Lesueur / Loiseau … – wie’s so kommt.

Die Sinnlichkeit alter Bücher – an Büchern zu schnüffeln und ihren Duft einzuatmen – das empfinde ich als ebenso vielversprechend und Vorfreude hervorrufend wie die typischen Weihnachtsdüfte nach Tannenzweigen, heißem Kerzenwachs, Weihnachtsgebäck und neuen Sachen, nur öfter. Da ich schon so weit war, meine unheimlich geheimen Lüste zu offenbaren, bin ich auch zu dem Geständnis bereit, so oberflächlich zu sein, mich in ein Buch wirklich nur wegen seines Einbands zu verlieben. – yes, I judge a book by its cover! Um das zu illustrieren, nahm ich eines meiner kleinen antiquarischen Flohmarkt-Schmuckstücke aus dem Regal und scannte …

 

…scannte und dachte, dass ich nun den Titel dazuschreiben müsste und wer das eigentlich sei: David Lesueur?
Also bin ich durch das World Wide Web gedotzt – zuerst ergebnislos auf Deutsch, weil ich „David Lesueur Reclam Herzenskämpfe“ suchte – alles unbrauchbar.
An solchen Kleinigkeiten kann ich mich festbeißen, bis ich einigermaßen zufrieden bin. Erst als ich auf die Idee kam, den französischen Originaltitel „Une âme de vingt ans“ einzugeben, ohne Autorenangabe, wurde ich endlich fündig. Wann die Erzählung in deutscher Übersetzung (autorisiert, Henriette Dévidé) im Philipp Reclam jun. Verlag Leipzig erschienen ist, weiß ich nicht, es wird wohl nicht lange nach der französischen Erstausgabe 1911 beim Verlag Pierre Lafitte editeurs Paris gewesen sein – und ist er nicht schön, der Leinen-Einband mit seinen Art Nouveau – Alpenveilchen? Unsereins kennt Reclam ja nur als häßliche Papierheftchen, aber es gab auch andere Zeiten. Leider steht nicht im Einband, wer ihn entworfen hat, das war anscheinend damals noch nicht üblich.
Um mit dem Ergebnis fortzufahren: der gute David heisst gar nicht David. Als Autor von „Une âme de vingt ans“ wird glaubwürdig überall Daniel Lesueur genannt. „Herzenskämpfe“ auf deutsch sind zumindest im Internet bisher nicht zu finden und das hat einfach den Grund, daß es den Autor David Lesueur zu diesem Buch nicht gibt und nie gegeben hat, außer auf dem Einband dieser Reclam-Auflage.
Aber einen richtigen Daniel Lesueur hat es eigentlich auch nicht gegeben, sondern es handelt sich in Wirklichkeit um das Pseudonym der Madame Jeanne Lapauze, geb. Loiseau, * 1860 °°1904 +1921, Preisträgerin der Académie française. So. Fall es noch einen zweiten Irren geben sollte, den das auch interessiert, bitte, das ist sie:

mitsamt den biografischen Daten gefunden > hier, ausserdem nachher gefunden: auf Englisch > Wikipedia Daniel Lesueur

Bin jetzt zufrieden.

 

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