Sehnsucht nach Sommer

 92/100  Die „100 Fragen“-Pralinenschachtel na super: eine Sommerfrage für diesen dunkelgrauen vernieselten Tag!

92. Wenn Du Dich an den Kiosk in dem von Dir üblicherweise besuchten Freibad zurückerinnerst, was fällt Dir als Erstes ein?
– Als erstes höre ich den Sommerlärm: die typische Freibad-Kakophonie, zusammengesetzt aus entferntem, eigentlich ständigem juchzenden Kreischen, aus dem “großen” Becken kommend, dem vereinzelt einsetzenden Schreien von Kleinkindern aus dem nahen Planschbecken und das  plätschernde Rieseln der Duschen in der Nähe, die jemand zum Spaß auf- und gleich wieder zudreht; dazu das Tschilpen von Spatzen, die sich um etwas zerbröseltes Weißbrot am Boden zanken, und leise Motorengeräusche der Autos auf dem Parkplatz und der Straße unmittelbar hinter der Mauer, und zwischendurch, wie ein Paukenschlag, ein großer Platscher, wenn einer vom Dreimeterbrett eine “Bombe” gemacht hat.
Der typische Geruch nach gemähtem Rasen, Chlorwasser, Sonnenschutzmittel und Pommes frites stellt sich auch gleich ein, und ich spüre wieder das Vibrieren der unter ihren Handtüchern um die schmalen Schultern schnatternden, immernoch nassen Kinder mit den blauen Lippen neben mir, die sich auch schnell etwas zum Essen holen wollen, während die Wassertropfen aus ihren nassen Haaren und auf ihrer Gänsehaut in kleinen Bächen herunterlaufen, und wenn sie mit einem anderen Kind reden, mir kalte Tropfen hinschleudern. (Das mochte ich gar nicht.)
Seltsam, was man sich ansieht, während man in so einer kleinen Kiosk-Schlange steht und darauf wartet, daß man selbst drankommt: die rötlichgrauen Sandsteinplatten mit nassen Fußabdrücken, die schwarzgelbgestreiften Wespen, die im Papierkorb über die bunten Eispapiere krabbeln, die vergessene Badekappe am Boden (ja, damals gab es noch häßliche Gummibadekappen, mit Gummi-Seesternen und flatterigen Blüten beklebt) neben einem der – mit einer Art farbigem, weichen Plastikschlauch-Band bespannten – Stühle, eine leere ‘Sinalco’-Flasche mit Strohalm auf dem Tisch neben einer rechteckigen Würstchenpappe mit Senfrest und wenn man dann endlich an der Reihe war, und groß genug, um zumindest auf Zehenspitzen stehend in den Kiosk hineinzusehen, waren da die ganzen runden Schachteln mit den einzelnen Lutschern, Gummiviechern und Zuckerketten, der große runde Becher mit den einzeln in Papier verpackten Strohhalmen und die viereckige Schachtel mit den Pickern für die Pommes,  die Eisbox mit der rotweissgestreiften Fahne darauf und die blubbernde und zischelnde Friteuse dahinter, und noch weiter hinten Stapel von verschiedenfarbigen Getränkekisten und ein Küchenstuhl mit Stahlrohrbeinen und rotem Plastikpolster. Und ich meine zu spüren, daß sich von hinten ein ungeduldiges, kaltes und nasses Kind an meinen warmen Rücken drängelt, um auch hineinzusehen, während ich auf meine drei Salinos und ein kleines Erdbeereis am Stiel warte …

31 Gedanken zu “Sehnsucht nach Sommer

  1. Erstaunlich an was du dich erinnerst und so wie du es beschreibst, kann man förmlich mithören, mitrichen, mitsehen…

    Tropfende, schnatternde Kinder habe ich auch noch lebhaft vor Augen – weil sie meistens dort schnatterten und tropften wo ich meine aufgeschlagene Lektüre liegen hatte… *brrr*

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    • Ich bin auch lieber zum Baggersee gegangen, manchmal sogar vor der Schule, der lag am Weg, aber da war ich nicht mehr „klein“. Die Frage da oben rührte bei mir mehr an Kindheits- als an Teenie-Erinnerungen.

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    • Lüchow war und ist ja nur klein, da konnte man als Kind ganz gut hinlaufen oder mit dem Fahrrad hinfahren, das war auch noch nicht so selbstverständlich, daß alles schnell und bequem sein sollte – ich glaube, es waren eineinhalb Kilometer, einfach. Mit Freundinnen zusammen, anfangs mit älteren Geschwistern dabei … doch, das war schon öfters, zumindest in den Sommerferien.

