, und dieser meldete ihn dem König, der mit seiner Gesellschaft bereits beim Abendessen saß: dem Vater der drei Prinzen und seinen beiden älteren Brüdern, ihrer Mutter und der blonden Braut des mittleren Prinzen, deren katzenhafte Augen im Kerzenlicht funkelten. Platziert neben seiner Mutter sah ihn diese an,  empfahl ihm mit gesenkter Stimme ein Bad und murmelte dann: „Hast du dich verlaufen? Deine Brüder sind schon längst zurück, und ich glaube, einer von ihnen wird der Erbe werden, wenn du nicht im Wald einen wahren Schatz gefunden haben solltest.“ Mit ebenso gedämpfter Stimme gab er zurück: „Zuerst esse ich, dann bade ich, und dann bitte ich den König um seine Aufmerksamkeit, denn, Mutter, ich habe tatsächlich einen Schatz gefunden.“ – „Ach, du,“ sagte sie bloß kopfschüttelnd, „vermutlich von einem Drachen bewacht, wie ich dich und deine Geschichten kenne. Nachher blamierst du dich wieder. Na, macht ja nichts, wenn du nichts gefunden hast. Hauptsache, du bist gesund zurück.“

Der Prinz tastete lächelnd nach den drei Federn an seiner Brust, schwieg und aß sich erstmal satt. Ab und zu bemerkte er, wie sich seine Brüder mit den anderen Gästen unterhielten und dabei geringschätzige Blicke in seine Richtung warfen, aber daran war er schließlich gewöhnt, und selbst wenn der König einem der beiden älteren Prinzen den ersten Platz zuerkennen sollte, fühlte er sich auch so schon reich belohnt, weil er im Wald seine Liebe gefunden hatte. Als seine Brüder nach dem Mahl zu ihm kamen, um ihn spöttisch zu fragen, was er denn Wunderbares aus dem Wald mitgebracht habe, da er doch gar so lange gebraucht hatte, oder ob er sich einfach nur verlaufen habe – großes Gelächter allerseits – und mit leeren Händen aufgegeben – noch einmal großes Gelächter – zuckte er nur die Schultern und sagte: „Ihr wisst ja, wie’s ist,“ wünschte allen eine „Gute Nacht!“ und zog sich zurück, um zu baden. Hinter ihm schloss sich die Tür vor immer noch witzelnden Stimmen und Lachen.

Am nächsten Morgen verkündete der König seinen Gästen, daß am Vormittag, nun, da der dritte und jüngste Prinz auch endlich – verhaltenes Gelächter – zurückgekehrt sei, eine Audienz abgehalten werden sollte, bei der die drei Prinzen ihre Gelegenheit bekamen, vor aller Augen das Beste zu präsentieren, das sie dem Wald abzuringen vermocht hatten. Anschließend wollte der König sich entscheiden.

Alles murmelte angeregt und versammelte sich zur verabredeten Stunde im Thronsaal. Der älteste Prinz ließ den toten Hirsch von acht Trägern aus dem Eiskeller holen, wo er für diesen großen Moment noch ganz und im Stück aufbewahrt worden war. Das mächtige Tier beeindruckte vor allem die jagdkundigen anwesenden Herren, während manche der Damen lieber stattdessen die Blumenmuster ihrer Fächer betrachteten; eine flüsterte sogar deutlich hörbar: „Noch einer.“ Der König umrundete das steifgefrorene Präsent und sprach dann: “ Ich bin in der Tat der Ansicht, dies könnte der beste Hirsch gewesen sein, den es in meinen Wäldern gegeben hat – schade, daß ich nicht selbst das Vergnügen hatte.“ er winkte den acht Männern, das tote Tier zu entfernen. Der älteste Prinz wirkte verlegen, denn an diese Möglichkeit hatte er gar nicht gedacht.

