Etwas über Hummelzungen

Die meisten Menschen denken nicht gross darüber nach, wie Insekten an den Nektar gelangen und meinen, von typisch-menschlichem Analogiedenken geleitet, dass es sich bei allem, was lang aus einem Insekten-„gesicht“ herausragt, um einen Rüssel handelt – und befinden sich damit sehr oft im Irrrtum.
Fliegen-Rüssel: ja, und Schmetterlinge haben auch einen, aber Hummeln und Bienen: nein, die schlecken mit Zungen und fliegen sozusagen mit heraushängender Zunge von einer Blüte zur nächstgelegenen anderen, wie auf meinem Foto die Ackerhummel Bombus pascuorum zum Weissklee Trifolium repens im wildkräuterdurchsetzten Rasen meines Gartens:

Zufällig fand ich unter dem Stichwort „Hummelzunge“ einen inzwischen fast drei Jahre alten Beitrag auf der Webseite des Deutschlandfunks, unter der Rubrik Forschung zum Thema Klimawandel > Die Hummel-Zungen schrumpfen; darin geht es um Forschungsergebnisse der Biologin Nicole Miller-Struttmann von der State University of New York in Old Westbury, die in den Höhenlagen der zentralen Rocky Mountains von Colorado an zwei Hummelarten geforscht und festgestellt hat, dass sich die unter dem Einfluss des Klimawandels höheren Temperaturen auf bestimmte tiefkelchige Blütenpflanzen negativ auswirkten, so dass weniger Blüten gebildet wurden, was wiederum bedeutete, dass Hummelarten, die mit besonders langen Zungen auf solche Pflanzen spezialisiert sind, nehmen mussten, was auch mit weniger langen Zungen erreichbar war, was letztendlich aber weniger Energie benötigt und Hummeln mit kürzeren Zungen bevorteilt.

Das wirkt zwar auf den ersten Blick alles „weit hergeholt“, wegen der Rocky Montains und deren Bergflora und -fauna, aber haben wir nicht gerade in diesen zurückliegenden, ungewöhnlich sommerlich-heissen Wochen festgestellt, dass die Blütezeiten der Pflanzen in unserer mitteleuropäischen Umgebung enorm beschleunigt abgelaufen sind?
Auch bei uns haben Insekten vielfach kaum noch Zeit zwischen Morgen und Mittag eine Vielzahl von geöffneten Blüten zu besuchen, die nach diesen wenigen Stunden schon wieder verfallen, und bei anderen ist die Blütendauer auf einen Tag oder kaum länger geschrumpft, was mir besonders an Magerwiesen-Margeriten und der Acker-Witwenblumen aufgefallen ist.
Wenn sich aber die Zeit für die Befruchtung der einzelnen Blüten durch Insekten verkürzt, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die Geschwindigkeit und Menge der Neubildung von Blüten für bestimmte Pflanzen über ihren Fortpflanzungserfolg entscheiden wird, im Wechselspiel mit der Anzahl der Insekten, die über die geeigneten Fähigkeiten zur Nutzung des Nahrungsangebots verfügen. Das gilt natürlich nicht nur für Insekten mit Zungen, sondern auch für die mit Rüssel und sogar generell für alle, die von Blüten leben.

Hummelzungen-Foto vom 3. Juni 2018 im Garten, Lüchow im Wendland, Niedersachsen.

13 Gedanken zu “Etwas über Hummelzungen

  1. Danke für diesen interessanten Beitrag und den Hinweis auf die Studie! Ich lese ja alle Dave-Goulson-Bücher und auch den Hummelblog-Newsletter von Cornel van Bebber, aber von diesem Phänomen war noch nirgends etwas zu lesen. Toll, dass du das gefunden hast. Viele Grüße aus München!

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    • Dankeschön für dein aufmerksames Lesen!
      Ich könnte mir vorstellen, dass solche Berichte vor drei Jahren einfach noch nicht ausreichend mediale Aufmerksamkeit bekommen haben. Dieser ist ja auch schwer einzuordnen unter Aspekte der üblichen Sparten von Meldungen, die Eindeutigkeit beim Empfänger verursachten Emotionen bevorzugen: ist es die Katastrophe oder die Hoffnung, die hier überwiegen? Eine Antwort wie „Beides!“ ist ausser in Fachliteratur schwer verkäuflich.

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  2. hummelszungen ist ein tolles wort. und du hast recht, ich hätte das nicht beantworten können, wie die hübschen flieger das machen. 🙂 danke für den aufschlußreichen beitrag und das interessante foto! (ich bin immer wieder fasziniert 🙂 ). ich wünsche dir einen schönen abend!

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  3. Wirklich interessant. Ich glaube, ich habe noch nie drüber nachgedacht und immer unreflektiert das Wort Rüssel benutzt. An Zunge habe ich sicher nicht gedacht. Tja, die Evolution geht weiter, Blumen und Tiere passen sich an. Mal sehen, wie anpassungsfähig wir sind. Hummelzungen klingt fast wie Himmelszungen 🙂

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