Brücken und Brüche in Zeit und Raum

Als Besucher erwartet man auf einem Schlossplatz auch ein Schloss in einem beliebigen Erhaltungszustand, aber dieser Platz befand sich gleich zweimal im Zustand der ‚tabula rasa‘, statt weiterhin Standort des Schlosses zu sein:
Das > Berliner Stadtschloss , als Residenzschloss der Hohenzollern Mitte des 15. Jh. für die Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg auf der Spreeinsel gebaut, nach barocken Erweiterungen ab 1702 königlich-preußische, 1871-1918 kaiserlichen Residenz im Deutschen Kaiserreich, während der Weimarer Republik Museum und Veranstaltungsort, war im Februar 1945 bei einem Luftangriff ausgebrannt, aber teilweise noch für verschiedene Zwecke verwendbar.
Die Wiederherstellungspläne scheiterten mit der Teilung Berlins, im Juli 1950 wurden auf dem III. Parteitag der SED die Sprengung und der vollständige Abriss beschlossen, es entstand stattdessen der Marx-Engels-Platz, daneben, zwischen Schleusenbrücke und Neuem Marstall, wurde 1962-1964 das > Staatsratsgebäude gebaut und das – der Linken durch die Novemberrevolution als „Karl-Liebknecht-Tor“ bedeutsame – > „Portal IV“ des alten Stadtschlosses als Denkmal darin integriert. Die allegorische Darstellung des Herbstes (links) ist einer der beiden Atlanten; es schmückte zuvor die dem Alten Museum zugewandte Lustgarten-Front des Schlosses.
Seit 2013 wird ein an das Schloss erinnerndes Gebäude errichtet, wo sich der oben erwähnte Marx-Engels-Platz und – seit Mitte der 70er Jahre – der Palast der Republik befunden hatten: nach Versuchen der Asbest-Bereinigung und Anpassung zwischen 1997 und 2003 war dessen Abriss beschlossen worden und 2008 abgeschlossen. Mit dem neuen „Berliner Stadtschloss“ soll nun an die traditionell-historische Mitte Berlins erinnert werden, indem der Neubau Repliken der Nord-, West-, und Südfassade des ehemaligen Stadtschlosses erhalten soll, und auch einige Innenräume sollen nach alten Vorbildern wiederhergestellt werden. Der größere Anteil soll aber, wie man am Beton der Baustelle unschwer erkennen kann, neuen Plänen folgen, nach denen das Humboldtforum genannte kulturelle Projekt ab 2019 Dauer-Ausstellungen über außereuropäische Kulturen zeigen wird, die ergänzt werden sollen durch weitere Sammlungen und Veranstaltungen.
2015-07-28 BERLIN-Tage 310A Mitte Baustelle am Schlossplatz Altes Museum

Unter den Baukränen ist hinter der Baustelle für das neue Berliner Stadtschloss / Humboldtforum ein Teil des Alten Museums mit seiner Inschrift und den vier Figurengruppen erkennbar: es befindet sich etwas weiter entfernt, auf der Nordspitze der Spreeinsel, ebenfalls im zweiten Weltkrieg Krieg ausgebrannt, wurde es aber bereits in den 50er und Anfang der 60er Jahre durch die DDR wieder originalgetreu hergestellt.
Auf beiden Fotos hierunter sieht man außer einem provisorisch die Rathausstrasse überbrückenden, blauen Wasserrohr und der Mühlendammbrücke über die Spree mit den Hochhäusern der Fischerinsel in der Ferne jeweils auf der rechten Bildseite den Neuen Marstall: :

Der Neue Marstall ist ein neobarocker Bau, der von Ernst von Ihne entworfen und um 1900 gegenüber dem Stadtschloss und entlang der Spree errichtet wurde. 300 Pferde sowie Kutschen und Schlitten des kaiserlichen Hofes waren darin untergebracht, und um der großen Linie willen wurden auch der Alte Marstall sowie einige Bürgerhäuser gleich mit überdacht. Gegenwärtig nutzt die Hochschule für Musik das Gebäude, darum kann man bei dem im Netz verfangenen Papier am Fuß der Säulen an der dem Schlossplatz zugewandten Front, die nach Beschädigungen durch den 2. WK etwas vereinfacht wieder hergestellt wurde, auch von echten Fußnoten sprechen.

