Sonntags nach Wustrow

Sonntagnachmittag in Wustrow – nein, mit Sonne hatte das nichts zu tun. Eher mit dem Gegenteil: mit grauem Himmel, feuchter Luft knapp über dem Gefrierpunkt und der Unlust, unter diesen Umständen auch noch den selben Weg zu laufen, dem ich in den vergangenen Tagen schon alles Interessante / Fotografierbare weggeguckt hatte, und für Rehe und Vögel irgendwo in mehreren Hundert Metern Entfernung passen die wetterbedingte Halbdämmerung und mein Knipskästchen noch weniger zusammen als sonst schon. Also: Bongo ins Auto, ein paar Kilometer gefahren und im Städtchen – jawohl, Stadtrechte seit dem 14. Jahrhundert – Wustrow in die sonntägliche Stille … zugegebenermassen eine ähnliche wie zuhause, hat der Himmel zwar auch dieselbe Farbe, aber wenigstens sieht es anders aus, untenherum.
Im Sommer, wenn die Bäume voller freundlicher grüner Blätter hängen, sieht man andererseits wieder nichts. Die St. Laurentius-Kirche ist nur aus einer grösseren Entfernung ganz auf ein Bild zu bekommen, davor das alte Amtshaus. Der Name Wustrow kommt aus dem Polabischen und bedeutet Insel, also ist Wasser in der Nähe: die Jeetzel fließt östlich es alten Ortes und die Dumme kommt von Südwesten dazu. Früher gab es auch mal eine Burg, darum ist die kleine Stadt so alt, auch wenn sie heute sehr dörflich wirkt.
Wen das interessiert, der kann ja mal im Web nach Infos suchen, aber nicht vergessen, „Wustrow, Wendland“ zu schreiben, sonst landet man an der Ostsee. Wäre aber nett, dann muss ich nicht noch mehr schreiben.
Hier ist nur ein Teil der Fotos, die ich gemacht habe, weitere sind in einem am Ende des Artikels verlinkten Album zu sehen:

2011-01-23 Wustrow StLaurentius-Kirche Ziegel

 

Ein bisschen Geschichte zu alten Ziegelsteinen, denen der Kirche und überhaupt:
Schon 1518 wurde St. Laurentius erbaut, nach einem Brand 1691 im gotischen Stil wieder aufgebaut. Wie man teilweise deutlich sehen kann, sind Ziegel aller Art und Farbschattierungen in den Wänden verbaut, grobe handgearbeitete und “feinteigige” Industrieziegel.
Eigentlich sind Ziegel keine Steine, sondern in Formen zusammengebatzter Lehm, der getrocknet nzw, idealerweise gebrannt wurde, und je nach der Mineralienzusammensetzung in der jeweiligen Lehmgrube haben diese Ziegel unterschiedliche Farbtöne, irgendwo im großen Braunrot-Bereich. Man könnte, wenn man genug Ahnung davon hat, erkennen, aus welcher Gegend so ein Ziegel kam, selbst wenn er keinen Prägestempel hätte, was später in gewerblichen Ziegeleibetrieben der Fall war. Die Herstellung von Ziegeln war bis weit in das 19. Jahrhundert hinein schlechtbezahlte dörfliche Handarbeit, oft auch Kinderarbeit. Alte Ziegel kann man optisch an ihren ungleichmäßigen Kanten erkennen und an den Unregelmäßigkeiten, die beim Formen hineingeraten sind: Steinchen und Stroh, aber vor allem erinnern sie an wie hastig gekneteten Teig. Kein Wunder, die Arbeiter wurden pro Stück bezahlt. Alte Gebäude wurden oft aus den Ziegeln anderer, abgetragener, wieder aufgebaut, was bedeutet, daß ein Haus zwar im Balken eingeschnitzt “Erbaut A.D. 1814” tragen mag, aber die verwendeten Ziegel schon etliches vorher “erlebt” haben können …. ganz zu schweigen von den kleinen unbekannten Geschichten der anonymen Hände, die sie hergestellt haben. So versteht man vielleicht meine Faszination, wenn ich mir so ein altes Gemäuer ansehe, nah mit der Nase an der Mauer und ab und zu Steine berührend … die hinter der Gardine im Haus neben der Kirche hielten mich vermutlich für ziemlich – seltsam.

Fotos vom 23. Januar 2011 in Wustrow im Wendland, Lüchow-Dannenberg, Niedersachsen. Um diese und weitere Bilder von dem Bummel durch Wustrow in etwas grösserem Format anzusehen, bitte den Link zum > Album anklicken.

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