Wohnen – weil heute Sperrmüll-Tag ist, beginne ich den Eintrag anders, aber eigentlich ist es auch ein Dömitz-Artikel: „DömitzVII“

 

An einem Sperrmüll-Abholtag 2011: leider fiel mir erst unmittelbar vor dem gerade anrollenden Müllwagen ein, schnell noch ein Foto zu machen von einem willkürlich ausgewählten Haufen. Im Nachhinein bereue ich meine gestrige Scheu, herumzugehen und die hinausgestellten Dinge zu fotografieren, die Stillleben hatten melancholischen Charme. – Warum das? Weil ich mich gestern beim Anblick dieser Haufen fragte, welchen Eindruck von unserer Möblierung, unserem Hausrat, die Menschen später haben könnten.
Gerade beim Sperrmüll kann man sehen, daß es meistens mit dem Schöner-Wohnen-Ideal nicht übereinstimmt, die wirtschaftlich begründete Realität der Mehrheit beinhaltet nicht ‚Ligne Roset‘ sondern des Elches ‚Klippan‘-Sofa, nicht individuell angefertigte englische Gartenmöbel, sondern Monobloc-PP-Spritzguß-international, und nicht maßgefertigte, deckenhohe, eingeschliffene Spiegel im Bad, deren schlichte Rahmen aus antiken Dachbalken italienischer Palazzos von den letzten Wissenden einer alten geheimen Bearbeitungsmethode in Handarbeit herausgedrechselt worden sind, sondern den „Allibert“, wie gnädigerweise auch sämtliche seiner leichteren und billigeren Spiegelschrank-Verwandten genannt werden.
Doch es gab auch um 1830 bereits in größeren Serien gefertigte Möbel, was anhand der Firmengeschichten der Stuhlhersteller Thonet und Knoll schön online nachzulesen ist, und in den Zeiten zuvor fertigten die Tischler Schränke, Betten, Tische, Stühle und Truhen nach immer gleichen Modellen an, die von Traditionen oder nur langsam fliessenden Modeströmungen vorgegeben wurden. Betrachtet man die im Dömitzer Festungs-Museum liebevoll zusammengestellte Küche, fühlt man sich beinahe zuhause: so viele ähnliche Stühle, Tische und Anrichten stehen heute noch in den Wohnungen. Viele davon wurden vom Sperrmüll gerettet und wieder hergerichtet, und oft von Menschen, die ihren ersten Brei in einer glatten, modernen Einbauküche der 60 oder 70er Jahre gelöffelt haben. Selbst mit Holz brennende Küchenöfen / Dauerbrandherden haben mit der modernen Hinwendung zum Ofen ein Revival erlebt, man kann sie in vielen Varianten neu kaufen. Der zierliche, von allen Seiten hübsch bemalten Herd in der Museumsküche ist wahrscheinlich ein Kohleherd, erfunden Mitte des 19. Jhs. und anfangs nur etwas für Wohlhabende, später konnten sich auch ‚kleine Leute‘ einen solchen Herd leisten, wie man auf dem Bild links sehen kann, aber immer noch mit einem gewissen Stolz: meine Urgroßmutter, um ca. 1920. An das Foto erinnerte ich mich bereits im Museum. Da steht sogar ein ähnliches Waschbecken-Gestell, links im Bild.

 

Auf dem Museums-Bild links, etwas von einem der Stühle versteckt, steht übrigens ein Eisschrank. Auch eine Errungenschaft des endenden 19. Jahrhunderts, die sich bis in die 50er jahre des 20. Jhs. gehalten hat. Meine Eltern hatten diesen stabilen, innen mit Metall verkleideten und natürlich elfenbeinweiß lackierten Holzkasten später noch jahrelang in der Speisekammer, um oben drin, unter der Klappe, die Eier zu lagern und unten in der Wasserauffang-Schublade das Schuhputzzeug. Die Mitte habe ich vergessen, deren Inhalt faszinierte mich anscheinend weniger.