Erwartungsvoll richteten sich nun aller Augen auf das überaus ansehnliche Paar, das sich dem König näherte und sich vor ihm verneigte: der mittlere Prinz und die hübsche Baronesse aus dem Jagdschloss. „Nun,“ sagte der König, „das nenne ich schnell gehandelt, Prinz, zum zukünftigen Erbe gleich die passende Braut auszusuchen.“ Er lächelte ironisch: „Ich möchte sagen, an Eurer Stelle hätte ich mich auch sehr angezogen gefühlt, aber, Prinz, Euer Auftrag lautete, mir das Beste aus dem Wald zu mitzubringen, nicht Euch.“ Er winkte das enttäuschte Paar, beiseite zu treten und Platz zu machen für den dritten und jüngsten der Prinzen. Dieser trat allein und mit leeren Händen vor den König.

Man hörte Raunen und Kichern im Saal. „Nun, mein Junge,“ sprach ihn der König an, „du warst am längsten fort, hast aber, wie ich sehe, nichts zu zeigen … Fandest du die Aufgabe zu schwer?“ Der Prinz lächelte, stellte sich nach seiner Verbeugung wieder gerade vor den König und antwortete mit klarer Stimme: „Herr König, Eure Aufgabe war tatsächlich sehr schwer, und wenn ich die prächtigen Mitbringsel meiner Brüder betrachte, frage ich mich, ob Ihr mir wohl zustimmen könnt, wenn ich sage, daß diese drei Federn das Beste bedeuten, was Euer königlicher Wald an Wunderbarem in sich birgt.“ Damit zog er aus seinem Wams die drei goldenen Federn.

„Federn!“ japste der Älteste. „Typisch!“ schnaubte der Mittlere. „Ach, Kind!“ seufzte seine Mutter und „Junge!“ polterte sein Vater. Doch der König winkte ihm, näher zu kommen. „Du hast also drei Federn mitgebracht, junger Mann, und hältst sie für geeignet, sie mir als das Beste aus meinem Wald zu bringen: wie das?“ fragte er neugierig. Der Prinz trat näher und zeigte ihm die drei goldglänzenden Federn. Für einen Augenblick schien es, als wollte der König seinen Augen nicht trauen, im nächsten aber sagte er gefasst und spöttisch: „Ah, drei Federn, recht hübsch vergoldet … welcher Dame hast du sie vom Hut entwendet, meine Junge?“ er wippte dabei auf den Zehen wie ein Schulmeister, der einen Schüler beim Schummeln erwischt hatte: „Dein Bruder hat wenigstens gleich die ganze Dame mitgebracht …“ – großes Gelächter im Saal – „… du bringst mir nur ihre Federn!“ Jetzt lachte ihn der König tatsächlich offen aus. „Immerhin, ein hübsches Hütchen mag das gewesen sein, und für einen jungen Mann wie dich wird die Dame wohl das Beste gewesen sein, was dir im Wald begegnen konnte …“ Der König fand seinen derben Witz auf Kosten des Prinzen so komisch, daß er sich vor Lachen den Bauch hielt, bis er keuchte: „Aber du solltest sie mir doch mitbringen, so wie den Hirsch …“ – erneute Lachsalve angesichts des Kadavers – „… oder doch wenigstens von Angesicht zu Angesicht, wie es dein anderer Bruder getan hat!“ und der König wies lachend auf die blonde Dame am Arm des mittleren Prinzen – wiederholtes Gelächter – während die beiden älteren Prinzen etwas betreten dreinsahen. „Also,“ fasste sich der König, „wo ist sie? Bei ihrem Gemahl?“ und er schüttelte sich vor Lachen. „Dann kann sie hier natürlich nicht erscheinen!“ Er wischte sich die Lachtränen aus den Augen. „So langsam glaube ich, dieses Jagdschloss da, von diesem mir im übrigen völlig unbekannten Baron von der Dachsburg, ist wirklich etwas ganz Besonderes. Aber für einen Grünschnabel wie dich war die Aufgabe wohl doch zu schwer.“ Mit diesen Worten wollte der König den jüngsten Prinzen beiseite winken, um diese lächerliche Audienz zu beenden und in Ruhe darüber nachzudenken, wem er sein Erbe zusprechen sollte: einem jagdbesessenen Egoisten, einem Luxus liebenden eitlen Gecken oder einem unreifen Jüngling mit Rosinen im Kopf, oder – lieber noch: gar keinem.

