Gea’s Traum

Es gibt Sprachen, in denen erzählen sich die Menschen Geschichten vom Mann im Mond, und andere, bei denen hat der Mond einen weiblichen Namen, La Luna. Sie haben vergessen, weshalb das so ist, denn es ist eine sehr alte Geschichte, und wie alle alten Geschichten wurde sie immer wieder erzählt, verwandelt, zerissen, fastvergessen, wiedererinnert, neuzusammengesetzt … wie die Erinnerungen an einen Traum. Als das Mondlicht mit seinen blassen Finger zärtlich durch die blauen Schatten der schlafenden Bäume streifte, als ich zusah, wie es mit den Stunden wanderte, als suche jemand geduldig etwas in den dunklen Schatten Verlorenes, da träumte ich ihn:
 
Nacht für Nacht, während sich die Erde dreht, schon unvorstellbar lange Zeit währt diese Suche.
Es begann alles damals, als das ganze Universum noch eine Art Meer aus schwebenden und herumwirbelnden Möglichkeiten war, nichts anderem unterworfen als dem Prinzip.
Woher das Prinzip selbst gekommen sein mag, liegt in noch viel weiterer Ferne, jenseits des Meeres der Möglichkeiten. Wir wissen nichts darüber außer daß es ist und wie es wirkt: auf unfaßbare Weise bilden Möglichkeiten Strudel, in denen sie umeinander kreisen, angezogen voneinander. Tango- und Flamencotänzer verstehen am besten, uns Menschenwesen eine Vorstellung davon zu vermitteln.
Die Wirbel verdichten sich hier und da zu festen Körpern, …
Es waren ein Mann und eine Frau, deren glühende Herzen von der Musik des Prinzips aus den gasförmigen Wolken geformt worden waren.
Weil Musik sie geformt hatte, sangen ihre Herzen.
Der Mann fühlte sich unwiderstehlich angezogen vom singenden Herzen der Frau. Er eilte durch die Galaxien, und je näher er kam, je deutlicher er das Lied ihres Herzens vernahm, desto mehr beeilte er sich. Doch konnte er seine Kraft nicht mehr zurücknehmen, als er sie erreichte, darum blieb ihr erster Kuß der einzige: das Herz der Erde erzitterte zum Zerspringen, als er in sie eindrang und sein eigenes zerschellte in viele Teile, die gemeinsam mit Herzenssplittern der Erde fortgeschleudert wurden, wo sie der leidenschaftlichen Musik des Prinzips gehorchend wirbelnd umeinandertanzten, bis sie sich für immer vereinten. So entstand der Mond.
Die brennenden Wunden im Herzen der Erde schlossen weitere Bruchstücke des männlichen Herzens für immer in sich ein.
Die Musik des Prinzips wurde in ihrem Herzen zu einem sehnsüchtigen Lied, und während das verwundete Herz der Erde sang, begann es, salzige Tränen zu weinen, die im Sonnenlicht in allen Farben des Regenbogens glitzerten.
Die Erde begann zu träumen, während sie sich im Tanz um sich selbst und um die in ihr geborgenen Herzenssplitter ihrer großen Liebe drehte.
Während ihre Tränen bald alles mit salzigem Wasser bedeckten, träumte die Erde, und ihre Träume begannen zu leben. Manche von ihnen bekamen grüne Blätter, andere Flossen, manche Federn und vieles mehr. Das Schönste aber war, daß alle Träume ihre eigenen Stimmen bekamen, um in das Lied des Prinzips einzustimmen mit Wispern und Rauschen, Zwitschern und Rufen, mit gesungenen Geschichten sogar und klingenden Instrumenten.
Der Mond, entstanden aus den Bruchstücken des Herzens des Mannes und Splittern des Herzens der Frau wiegt ihre Teile in sich ebenso im Tanz um sich selbst, wie er sehnsuchtsvoll die Erde umkreist, die in sich seine anderen Teile birgt, unheilbar sind sie getrennt und doch vereint.
 
Anfangs umrundete der Mond die Erde noch in engeren Kreisen, doch je vielfältiger und zauberhafter der Gesang ihrer Träume wurde, desto mehr wurde ihm Angst, daß die Sehnsucht zu überwältigend werden könnte und es erneut zu einer zerstörerischen Begegnung kommen könnte. Darum rückt der Mond langsam immer ein bißchen weiter ab.
Er bewundert aus der Ferne seiner Umlaufbahn das blaue Leuchten der Erde im Licht der Sonne, und antwortet ihr, indem er das Licht der Sonne auf seiner steinernen Oberfläche spiegelt, um es ihr immer dorthin zu senden, wo nächtliche Schatten auf der sonnenabgewandten Seite im unzureichenden Licht der Sterne das Lied nahezu zum Schweigen brächten.
Zu seinem Leidwesen wird er manchmal selbst teilweise vom Schatten der Erde verdeckt, während sie sich umeinander drehen.
In Vollmondnächten aber fühlt alles Wasser auf der Erde sich vom Mond angezogen, entstanden ja aus den salzigen Tränen der Erde, und alle auf ihr lebendig gewordenen Träume spüren diese Sehnsucht, fühlen sich von ihrer Kraft angezogen und vom Zauber der Musik des Prinzips
Ob Meeresbewohner, Landwesen oder Märchengestalt, sie alle antworten auf ihre Weise dem Mond, dessen Bild sich in jedem Tropfen Wasser auf Erden spiegelt. Die Erde träumt dann, daß sie den Mond umarmen kann, im Glanz der Sterne. (28. März 2007)

14 Gedanken zu “Gea’s Traum

  1. Erneutschnüff…hab schon wieder einen neuen Satz gefunden…

    „…das Herz der Erde erzitterte zum Zerspringen, als er in sie eindrang und sein eigenes zerschellte in viele Teile, die gemeinsam mit Herzenssplittern der Erde fortgeschleudert wurden, wo sie der leidenschaftlichen Musik des Prinzips gehorchend wirbelnd umeinandertanzten, bis sie sich für immer vereinten.“

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.