Mahnmale. (Dömitz III)

Vor drei Tagen war es  141 Jahren her, seit am 8. September 1870 der erste Spatenstich zur Eisenbahnbrücke über die Elbe getan worden war, am 29. August 1873 war das seinerzeit längste Bauwerk Europas fertiggestellt. Mehr Details über die Beschaffenheit und die Bedeutung der Brücke für Norddeutschland kann man > hier nachlesen.

 

Nachdem sie am  20. April 1945 durch einen Angriff durch alliierte, amerikanische Bombenflugzeuge zerstört worden war, blieb sie über 40 Jahre lang als Mahnmal für die Zerstörungen des Krieges und als Symbol der deutschen Teilung bestehen, wenn auch nicht vollständig. Aus Sicherheitsgründen wurden nach und nach Teile abgerissen; am 10. April 2010 wurden die zwar denkmalgeschützten, aber vor sich hin rottenden Reste aus dem Besitz der Deutschen Bahn AG versteigert an einen privaten Investor, Dr. Toni Bienemann, Unternehmer aus den Niederlanden, der Teile davon herrichten und dem Publikum zugänglich machen will.
Dem Publikum …  – ich erinnere mich an 17. Juni-Tage der deutschen Einheit meiner Kindheit, an denen meine Eltern mit uns Kindern ins Auto stiegen und elbwärts fuhren, an Dannenberg vorbei, bis die Straße an der Elbe endete. Dort mußten alle aussteigen und die Brücke ansehen. Viel gesprochen wurde nicht.

Vermutlich geht es nicht wenigen Kindern am heutigen Tag ähnlich, und sie versuchen zu verstehen, weshalb die Erwachsenen auf alte Nachrichten-Bilder starren, die einen durch Flugzeuge zerstörten Gebäudekomplex zeigen, sowie zahlreiche Berichte zum gleichen Thema.
Vielleicht versucht es ihnen jemand zu erklären, was das bedeutet hat, dieses Attentat auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001, und welche Folgen es hatte, vielleicht aber auch nicht: ich habe heute schon wieder viel zu viel von „Sprachlosigkeit“ angesichts der Ereignisse gelesen.
Daß man damals fassungslos war und nicht in der Lage, den Sturm von Gefühlen und Ängsten zu artikulieren, ist das Eine, aber warum heute immernoch? 
Ich glaube, es ist tiefe Verunsicherung, nicht nur darüber, wie man ein Warum erklären könnte, sondern auch darüber, was man überhaupt denken „darf“. Diesbezüglich erlegten sich die eigentlich Betroffenen weniger Zweifel auf.
Mittlerweile hat sich die Erde 10 Jahre lang weitergedreht,  es hat daraufhin einen weiteren Krieg im Irak gegeben, der erheblich mehr Menschen das Leben gekostet hat, dazu diverse andere Kriege und Katastrophen, die bei größerem Elend dennoch mit weniger Aufmerksamkeit bedacht werden und schon gar nicht mit Jahrestagen. Mag sein, weil der ideologische Überbau der sogenannten westlichen Welt weniger existentiell davon betroffen scheint, als das persönliche Elend vieler betroffener Menschen es angemessen erscheinen ließe. Der aber  ist, wie man dem Dömitzer Gästebucheintrag vom 9. Mai 1945 entnehmen kann, ganz entscheidend. Jemand schrieb mit großen roten Buchstaben auf Russisch: „Die Rote Armee zerschlug den Faschismus ein für allemal! Tod dem Hitlertum!“ – Kommt vielleicht irgend jemandem etwas daran bekannt vor?

Fotos vom 3. September 2011 im Museum in Dömitz, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland – zum Vergrössern bitte die Bilder anklicken.

6 Gedanken zu “Mahnmale. (Dömitz III)

  1. Danke dass Du das so gut formuliert hast.
    Ich denke, es hängt auch mit der medialen Wucht der Bilder und der in ihrer Infamie Einzigartigkeit dieser Katastrophe zusammen. So gut wie jeder, der damals erwachsen war, weiß noch, was er an diesem Tag gemacht hat Mitten im Arbeitstag paralysiert die grauenhaften Echtzeitbilder gesehen. Alle Arbeit und Termine nebensächlich geworden.
    Und trotzdem hast Du recht. Es gibt weder Jahrestage für Tsunamis noch für Kriegstote, keine für verhungerte Menschen und solche, die gerade jetzt am Verhungern sind. Wir brauchen die ganz großen Bilder für die Gedenktage, vor allem solche Bilder, bei denen wir denken, „das hätte ja auch uns treffen können“.

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