Wie komme ich jetzt von der Küche ins Wohnzimmer? Über die Diele, natürlich (links). Die damaligen Bewohner eines etwas grösseren bürgerlichen Wohnhauses hatten vielleicht ein sogenanntes Berliner Zimmer, in dem auch so ein zierlicher eiserner Ofen gestanden haben könnte, sowie die Garderobe. Im Web steht zwar, es habe die großen Durchgangsräume nur in Berlin gegeben, aber diese Art großzügiger Durchgangs- und Gemeinschaftsräume gab es anderswo ähnlich, in schönen alten Villen Dresdens wurden sie von Immobilienmaklern und Bewohnern ebenso genannt, als ich sie mir 1997 ansah. Da ich über kein Fachwissen verfüge, bin ich diesbezüglich für andere Vorschläge offen wie ein Sonnenschirmchen, gehe aber in der Zwischenzeit weiter, in das Damenzimmer.

Das Mobiliar sieht ziemlich gesellig aus, aber unbequem. In manchen Möbelhäusern kann man auch heute noch ab und zu solche holzbetonten Schnörkel“Sofas“ in der Abteilung ‚Stilmöbel‘ stehen sehen, aber als Hauptsitzgelegenheit für einen gemütlichen Abend würde ich mir etwas anderes wünschen. Wahrscheinlich ist es ein Kaffeekränzchen- und Stickrahmen-Mobiliar, wie auch der zierliche Damenschreibtisch nicht von langer Verweildauer und großem Arbeitsaufwand zeugt. Kein Wunder, die Frau jener Jahre korrespondierte nur privat, für alles andere waren Väter, Ehemänner bzw. juristisch festgelegte Vormünder zuständig. Sie hatte keine Aktenordner, Kontoauszüge oder ähnlich umfangreiche Ablagen. Ein Haushaltsbuch, vielleicht – das paßt da hinein.

Das gemütlichere, besser gepolsterte, wenn auch nicht perfekt zusammenpassende Mobiliar auf dem nächsten Foto wäre einem nicht in einem Haushalt mit Damenzimmer begegnet: Man hatte darin ein Tisch für eine kleine Kaffeegesellschaft, ein Leder-Sofa mit einem großen Bild darüber, ein Sessel und zwei verschiedene Stühle mit Wiener Geflecht, Anrichte, Standuhr und ein Konsoltisch unter dem Wandspiegel, dunkle Eiche und ein bißchen Nussbaum und eine elektrische Glasschirmlampe – so könnte das etwas beengte, einzige Wohnzimmer, die gute Stube eines kleinbürgerlichen oder ländlichen Haushalts zwischen 1900 und 1930 ausgesehen haben.
Auch das meiner Ur- bzw. Großeltern wird um diese Zeit kaum sehr viel mehr Mobiliar enthalten haben, natürlich eine üppigen Decke auf dem Tisch, bestickte Kissen auf dem Sofa, Spitzen- oder Tüllgardinen plus Vorhänge vor dem Fenster und mindestens einen Teppich auf dem Dielen- bzw. Parkettboden, außerdem später ein Grammophon und ein Radio, nur nicht – niemals! – mit nacktem, sichtbarem Fachwerk. Dafür hätte man sich geniert. Tapete mußte sein. Der Geschmack in Sachen Bilder für das Wohnzimmer war rührselig, und Kinder trugen Kleider – nicht nur Mädchen, sondern auch sehr kleine Jungen, siehe Schwarzweissfotoggrafie – vor dem „Familiensilber“ in der Wohnung in Königsberg, weil es auch so gut zum Möbelthema paßt.

 

Fotos vom 3. September 2011 im Museum in Dömitz, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland – zum Vergrössern bitte die kleinen Bilder anklicken.