Der jüngste Prinz aber rührte sich nicht von der Stelle, sondern hob die Hand, zwischen deren Fingern die goldenen Federn glänzten, und rief: “ Ja, Herr König, Eure Hoheit, Ihr habt recht damit, daß diese Federn einem weiblichen Wesen gehören, und ich hoffe, auch bald einer verheirateten Frau, denn ich will sie zu meiner Frau machen, die goldgefiederte Prinzessin!“ Er küsste die drei Federn.

Der König musste sich setzen. „Goldgefiederte Prinzessin“ – das hatte dieser junge Mensch tatsächlich gesagt. Um allein zu sein, schickte er alle Leute aus dem Saal, damit er seine Fassung wiedererlangen konnte. Draußen brandete Gelächter auf. Das Publikum amüsierte sich. Die meisten lachten über den jüngsten Prinzen und seine Träumerei, einige aber auch über die langen Gesichter der älteren Brüder, denen er zumindest die Schau gestohlen hatte. Seine Mutter hatte ihren jüngsten Sohn beiseite gezogen und schalt ihn, daß er mit seinen Spinnereien die ganze Familie zum Gespött machte, und sie doch gehofft hatte, daß – nach einem Seitenblick auf ihre älteren Söhne – wenigstens er eines Tages eine nette Frau heimbringen würde, kein Wild oder eine katzenhafte Baronesse aus dem Wald, die die ganze Zeit nur den Wert der Dinge zu berechnen schien. „Ach, Mutter,“ lächelte da der Prinz, „genau das werde ich ja. Warte nur ab, sie wird bald hier sein.“

Im nächsten Augenblick tönte über dem Schlosshof Flügelrauschen und der Schrei einer einzelnen Wildgans. Der älteste Prinz versuchte, dem neben ihm stehenden Hofoberjäger den Bogen zu entreißen, um die Gans mit einem Pfeil aus der Luft zu holen, doch der Hofoberjäger hatte vor vielen Jahren aus Gründen, die wir kennen, ein Gelübde getan, niemals auf Geflügeltes zu schießen oder Jagd zu machen, was der König stillschweigend zur Kenntnis genommen und ebenfalls – wie uns gerade bewusst wird – seitdem nicht mehr getan hatte. So konnte die graue Gans unbehelligt im Schlosshof landen, und schnell küsste der jüngste Prinz noch einmal die goldenen Federn, da die Wildgansgestalt seine Prinzessin in Gefahr zu bringen schien. Der goldene Schimmer ließ sofort alle Gespräche im Schlosshof verstummen, und als die goldglänzende Prinzessin vor allen Leuten im Sonnenlicht stand, entrang dieser Anblick den einen ein „Ah!“, den anderen ein „Oh!“. Zwischen den Ausrufen des Erstaunens waren aber auch deutliche Stimmen zu vernehmen, wie die des ältesten Prinzen, der ausrief: „Was für eine Missgestalt ist das denn?“ oder die des mittleren Bruders, der höhnte: „Wie typisch, unser kleiner Bruder sucht sich eine Braut ohne Hände!“

Der jüngste Prinz beeilte sich, schützend die Arme um die Prinzessin zu legen, und während sie noch einander in die Augen sahen, erschien der König im Schlosshof, angelockt von den Ahs und Ohs. Er traute kaum seinen eigenen Augen, als er das Paar da stehen sah, aber weil niemand besser wusste als er, daß dieses goldschimmernde gefiederte Wesen keine Traumgestalt war, fasste er sich und winkte den Neugierigen, Platz zu machen, um das Paar zu ihm hindurch zu lassen. Als die beiden jungen, ganz offensichtlich ineinander Verliebten vor ihm standen, räusperte er sich wiederholt und vergeblich, und auch der Tränenschleier vor den königlichen Augen machte es nicht eben leicht, die Gesichter deutlich zu erkennen.

