Lange her, in Mostar

27 / 100 aus der „100 Fragen“-Pralinenschachtel:

27. Frage: „Bist Du jemals verhaftet worden?“

– Nein, soweit ging es bisher noch nicht.
Allerdings habe ich vor Jahren mal, als es noch ein Gesamt-Jugoslawien gegeben hatte, einige Stunden auf der Polizeistation in Mostar , der größten Stadt der Herzegowina (dem südlichen Teil von Bosnien-Herzegowina) verbracht. Weshalb? So ganz genau weiß das wohl bis heute keiner – außer dem einen, der es veranlasst hatte. Es kam so:

 

Auf der anderen Seite der berühmten, damals noch echten, uralten steinernen Brücke über die Neretva hatte ich – typisch Tourist – in der Altstadt etwas in arabischen Schriftzeichen über eine Tür Geschriebenes fotografiert. Der Beobachter lehnte derweil stumm am Nachbarhaus, aß einen Granatapfel, guckte und spuckte ein ums andere Mal etwas aus. Dann folgte er uns. Patsch-patsch machten seine Sandalen auf dem alten, von vielen Füßen glatt und glänzend gelaufenen Steinpflaster, sonst war kaum etwas zu hören: die Altstadtgassen waren heiß und menschenleer. Mittagszeit. Irgendwann bog der Mann – patsch-patsch –  in eine andere Gasse ab und war verschwunden. Allerdings tauchte er auf unserem Rückweg auf der anderen Seite der Brücke wieder auf: zu uns hin gestikulierend, mit zwei Polizisten. Die sprachen ungefähr so gut Englisch bzw. Deutsch wie wir Serbokroatisch, aber machten doch nachvollziehbar deutlich, daß sie begleitet zu werden wünschten. Als der Granatapfelkernspucker gesehen hatte, wie wir miteinander weitergingen, verschwand er wieder.
Die Polizisten schienen nicht recht zu wissen, was sie mit uns tun sollten. Sie versuchten zu erfahren, was wir denn genau getan hätten. Anscheinend hatten sie auch nicht verstanden, weshalb sich jemand darum bemüht hatte .. nein, eigentlich muß es heißen: weshalb sie bei der verflixten Mittagshitze genötigt worden waren, ihre Uniformen komplett anzuziehen und die Mützen auf die verklebten Köpfe zu setzen, bloß wegen Touristen, die so dumm gewesen waren, nicht irgendwo im Schatten eines Cafés bei einem kalten Getränk sitzen zu bleiben …
Sie verlangten zuerst, die Kamera zu sehen – ein billiges Ding, garantiert nicht spionagegerecht. Sie drehten sie hin und her und beratschlagten. Einer der Polizisten behielt sie in der Hand, während wir miteinander weitergingen, auf die Wache. Schattig und halbdunkel war es darin, viel kühler als draußen, aber das war das Angenehmste. Ein beneidenswerter Arbeitspatz sah anders aus. Die Beamten setzten sich hinter ihre Schreibtische, wir uns auf abgewetzte Holzstühle mit Stahlrohrrahmen davor. Die Kamera wurde dazwischen, auf einen der verkratzten Schreibtischplatten, gelegt. Nun verlangten sie die Personalpapiere: haha, wie lustig: die mußte man doch damals bis zur Abreise auf dem Campingplatz abgeben! – achja. Na, dann eben die Autopapiere. Nein, nicht  bloß den Führerschein, alle. Mit denen hängte sich einer von ihnen ans Telefon. Sehr früh am Anfang der Achtzigerjahre herrschte noch das Vorcomputerzeitalter.
Ob der Telefonierer der Chef war oder der andere, der versuchte, mit uns über das „Lilliput“-Wörterbuch serbokroatisch-deutsch / deutsch-serbokroatisch zu kommunizieren, weiß ich nicht, aber der am Telefon hatte es besser: da war der Ventilator näher dran. Vielleicht dauerte es deshalb so lange.
Ohmistohmistohmist, warum hatten wir den leicht lädierten ‚Golf‘ gerade kurz vor dem Urlaub von einem Münchner Griechen gekauft? Der hatte nicht nur eine Flasche gräßliches After-Shave darin verschüttet, sondern sich scheinbar auch mit dem nun-unseren Autokennzeichen einige Auffälligkeiten auf dem Autoput geleistet. Zwischendurch erlitt der Polizist einen Rückfall und fragte: „Papiere?“ Achso, ja, auf dem Campingplatz …. Aber am Ende – mag es Büroschluß  harmlos genug gewesen sein – hatten sie die Lust verloren, uns noch weiter dazubehalten. Wir hatten alle vier stundelang nichts gegessen und getrunken – auch die beiden Polizisten nicht. Ob das eine Dienstvorschrift war, oder ob sie womöglich ausschließlich im Dienst verbotene Getränke da gehabt hatten?
Sie ermahnten uns zum Abschied, beim Fotografieren sicherheitshalber nichts Privates zu knipsen und gaben mir den Apparat zurück. Der Verschwitzte empfahl ein Restaurant. Dobar dan.

15 Gedanken zu “Lange her, in Mostar

    • Nein, das weiß ich leider nicht, und ich habe das Foto auch nicht mehr – sonst ließe es sich herausbringen – aber ich nehme an, daß es etwas Religiöses gewesen sein könnte: auf der Seite der Stadt befindet sich auch die Moschee; der Typ hatte anscheinend bezüglich Bilderverboten eine strengere Ansicht.

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  1. ..ist nur gut, dass man aus zeitlichem Abstand das Meiste etwas lockerer sieht, aber trotzdem will man keine Wiederholung. Und heute bei all dem Sicherheitswahn, wird das Reisen auch nicht leichter!
    Schoene Woche wuensch ich dir!

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    • Danke, Martin, dir auch eine schöne Woche. Ich vermute, solche Probleme kann man immer wieder haben, wenn man als naiver Tourist zuwenig über Tabus weiß und ohne das kleine Wörterbuch und den offensichtlich beiderseitigen guten Willen, das Problem nicht unnötig eskalieren zu lassen, hätte ich die Frage vielleicht mit doch „ja“ beantworten können.

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    • also, hat geholfen. mir gehts wieder besser. Danke ^^

      aber was ich noch sagen wollt: ich red manchmal so daher, und dann denken die Leut. uiui oder boah. na, ich bin kein Held und wars auch nie. Das eine war mal auf ner Demo, wo wir für Stunden in Gewahrsam genommen wurden und dann hammer später noch mal vorm BKA Flublätter verteilt hoho war ich sicherheitshalber über nacht weg (H) aber deswegen hatten wir echt den Eberhard Kempf u.a. als Verteidiger – das war so 77 glaubsch – und es wurd wieder gut. Du glaubst nicht: Zeugen konnten sich nicht mehr genau erinnern und der Richter ist paarmal eingeschlafen. Kein Witz ^^

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