Dömitz II + …?

  • so viele Bilder habe ich am vergangenen Sonnabend dort verknipst und bin mit dem Museum auf der Festung dort schon tagelang beschäftigt; es ist die altmodische Art von Museum: unspezialisiert, von Fachleuten unbeläst… doch! Ich schreibe das böse Wort aus – „unbelästigt“ will sagen: wenn erst einmal die von historischem Ordnungsdrang getriebenen, oft ortsfremden und darum emotionsfreien Museumskundler über ein heimatgeschichtliches Museum hergefallen sind, findet man es nachher zwar objektiv fachkundig geordnet, entrümpelt, entstaubt, aussortiert, perfektioniert und für Historiker wahrscheinlich zufriedenstellender präsentiert, als eine über die Jahre beinahe organisch gewachsene, grob nach Epochen und Themen zusammengestellte Sammlung; aber leider ist es für von solchen Ambitionen unbeeinflußte Laienbesucher auch leblos geworden, ein Besuch dort ist danach nur noch ein halbes Vergnügen.
    Die Festung Dömitz mit ihrer bunten Vielfalt aus militär-, stadt- und zeitgeschichtlichen und alten landwirtschaftlichen Ausstellungsstücken (sowie ein paar zerrupft aussehenden Tierpräparaten) ist diesem Schicksal bisher noch entgangen. Ich möchte es darum als ein Museums-Museum bezeichnen: bei allem Lehrreichen auch zum Lächeln und Liebhaben, in das man seine Besucher hineinschleppen kann, wo sie Zeitgeschichte(n) durchwandern können, ohne das Gefühl haben zu müssen, man schleife sie durch eine Bildungseinrichtung.

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Die Fotos in der Slideshow sind außen im Hof und an der Festungsmauer aufgenommen, man kann sie auch in der Mediathek einzeln und größer ansehen + kommentieren ab hier > Bild 1+ff

A propos ‚Schleifen‘: das Museum beherbergt als ehemalige Festung zur Zeit eine kleine militärgeschichtliche Ausstellung zum Thema Kadettenschulen in Deutschland oder auch (so Wikipedia) ‚Kadettenanstalt‘ genannt. Wer seine Kenntnisse darüber vertiefen möchte, sollte da weiterlesen, ich war eigentlich nicht wirklich daran interessiert, sondern zottelte nur ganz unbedarft mit meinem 12jährigen Sohn hinein, weil es gleich die erste offene Tür nach der Kasse war. Ein Erwachsener 3, 50 €, ein Kind unter 14 Jahren 1,50 €, eine Fotolizenz 2,- € … montags geschlossen.
Die Exponate bestehen zum größten Teil aus Bildern, alten Fotos, Uniformteilen und Informationstafeln zu verschiedenen solcher Einrichtungen in ganz Deutschland, sowohl aus dem alten Preußen als auch einer jüngeren Nachkriegs-Kadettenschule in der DDR; dazwischen eingestreut Biographisches von Trägern bekannter Namen, deren nicht ausschließlich militärische Karrieren von einer Kadettenschule ihren Ausgang genommen hat.
Ich habe sie mir nicht gemerkt, mich auch nicht vollkommen darauf konzentriert, sondern stattdessen meinem Sohn erklärt, was es damit auf sich hatte:

Der alte preußisch-bezopfte, colorierte Druck, auf dem der Lehrer boshaft provozierend dem Schüler etwas vor-ißt, während der eine Aufgabe zu erledigen hat, war vermutlich aufgrund der Kleidung zu fremdartig, um mit der Darstellung der Erziehungsmethode zu irritieren – bei diesem Bild haben wir mehr über das merkwürdige Aussehen an sich gesprochen, die Uniform, die seltsame Haartracht, aber er war ziemlich überrascht von den Fotos kleiner Jungen im Grundschulalter, militärisch uniformiert, ernst dreinblickend.
Man möchte meinen, das läge mehr als 100 Jahre in der Geschichte zurück, aber die militärisch in die Uniform der Kadettenanstalt Karlsruhe gekleidete Puppe war das Geschenk einer Mutter an ihren 8jährigen kleinen Sohn, der 1910 in die besagte Kadettenanstalt Karlsruhe kam, also waren auch die nach 1900 Geborenen noch Kandidaten für diese Art von Internats-Erziehung zum frühzeitig militärisch ausgebildeten Staatsbürger. Aus dem kleinen Jungen des Geburtsjahrganges 1902, der diese Puppe bekommen hatte, wurde übrigens später nicht etwa ein Rädchen im Militärapparat, sondern ein Apotheker. Es wird ja auch nicht aus jedem Klosterschüler ein späterer Kleriker.