28 Gedanken zu “Wohnen – weil heute Sperrmüll-Tag ist, beginne ich den Eintrag anders, aber eigentlich ist es auch ein Dömitz-Artikel: „DömitzVII“

  1. Der heutige Sperrmüll ist in der Tat traurig. Ich kann mich erinnern, dass ganz früher manchmal noch wirklich schöne alte Dinge am Sperrmüll standen. Und auf den Flohmärkten waren. Merkwürdigerweise sind ja diese Omamöbel bis zu den 20-er Jahren, auch wenn sie keine Antiquitäten sind, immer noch irgendwie attraktiv. Auch wenn sie schon damals Massenware waren.Aber eben auch recht wuchtig. Zu der Kaffee-Sitzgruppe und dem Bild der Gesellschaft unter den Bäumen fällt mir ein, dass es den „Kaffee“ heute außer bei älteren Leuten gar nicht mehr in der Form gibt. Irgendwie out, zumindest mit „gutem“ Geschirr. Deshalb die ganzen Insolvenzen der Porzellanfabriken. Aber wenn man ein Kaffeekränzchen veranstalten würde, wäre eine solche Sitzgruppe bestimmt hilfreich.

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    • An diese Zeiten erinnere ich mich auch, als der Sperrmüll noch mehr Sperr- als Müll war. Oder erinnern wir uns da zu positiv? Mittlerweile wird vermutlich viel mehr richtig Altes gleich verkauft, über eBay, Kleinanzeigenblätter, Flohmärkte – die gab es ja noch nicht, bzw. weniger. Du hast wohl recht: zum Kaffeetrinken im Garten gibt es das normale oder sogar Garten-Geschirr und kaum jemand brezelt sich dafür repräsentativ auf, außer bei den der selben Firma angehörenden Expatriates, deren Ehefrauen sich um der Karriere ihrer Männer willen alle um die Chefgattin zu scharen bemühen … – da funktioniert es noch. ein bißchen.

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        • Aber holla! wie im Zirkus, wenn die kleinen Hündchen durch die Reifen hopsen. Es liegt an der Enklaven-Situation. Eine Welt für sich in einer fremden. Frauen und Kinder im Dienst ihrer Ehemänner und Väter … und das Auslandsgeschäft vieler Branchen ist im Wesentlichen eine Männerdomäne, was also gewisse Sitten und Gebräuche angeht, teilweise ganz erstaunlich relikthaltig. Leider nicht viktorianisch, sonst hätten wir ein schönes Thema weiterzuverfolgen. So ist es nur eine Consommé menschlicher Verhaltensweisen.

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          • Das wüsste ich aber …. Enklave, ja, das stimmt, aber Ehefrauen, die sich um andere Ehefrauen scharen kann ich nicht bestätigen … vielmehr ist es so, dass jeder schauen muss, wo er bleibt. (im Blog zum Beispiel? Oh weh)

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                • Nochmals was zum Thema Chefgattin: Ich fands immer total deplatziert, wenn in meiner letzten Firma der Geschäftsführer, der auch nur Fremdgeschäftsführer war, zu Weihnachtsfeiern und sonstigen schrecklichen Betriebsveranstaltungen als einziger seine Gattin mitbrachte und alle anderen Mitarbeiter waren ohne Gatte/Gattin/Lebensgefährte/in geladen. Das hatte etwas unglaublich Patriarchales. Hat mich immer angewidert, egal jetzt mal, wie ich die Frau fand. Irgendwie fand ichs grauenhaft.

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                • Das habe ich persönlich nicht kennengelernt, aber kann es mir gut vorstellen – unverschämte Naturelle wird es immer geben. Und all die anderen Machogepflogenheiten, die nach wie vor gang und gäbe sind, wenn Männer miteinander Geschäfte machen, möchte ich im Blog gar nicht diskutieren, auch wenn das sogar in gewissem, weitausgeholt sittlichen Zusammenhang mit der Gesinnung ‚Damenschreibtisch‘ oben paßte.

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  2. ich wollte es ja schon kommentieren. leider kam es aber nicht so weit. sicherlich wurde ich davor abgelenkt. aber was mir gleich aufgefallen ist, dass die Fotos wirklich schön in den Text eingefügt sind. also, passt einfach. steht auch nix über . perfekt. ^^

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