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  2. wir mussten 3 Kilometer fahren oder laufen und im Freibad wurden wir als Kinder erkannt, die nicht aus dem Stadtteil kamen. War dann nicht immer einfach, aber man lernt zu überleben.

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    • wieso war der Stadtteil von Wichtigkeit? war das Bad für Kinder gratis? das war bei uns völlig wurscht, die kamen doch aus dem ganzen Landkreis und bezahlen mußte jeder.

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  3. Wunderbar beschrieben… …sogar das mit dem rotbezogenen Stuhl kommt hin…😀 …die waren wohl damals in? Ich kann mich erinnern, zeitweise hatten wir solche auch am Küchentisch… Im Sommer war ich mehr im Freibad als zu Hause. Meist war meine Oma mit. Pommes gab es nur sehr selten, aber die Salinos und ein Minimilk…🙂 …und die Oma hatte ihren Kartoffelsalat und kleine Frikadellen mit… …und die braungebruzelten rochen nach Kokos und sahen aus, wie Broiler am Grill… …und quietschten soooo schön, wenn man seine nassen langen Haare ausgeschüttelt hat, vllt haben sie sogar gezischt? Danke für diese Praliene, ich schwelge gerade in Kindheitserinnerungen…🙂

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      • Das mit den Braungebrutzelten war klar geworden als du „Kokos“ dazugeschrieben hast – selbst falls deine Oma sehr progressiv in der Küche gewesen wäre.🙂 es kommt auch drauf an, von wann die Erinnerungen sind, ich hab so ein langes Gedächtnis, daß ich mich an vieles aus der Zeit vor der Schule auch noch erinnere. Oder ich hätte auch vom Ostseestrand schreiben können, wo wir früher in allen Ferien waren, vom Gurkenmann mit den zwei Eimern, vom Geruch der Bademäntel, vom trockenen Blasentang zwischen den Zehen, oder wie das eine Mal, das wir einen hatten, der Strandkorb gerochen hatte, oder die alte Luftmatratze, wenn man daraufgelegen hat, mit der Nase zwischen den luftgefüllten Rippen; daß der mitgebrachte Nudelsalat am Strand seltsamerweise immer anders geschmeckt hat als vorher, in der Küche meiner Oma, und das ferne Böllern vom Truppenübungsplatz irgendwo auf der anderen Seite der Lübecker Bucht, und von den komischen langen Holztreppen, über die man von der Steilküste hinuntersteigen und am Abend mit dem Eimerchen voller unheimlich wichtiger und später ebenso stinkender Strandfunde wieder hinaufmußte …- ich bin ziemlich nasenorientiert, hm? – aber da gabs keinen Kiosk😀

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        • 🙂 obwohl ich jetzt gerade darüber nachdenke, ob man in Frikadellen evtl. Kokosmilch oder Kokosflocken mit hineinkneten könnte… …wäre vllt mal einen versuch wert. Mal sehen ob ich das mal ausprobiere…😀

          Ich bin auch ein Geruchsmensch. Wenn ich ans Meer denke, dann habe ich auch den Seetang in der Nase und sogar die hm vergammelten Muscheln und Krebse, die dann furchtbar stinken, man aber trotzdem traurig ist, wenn die Mutter sie dann schimpfend entsorgt, weil man den Garten nicht mehr betreten kann, ohne einen Würganfall. Wir waren früher zwar nicht oft an der See, aber die paar Mal haben sich sehr eingeprägt.🙂

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          • ja, kann man, auch Pinienkerne und Rosinen oder Pistazien und Datteln – man muß nur anders würzen und Kalb- oder Geflügelfleisch dafür durchdrehen (lassen) – ist lecker, mit Reis dazu.🙂

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  4. Rosinen und Datteln im Fleisch sind nicht so meins – schon vom Kopf her nicht, auch wenn es durchaus schmecken kann…😀 …vllt habe ich es sogar schon beim Inder gegessen, ohne es zu wissen, aber ich selber würde es wohl nicht zum Fleisch dazugeben. Schon beim Gedanken an Rheinischen Sauerbraten mit Rosinen und Backpflaumen dreht sich mir der Magen um. Ih… ^^ Obwohl Rosinen, Datteln, Backpflaumen pur esse ich… …Sauerbraten auch, halt nur ohne den Kram… …aber Kokos und Geflügelhack werde ich ich mal versuchen. Dazu eine grüne Minz-Joghurt-Soße? Hmmmmm…🙂

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