Die idealisierte Szene der Liebknecht-Rede vom ‚Portal IV‘ des Stadtschlosses, von wo aus er am 9. November 1918 die ‚Freie Sozialistische Republik‘ ausgerufen hatte, befindet sich ebenfalls auf dieser Front, und auch eine weitere; sie wurden erst 1988 durch den Bildhauer Gerhard Rommel gestaltet.
Unmittelbar nach dem Betrachten der Bronzetafel ging ein ganz anders berockter Individualist vor mir her, unter dem blauen Wasserrohr durch und in Richtung des Roten Rathauses weiter, …

… während sich auf der gegenüberliegenden Seite der Rathausbrücke Touristen vor dem Berliner Dom fotografierten.
Eigentlich heißt er Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin und es handelt sich bei dem zwischen 1894 und 1905 nach Plänen von Julius Raschdorff errichteten Gebäude um eine evangelische Kirche … doch dort komme ich in einem der nächsten Einträge noch näher vorbei. Zurück zur Rathausbrücke:
Obwohl sich an dieser Stelle schon seit Jahrhunderten Menschen über eine Brücke vom einen Spreeufer zum anderen bewegten, sind es mehrere verschiedene, aufeinanderfolgende Brücken gewesen, die verschiedene Namen trugen. Die gegenwärtige Rathausbrücke wurde erst zwischen 2009 und 2012 gebaut, von Architekt Walter A. Noebel stammt der Entwurf für die modern-schlichte Brückenkonstruktion, für die Gestaltung des Geländers hatte es dann doch noch einen eigenen Wettbewerb gegeben, den der Schweizer Erik Steinbrecher mit den wie Äste geformten Metallguss-Geländerstreben und hölzernem Handlauf gewonnen hatte.
– Die Fotos sind vom Mittag des 28. Juli 2015 auf dem Schlossplatz bzw. der Spreeinsel in Berlin-Mitte gemacht. Zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken.

11 Gedanken zu “Brücken und Brüche in Zeit und Raum

  1. deine informationen und historischen einblicke sind ganz einmalig. vielen dank!
    … und die photos sowieso super getroffen. sie zeigen gut eine stadt auf der suche nach sich selbst. ob man dafür wieder das alte versucht nachzubauen, ist die frage. aber schon die suche als solche ist spannend.

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    • Stadt auf der Suche nach sich selbst – das ist wahrscheinlich die kürzestmögliche Zusammenfassung für das, was gerade zu beobachten ist, und sicher ist das schwieriger, wegen der nicht nur baugeschichtlichen, sondern auch weltanschaulichen Erinnerungen, in denen die Menschen gewohnt haben. Was die Einblicke angeht, sind gerade diese Dinge für mich oft erlebnisreicher, als der reine Anblick, und das ist bei Regenwolken und Baustellen mein Glück. Vielen Dank, Eva, für den anregenden Kommentar! (-:

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  2. Oh ja, und gerad heute war ich wieder mit Claus-Jürgen im Gespräch.Und stell dir vor, er sieht sich gern als Brückenbauer. Ja, nicht wirklich. Mehr im übertragenen Sinn. Weil Menschen wieder zusammen finden. Wenn sie mal getrennt waren. Aah, ich hab jetzt nicht alles gelesen, aber die Fotas sind schon wieder sehr gelungen. ^^

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    • MIch freut das immer wieder, in Summe, aber es ist auch schön, zu erfahren, dass meine Links von einem Leser verfolgt werden. Gerade der verlinkte Artikel des Fördervereins „Die Überreste des Schlosses – Grundlage für die Rekonstruktion“ bei „Portal IV“ ist auch heute noch erschütternd für jeden, der alte Gebäude mag, und nur diffuse Vorstellungen davon hatte, wie (auch in viel früheren Zeiten) mit Ruinen und Abraum umgegangen wurde. (-:

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