alte Steine

Fortsetzung von > Sonntagmittag in Wustrow « puzzle *

Schon 1518 wurde die St. Laurentius-Kirche in Wustrow (Wendland) gebaut, nach einem Brand 1691 im gotischen Stil wieder aufgebaut. Wie man teilweise deutlich sehen kann, sind Ziegel aller Art und Farbschattierungen in den Wänden verbaut, grobe handgearbeitete und “feinteigige” Industrieziegel. 

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Eigentlich sind Ziegel keine Steine, sondern in Formen zusammengebatzter Lehm, der getrocknet bzw. idealerweise gebrannt wurde, und je nach Mineralienzusammensetzung in der jeweiligen Lehmgrube haben diese Ziegel unterschiedliche Farbtöne, irgendwo im großen Braunrot-Bereich. Man könnte, wenn man genug Ahnung davon hat, erkennen, aus welcher Gegend so ein Ziegel kam, selbst wenn er keinen Prägestempel hätte, was später in gewerblichen Ziegeleibetrieben der Fall war. Die Herstellung von Ziegeln war bis weit in das 19. Jahrhundert hinein schlechtbezahlte dörfliche Handarbeit, oft auch Kinderarbeit. Manche Dörfer hatten eine oder mehrere Lehmgruben, andere keine, aber Ziegel wurden erstmal nur für die Reichen hergestellt: das einfache bäuerliche Fachwerkhaus wurde nicht mit Ziegeln ausgefacht, sondern mit Holz, Weidengeflecht, Strohmatten und einem angeworfenen Lehm-Kleiegemisch ausgefüllt, auch noch im 19. Jahrhundert. Alte Ziegel kann man optisch an ihren ungleichmäßigen Kanten erkennen und an den Unregelmäßigkeiten, die beim Formen hineingeraten sind: Steinchen und Stroh, aber vor allem erinnern sie an hastig gekneteten Teig. Kein Wunder, die Arbeiter wurden pro Stück bezahlt. Alte Gebäude wurden oft aus den Ziegeln anderer, abgetragener, wieder aufgebaut, was bedeutet, daß ein Haus zwar im Balken eingeschnitzt “Erbaut A.D. 1814” tragen mag, aber die verwendeten Ziegel schon etliches vorher “erlebt” haben können …. ganz zu schweigen von den kleinen unbekannten Geschichten der anonymen Hände, die sie hergestellt haben. Wir können uns das heute nicht so recht vorstellen, aber auch in früheren Jahrhunderten wurden für größeren Bauvorhaben Ziegel aus der (relativ) weiteren Umgebung eingekauft, auch das ist ein möglicher Grund für die Vielfalt an Farbschattierungen im gleichen Gebäude, neben der Tatsache, daß nicht alle der Steine gleich alt sind. So verstehst du vielleicht meine Faszination, wenn ich mir so ein altes Gemäuer ansehe wie die Laurentius-Kirche in Wustrow, um sie herumgehe, ein bißchen verrückt nah mit der Nase an der Mauer, ab und zu Steine berührend, und meiner Phantasie freien Lauf lasse … die hinter der Gardine im Haus neben der Kirche hielten mich vermutlich für ziemlich – seltsam. ^^


„Wie war dein Wochenende?“ = Frage 100 / 1oo, die letzte aus der „100-Fragen-Pralinenschachtel“ beantworte ich mit: „wolkengrau, ziegelrot und noch ein paar andere Farben“, weil ich ganz bestimmt nicht aufzähle, was ich getan, gedacht, gefühlt, gesagt und geschrieben habe. In dieser Hinsicht vergleiche ich das ganze Blog-Gebilde schnell und unordentlich mit einer Art handgemachter Ziegelsteine …
(Den Gedanken solltest du vielleicht nicht auf unanfechtbare Logik hin abklopfen, er gefällt mir bloß gerade.)

 

24 Gedanken zu “alte Steine

  1. Ich mag das, schaue sie mir auch oft an. Wenn man sich vorstellt, wie derjenige damit arbeitete, bzw. sie herstellte. Und der ganze Boden drumherum…was an diesen Orten schon alles passiert ist. Mein Pitmann schüttelt immer den Kopf, wenn meinereiner gedankenversunken so vorsitzt…
    Was für eine wahnsinnige Arbeit sie damals hatten…auch nach Zerstörungen.
    Blutgetränkter Boden, jetzt mit Rasen überwachsen und liebevoll gepflegt.
    manchmal kann man kleine Inschriften lesen…in Dachgebälken oder auch in den Ziegeln. Wie mal in deinen Fotos zu sehen ( wohl noch in Österreich). Nachrichten aus der Vergangenheit, mit und ohne Schrift. Manchmal nicht genügend gewürdigt.

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  2. Ach ja, genau! Beeindruckend finde ich das, auch wenn es für manche banal klingt. Es ist für die Ewigkeit. Wer hätte denn damals gedacht, daß nach ihnen gegooglet wird? 😉

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  3. Ziegel wurden noch nicht auf mich geworfen, aber wenn ich Bilder erstelle werde ich oft angesprochen, mal in Damaskus beschimpft und vertrieben ( hatte Müll auf der Straße geknipst .-)), mal wollte man mich verprügeln oder es kommen dumme Sprüche, meistens Verständnislosigkeit, wie in Portsmouth als ich die Fussballer knipste: „why do you photograph the fuckig footbalplayer on this fucking, brown gras“.
    http://nixzen.wordpress.com/2011/01/22/samstagsmitte-zitat/
    Angesprochen von „father & son“, die gerade aus einem Auto stiegen.
    Da sin „Gardinien“ doch hübsch. Vielleicht sollte ich mal ein Buch mit all den Geschichten schreiben. Mir fallen gerade eine Menge ein.

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  4. So jetzt mit Lesebrille, dann vergesse ich keine Buchstaben:-)
    Wollte ja noch sagen, dass ich den Teich sehr spannend finde, da liegt bestimmt noch was auf dem Grund

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    • oh, der Teich! war gerade ein bißchen grüblerisch, wo du den herzauberst, aber dann fiel mir ein, daß du die Jeetzel meinst, im Vordergrund der Kirche – oder?
      Rein geschichtlich ist es vermutlich etwas ärmlich, weil die Jeetzel Mitte der 60er Jahre ziemlich rigoros begradigt bzw. kanalisiert worden ist, um die breitflächigen Hochwasser in den Griff zu bekommen. Leider. Auf alten Fotos vor der Zeit sah das alles wunderschön aus. Außer den von dir bereits angemerkten Alk-Flaschen werden da unten leider allenfalls alte Fahrräder liegen und anderer Neuzeitmüll.😦

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  5. Heide, I always leave your page thinking and entertained. This post was wonderful in that it taught me something and I’ve always been a history buff. Well done.

    Thanks for the visit and the advice about Buddy’s surgery. I know it’s the responsible thing to do, given the pet population explosion in the States, but it still, it’s not an easy thing for a man to do.

    Please give Bongo a head rub from Buddy and me.

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    • thank you, Chip – greetings also by Bongo. (I know what you mean. the problem is common, for females as well.)
      you mean the bricks-thing? ancient country-life of the common people before industrialisation or during the first of its years is a very interesting field.

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  6. es ist schoen, in Gemaeuer sich zu vertiefen, viel lebendiger als man vorerst glaubt. Ich mag sehr diese Ansprache aus Stein, Ton oder Marmor. Man muss sich nur Zeit nehmen, um das Leben daraus zu spueren.

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