Schließlich beherrschte der König seine Stimme ausreichend und verkündete laut und im ganzen Schlosshof vernehmlich: „So hört denn meinen königlichen Spruch: dies ist meine Tochter und Erbin meines Königreichs, deren Hand … äh … “ – Räuspern – „… die ich gerne zur Frau geben möchte diesem klugen jungen Prinzen hier, der es verstanden hat zu finden, was im Wald das Beste war für ihn, wie jedermann sehen kann, aber auch und vor allem für mich,…“ Gerührt räusperte sich der König erneut, bevor er fortfuhr: „… das Wichtigste in meinem Leben sogar, und ich lade euch alle ein, an dem großen Fest teilzuhaben, das ab dieser Minute beginnen soll. Mich selbst entschuldigt bitte einstweilen, ich muss selbst auch noch einmal in den Wald.“ Damit beendete der König seine überraschende Ansprache und bahnte sich seinen Weg durch die aufgeregte Menge zu den Ställen, verlangte sein Pferd und galoppierte alsbald aus dem Schlosshof Richtung Wald davon, um seine Frau zu suchen.

Daß er sie fand, steht außer Frage, denn am nächsten Tag wohnten der Hochzeitsfeierlichkeit zwei komplette königliche, glücklich lächelnde Elternpaare bei. Das Brautpaar war anerkanntermaßen das schönste und außergewöhnlichste, das man je gesehen hatte, und der Hirschbraten mundete vorzüglich. Eine winzige Störung nur verursachte die Tochter des Barons von der Dachsburg. Sie hatte sich gelangweilt aus schmalen grünen Augen im Saal umgesehen, weil der mittlere Prinz von einem Tag auf den anderen das Interesse an ihr verloren hatte, und sprang plötzlich über den Tisch, um eine Maus zu jagen. Daraufhin murmelte die alte Frau im schwarzen Kleid leise lächelnd : „Ach, ich vergaß …“ und schnippte leise mit den Fingern. Während einige Hochzeitsgäste noch belustigt darauf warteten, daß die junge Frau unter dem Tischtuch wieder auftauchte, verschwand eine graue Waldkatze geräuschlos am anderen Saalende über den Balkon in der Sommernacht.

Die Ablenkung der Gäste ausnutzend zog sich auch das junge Ehepaar zurück ins Brautgemach. der Prinz hatte zu Beginn des allerersten Kusses ohne neugierige Zuschauer noch die Augen offen behalten, aber aus Gründen der Konzentration schloß er sie, nur daß er sie wenige Minuten später wieder öffnete, um zu sehen, daß es tatsächlich Arme und Hände waren, die er da spürte, und ganz und gar ohne Federn. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß seine Liebste wirklich nichts Vogelähnlicheres mehr an sich hatte als eine Gänsehaut, begab sich das Paar zu Bett.

Etwa um die gleiche Zeit bat der König seine heimgekehrte Königin, ihm doch zu sagen, ob die Einrichtung der königlichen Gemächer überhaupt noch angemessen sei, und hier wie dort zog man die Vorhänge zu. Selbstverständlich lebten alle glücklich und zufrieden – das gehört schließlich so an dieser Stelle – und damit ist das Märchen vom goldenen Ei endlich –

aus!

15 Gedanken zu “Die gefiederte Prinzessin

    • Deswegen ist es ja in drei Teile gegliedert – übrigens passend zum Kommentar vom Peter A. bei dir bezüglich der „Fasse-dich-kurz“-Beschränkungen bei den Windows Live Spaces, denn das galt schon vorher für die Länge von Blogs auch: dieses Märchen war notgedrungen auf 3 Blogs verteilt – weil ich mich einfach nicht fremdkurzfassenlassen mag. so.
      (drucks aus und nimms mit ins Bett, sind doch Gänsefedern)

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