2011-09-10-117-gp-ostern1931Die meisten von uns, die das Glück haben, ein altes Fotoalbum der Familie zu besitzen, das so weit zurück reicht, kennen Bilder von kleinen Jungen in Matrosenanzügen, je nach Altersgruppe von unseren Vätern, Großvätern, Urgroßvätern – wahrscheinlich hatten sie doch ursprünglich auch einen militärisch-marinen Hintergrund?
Meine Großeltern fanden es unproblematisch, ein solches Osterfoto von meinem Vater zu machen, als er vier Jahre alt war, in Stahlhelm, Leder-Gamaschen und den lieben Osterhasis. Das hat zwar mit dem Beitrag zur Ausstellung in Dömitz nur bedingt zu tun, aber paßt noch zur Frage, weshalb Eltern ihre Kinder in derartige Erziehungseinrichtungen gegeben haben. Es wird nicht notwendig nur mit Patriotismus im Zusammenhang gestanden haben, sondern mit Bildungs- und Aufstiegschancen in einer Zeit, die mit den heutigen Möglichkeiten in privatwirtschaftlichen Bereichen überhaupt nicht zu vergleichen war.
Meine Großeltern hätten es sich finanziell nicht leisten können, meinen Vater in eine solche Kadettenanstalt zu schicken, auch wenn jene nicht mit dem Versailler Vetrag nach dem Ersten Weltkrieg abgeschafft worden wären, aber nachdem mein Großvater sich aus dem noch beinahe leibeigenenartigen Pferdestalldienst – einschließlich noch praktizierter Prügelstrafen für die Arbeiter /Instleute – auf einem ostpreußischen Gutshof zu Beginn des 20. Jhs.  in das Soldatsein verbessert(!) und später sogar, von dort ausgehend, einen Sprung in den juristischen Verwaltungsdienst und damit ins angestrebte Kleinbürgertum geschafft hatte, nehme ich an, dieses Osterfoto sei weniger kriegerisch anzusehen, als es wirkt, auch wenn unsere heutige Sichtweise unterstellen möchte, die Eltern damals wären bereit gewesen, ihre Kinder bewußt einer nationalen Idee zu opfern. Ich glaube vielmehr, sie waren, genau wie wir heute in Umweltbelangen, Gentechnik etc., Zweckoptimisten, die für die Kinder das Beste zu erreichen hofften, und falls keine gute Zukunft käme, hätten sie es zumindest versucht.
Wenn ich heutige Eltern zum Vergleich suchen müßte, die ihren Kindern Ähnliches zumuten, würde ich sie auf Tennisplätzen suchen, in Eislaufstadien, in Modellagenturen, …

Der nächste Blogeintrag entgleist mir nicht wieder genauso, okay?

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12 Gedanken zu “Dömitz II + …?

  1. Ein großartiger Beitrag. Die kleinen, eher vergessenen Museen sind oft, gerade wenn man sie mit Kindern besucht, viel interessanter als die „Highlights“. Und in historischen Räumlichkeiten sowieso.
    Was das Bild des essenden Lehrers angeht, das finde ich schon eigenartig. Ich hätte gedacht, dass die Vorgesetzten eine gewisse Disziplin vorzuleben hatten. Irgendwie erstaunt es mich. Oder war es eine Ausdruck der Überlegenheit, vor hierarchisch niedriger gestellten zu essen? Irgendwie merkwürdig.

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    • Der preußische Erziehungsstil legte großen Wert darauf, das Entbehren und Ertragen zu lehren. Das war, wie ich annehme, ein absichtsvoller Punkt auf dem ideologischen Lehrplan, nicht etwa Disziplinlosigkeit eines hungrigen Lehrkörpers, und Ausdruck der Überlegenheit ganz sicher.

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      • Das ist bestimmt die logische Erklärung. Entbehren und Ertragen. Trotzdem gibt es mir einige Rätsel auf. Noch meine Mutter weigerte sich ein Leben lang, auf der Straße etwas zu essen, auch kein Eis oder Derartiges. „Auf der Straße isst man nicht“. Ich hätte gedacht, dass diese Einstellung früher für alle öffentlichen Räume galt. Und ganz ehrlich, mal so nebenbei, sie hat ihre Vorteile. Man kann heutzutage am Wochenende keinen Zug mehr besteigen, ohne dass mindestens 3 Leute im Abteil Gyros, Pommes, Asiatisch, hauptsache Fettgebacken und stinkend, auspacken und olfaktorische Umweltverschmutzung betreiben. Althergebrachte Verhaltensnormen können auch ihr Gutes haben 😉 Deshalb bin ich vielleicht so über das antike öffentlich-Ess-Bild gestolpert.

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        • Ja, das kenne ich auch noch von meiner Mutter, dass sie nicht mal ein Eis auf der Straße essen konnte.
          Ihr Vater musste zu Hause mit je einem Buch unter den Achseln essen, um eine gerade und aufrichtige Haltung am Esstisch annehmen zu können. Davon konnte er nur mit Tränen in den Augen erzählen, selbst im hohen Alter.
          Vielen Dank puzzle, für den feinen Artikel!

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  2. très instructif que ce billet là ma chere Puzzle
    l’architecture des batiments est sympas
    la vie était dure pour les enfants à l’époque
    les envoyer dans de tels institutions les faisaient grandir trop vite dans une partie d’horreur
    le charme de l’innocence enfantine y perd de son éclat….
    bises à toi et bon dimanche Puzzle

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  3. Dein Bericht ist wunderbar! Eigentlich hat man regelmaessig wenig Lust auf Heimatmuseum. Es wird erst spannend, wenn jemand mitgeht, der die Exponate wieder lebendig werden laesst, weil er authentischen Bezug hat. So auch in unserem Stadtmuseum in Schweinfurt, wo ein Altgedienter (vor der Pension strenger Lehrer am Celtisgymnasium) die vielen Details zum Leben erweckt. Dann wird die Zeit im Museum ganz schnell kurzweilig!
    Erhole dich bitte heute am Sonntag fuer deinen naechsten Beitrag!

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