Dicke Babys mit Puddingschüsseln …

Aus Häusern spriessende Pilze, an Schirmen hängenden Gestalten – können einen danach dicke Riesenbabys mit Puddingschüsseln überhaupt noch wundern?

Ich entdeckte die steinerne Krabbelgruppe, nachdem ich aus der Spálená auf die Národní trída herauskam (Bild 1), auf der anderen Seite der Kreuzung bei einem Blick nach links, auf der Fassade des Hauses mit der Národní-Hausnr. 340/21 (Bild 2). Ah … auch das Wort „Krabbeln“ erinnert beim Anblick der grauen(-haften), so gar nicht niedlichen Babys an kafkaeske Vorstellungen … Doch zurück zur Realität: Es könnten auch Kuchenformen sein!
Die Fassadengestaltung des besagten Hauses aus dem Jahr 1913 ist quergeteilt, nur das Erdgeschoss und die erste Etage sind von den übergrossen Babys besetzt, für die vier Etagen zuzüglich Dachgeschoss darüber besteht eine zierlichere Version, das kann man > hier ansehen .
Der österreichich-ungarische Architekt des Hauses, > Viktor Beneš , war böhmischer Herkunft und hatte eine Vorliebe für den Neobarock. Er lebte von 1858 bis 1922. An der Aussengestaltung des Hause ist auch der Architekt Emil Králíček beteiligt, der wiederum das kantenreiche DIAMANT-Haus im kubistischen Stil an der Ecke Spálená / Lazarská entworfen hat (siehe Blog-Beitrag zuvor). Es ist also eine verwirrende Gestaltung neobarocker Elemente durch den geometrischen Jugendstil. Die Skulpturen stammen vom Bildhauer Antonín Waigant (1880-1918).
Puddingpulver für süsse Puddings mit Stärkepulver wurde übrigens Ende des 19. Jhs. erfunden und beliebt (z.B. von Dr. Oetker seit 1894). Ich bleibe also bei „Puddingschüsseln“. Wahrscheinlich naschen die bösen Babys gar nicht, sondern warten auf arglose Passanten, denen sie den Inhalt der Puddingschüsseln über den Kopf schütten können, jawohl.

Nach dem Foto von den dicken Babys (Bild 2) wandte ich mich gleich hinter der Ecke Spálená / Národní nach rechts. Der Blumenkiosk gegenüber des Einkaufszentrums „My Národní“ und die grünen Blätter an den Bäumen verbergen den unteren Teil der zur Národní gewandten Front des Palác Platýz (Bild 3). Als ich aber nah davor stand, war es wieder nicht möglich, um die Fassadengestaltung als Ganzes zu fotografieren; so entschied ich mich für eine Detailaufnahme mit Säulen (Bild 4). Das Ganze kann man > hier ansehen. Irgendwie ist da auch zuviel Pudding.

Wo die Národní trída auf den Jungmann-Platz Jungmannovo náměstí zuläuft, scheint sich alles das, was vorher schon zuviel war, noch zu verdichten, denn hinter der Rolltreppe der U-Bahnstation Můstek steht ein fantastisches, wenn auch übel beschmiertes Haus im Jugendstil, Jungmannovo náměstí 761/1 (Bilder 5-7,9), aber beim Anblick des grossen Palác Adria genannten Gebäudes (Bild 8) rechts davon – … nein: nicht Pudding – das dann doch nicht. Es erinnert mich – Architekturliebhaber mögen mir verzeihen, eher an eine Ritterburg-Torte zum Kindergeburtstag, als an einen Venezianischen Palast, der wohl im Sinn gewesen sein mag, als die Architekten Josef Zasche und Pavel Janak Anfang der 20er Jahre ein Versicherungsgebäude im Stil des > Rondokubismus für die Riunione Adria tica di Sicurtà entwarfen.
Es wurde 1923-1924 gebaut. Bildhauerische Arbeiten stammen von Otto Gutfreund , Jan Štursa , František Anýž , Karel Dvořák und Bohumil Kafka. Innen ist es viel schöner als aussen, schaut mal > hier.

Auf den Geburtstagsfeiern meiner Kindheit gab es übrigens immer Pudding. Erst Kuchen – unbedingt: kalter Hund, dann Spielen, dann Pudding, dann Spielen, dann Abendessen – Würstchen oder mit Eierscheiben belegte Brote
Nur eins noch: Der Herr auf dem tellerrund gefassten und mit Grün umpflanzten Denkmal (Bild 9) ist der Namensgeber des Platzes, der tschechische Sprachwissenschaftler deutschsprachiger Herkunft, Josef Jungmann (1773-1847), der sich im 19. Jh. mit seinen Übersetzungen von Chateaubriand, Goethe, Schiller und Milton Anerkennung und Erneuerung der tschechischen Schriftsprache zur Aufgabe gemacht hatte.
Und nun ist es wirklich höchste Zeit, von dem optischen Überangebot wegzukommen, und sich im nah gelegenen Franziskanergarten Františkánská zahrada (Bild 10) wieder zu normalisieren!
Wahrscheinlich hilft es auch, diesen Beitrag endlich abzuschließen und einen neuen zu beginnen.

Fotos vom Mittag des 15. Juli 2017 in Prag, Tschechien; bitte die kleinen Bilder in den Galerien zum Vergrössern anklicken.

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