Hinter Glas – Dömitz V

Jetzt muß es aber doch sein: Glaskästen gehören nun einmal in einem Museum dazu:

… für zerbrechliche,  filigrane, papierne oder einfach nur kleine Gegenstände, die nicht wegen ihrer Einzigartikgeit dort versammelt sind, sondern – im Gegenteil – wegen ihrer Bedeutung als Symbole für wohl-, wenn auch nicht blendend situierte  Haushalte zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert, wie beispielsweise das „Zwiebelmuster“-Speiseservice im Schaukasten oben rechts im Bild – ein Meißner Porzellan nach chinesischem Vorbild, welches es zwar bereits im 18. Jh. gegeben hatte, aber erst – wie bei Wikipedia darüber zu lesen  seit 1860 in wohlhabenden Bürgerkreisen Deutschlands zu besitzen zum guten Ton gehörte; es war so ‚kultig‘, daß schon Ende des 19. Jhs.  – wie heutzutage – alle möglichen anderen Gegenstände mit diesem Muster bedruckt worden waren; alsbald wurde es von verschiedenen anderen, weniger teuren Porzellanherstellern gleichfalls produziert. Nur eben ohne die kostbaren Schwerter hintendrauf, sondern die Namen von noch heute für preisgünstiges Porzellan bekannte Firmen aus dem Bayerischen Wald, und so kennt heute fast jeder eine Variante davon.

In einem anderen Kasten finden sich Ehrentassen und -teller zur Silberhochzeit sowie Hochzeitsfotos:  eine Sitte, die es immernoch gibt. Deren Symbole, wie silberdekoriertes Porzellan, das Silberkränzchen für die Braut sowie ein Silbersträußchen für das Knopfloch des Silberbräutigams landen nach dem Ableben der alten Paare hilflos und anrührend auf den Flohmärkten, weil kaum einer sie wegzuwerfen vermag, der sie im Nachlass seiner Eltern findet. Allerdings sind sie nahezu unverkäuflich, es sei denn, an jemanden, der geschickt genug ist, daraus Christbaumschmuck oder andere kleine Kunstwerke zu basteln. Das „gute Service“, die „guten Gläser“ oder ganz besondere Gegenstände, mit denen sich Weltläufigkeit zeigen ließ, wie so ein goldglänzender Samowar oder ein Extra-Teeservice:

… denn im 19. Jh. war Russland ein bißchen ‚in‘ geworden, weil ebenso, wie manche heute gern ‚Papst sind‘, fühlte man sich damals ‚ein bißchen Zar‘, wegen der deutschen Wurzeln der Zaren Nikolaus I. und Alexander II., und ließ sich faszinieren von den wunderbaren neuen Einflüsse der russischen Musik und Literatur …  Hinter der Vitrine mit dem Samowar, das dunkle Eichenmöbel war typisch für den Einrichtungsstil um 19oo. Ich könnte schon wieder ein altes Familienfoto dazwischenpappen, wie das dann in kleinbürgerlich aussah, wenn auf dem Vertiko stolz ein bißchen blankgeputztes Silber stand wie in der Vitrine auf dem unteren Foto links, aber es sähe in diesem Eintrag doch störend aus. Ein andermal, vielleicht.

Stattdessen nochmal ein Silberkränzchen, nämlich das einer Schützenkönigin, zusammen mit dem Federhut des Schützenkönigs und ein paar anderen Attributen ein ganz und gar bürgerliches Element in diesem Museum.

Nicht Landwirt, nicht Handwerker, sondern ein besonderer Stand für sich waren die Elbschiffer. Für sie und den Fluß gibt es eine eigene Abteilung – die Bilder von der Dömitzer Elbbrücke im Blog ‚Mahnmale‘ vom 11. September hängen auch dort:

Der Einbaum ist kein Ausstellungsstück steinzeitlicher oder fremdländischer Herkunft, sondern es wurde im 18. und 19. Jahrhundert „Eskimo“ genannt und als Beiboot eingesetzt, dessen Stabilität als Monoblock perfekt war für die Aufgabe, einem Verband von Binnen-Frachtseglern vorauszupaddeln und Gefahrenquellen im Fahrwasser (Steine,Baumstämme, Untiefen etc.) mit langen Stangen zu markieren. Das Gegenteil von zerbrechlich eben, es steht ja auch nicht hinter Glas. – In der Vitrine dahinter werden Schriftstücke und Urkunden gezeigt – die ich, ich geb’s zu, anzusehen ausgelassen habe, die große Fahne zeugt vom Dömitzer Schifffahrts-Versicherungswesen. (Ich liebe es immer noch, Worte mit 3fff zu schreiben.) ^^
Und nun zum letzten Kasten: Elbe, Dömitz, und das Aufstreben des Bürgertums in der Literatur, in diesem Fall bevorzugt auf Niederdeutsch … na?

Die weiße Porzellangestalt in der Vitrine zeigt ‚Onkel Bräsig‘, eine Romanfigur aus Fritz Reuter’s Roman „Ut mine Stromtid“.  Fritz Reuter saß von den 8 Jahren Festungshaft, zu denen er wegen „Teilnahme an hochverräterischen burschenschaftlichen Verbindungen in Jena und Majestätsbeleidigung“ (siehe > Wikipedia „Fritz Reuter“) verurteilt worden war,  die letzten beiden Jahre in der Dömitzer Festung ab, wo er unter moderaten Haftbedingungen durchaus eine gewisse Bewegungsfreiheit und geselligen Anschluß hatte, so daß er dem Festungskommandanten Christian von Bülow schließlich scherz-aber doch ernsthaft schriftlich versichern mußte, an keiner seiner 5 Töchter interessiert zu sein ….

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9 Gedanken zu “Hinter Glas – Dömitz V

  1. Dieses Museum würde mir gut gefallen. Allein die historischen Räume. Und dann sind offensichtlich die Schwerpunkte im 19. Jahrhundert, eine Epoche, die ich wegen Insomnias Projekten ständig im Focus habe. Ich finde es richtig gut, einen so ausführlichen Überblick zu bekommen. Was ist mit den Brautkränzchen? Sahen die so aus wie das für die Schützenkönigin? Oder anders?

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    • Das Silberbraut-Kränzchen ist ähnlich geformt, aber zierlicher, verspielter, mit Myrten-Blättchen und Blüten, nicht mit – ähm: ob das Eichenlaub sein soll? – ordentlich aufgereihten Blättern.

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    • Danke, Martin – es bleibt ja immernoch das Viele, das ich nicht erklärt habe und auch nicht weiß, auch wenn ich nicht zum erstenmal dort war, sondern vielleicht schon das vierte Mal – bei jedem Besuch hat man seine Aufmerksamkeit ein bißchen anders ‚eingestellt‘, manchmal lenken auch Mitbesucher ab – nicht einmal die eigenen Begleiter, sondern die Fremden und ihre kleinen unbeabsichtigten Theaterstücke 🙂

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  2. In großen Museen ist man oft überfordert mit der Reizüberflutung. Ich mag so kleine anschauliche Erinnerungssammlungen auch viel lieber. Wir waren mal in München, im Deutschen Museum und ich kann mich nur noch an die vielen Autos und das nachgebastelte Bergwerk erinnern… …weil man ES schaffen will, nimmt man vieles gar nicht wirklich wahr. Und der Geist ist überfordert…

    So ein Museumsbesuch wie Deiner, ist nachhaltiger, weil man sich länger mit den Dingen beschäftigen kann, ohne das man weiß, es folgen noch zig Hallen in denen es auch noch interessante Dinge zu sehen gibt… – Danke für die Mitnahme auf den Besuch… 🙂

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    • Das Münchner Technische Museum! na, das kann man echt nicht vergleichen. Schulklassen brauchen normalerweise eine Woche dazu, und das ist noch zuwenig. Außerdem sind solche technischen Ausstellungen auch irgendwie unemotionaler und das kann man nicht vergleichen, finde ich.

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      • Nee, kann man auch nicht… …das Teil ist riesengroß und unpersönlich… …wohler fühlt man sich in so kleinen Museen wo die Geschichte so richtig nach einem greift 🙂

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