Vom Austrieb bis zu den Samenkörnern: die Findezwiebeln säen sich aus

Als ich im Frühjahr zwei am Wegrand gefundene, weggeworfenen Zwiebeln im Garten am Rand der Wieseninseln in einen Maulwurfshaufen steckte, war ich eigentlich nur neugierig, ob es überhaupt zu einer Entwicklung kommen würde, und wenn, ob gelbe und rote Speisezwiebeln auch verschiedene Blüten haben.

Die Entwicklung der ‚Findezwiebeln‘ ist in diesem Artikel zusammengefasst; das erste Foto zeigt die beiden Speisezwiebeln Allium cepa mit Austrieb, gelb vorne und rot hinten, am 4. April 2018. Über die nächsten drei Wochen entwickelte sich das Grün immer stärker, bis sich Ende April austreibende Stängel mit einer Art leerer „Tasche“ für die noch nicht erkennbar ausgebildeten Knospenbälle der Blütenstände zeigten:

Das Foto ist vom 29. April 2018. Dieses Stadium zog sich über den grössten Teil des Mais wochenlang hin, nur dass diese Stängel immer länger und dicker wurden, mit einer Art langezogenem Bauch. Schliesslich wurde der Stängel oben in der „leeren Tasche“ von einem kleinen Knubbel gekrönt, der langsam an Umfang zunahm, bis er Ende Mai aufplatzte:

Den aus seiner Umhüllung heraustretenden Blütenstand der Speisezwiebel-Dolde mit seinen grünlichweissen, grüngestreiften Knospen fotografierte ich am 31. Mai 2018. Die Speisezwiebeln nehmen sich wirklich viel Zeit für alles. Es wundert mich, dass sie es damit nicht in die Reihe der Pflanzen mit Vorbildfunktion gebracht haben: die stolze Rose, das bescheiden Veilchen, die geduldige Zwiebel – etwas Derartiges.

Die kleinen Einzelblüten waren noch geschlossen oder nur einen Spalt breit im Begriff aufzugehen, da reisten schon die Interessenten an: Käfer, Bienen, Fliegen, Falter. Am 11. Juni 2018 fotografierte ich den Rotgelbe Weichkäfer Rhagonycha fulva, seinerseits gekommen in der Hoffnung auf kleine, die Blüten besuchende Insekten.

Das Foto der Kleinen Kohlweisslinge Pieris rapae war bereits am 8. Juni 2018 vom benachbarten, bereits geöffneten Blütenstand aufgenommen, sogar schon zwischen 8 Uhr 45 und 9 Uhr 45 morgens – auch sie mögen nicht nur Raps und Kreuzblütler, in Sachen Nektar sind sie auch Speisezwiebel-Liebhaber, und das schon zum Frühstück!

Überrascht war ich von den Honigbienen Apis mellifera, denen hätte ich die Lust auf Zwiebelnektar noch weniger zugetraut als den Kohlweisslingen. Aber im Nachhinein stelle ich es mir vor wie Zwiebelkuchen mit Gewürztraminer mit einigen dazu genaschten Trauben – dem kann ich folgen. Das Bild ist vom Morgen des 10. Juni 2018, ein paar Rapsglanzkäfer Brassicogethes aeneus sind auch zu sehen.

Die Blüten duften vorwiegend blumig, nur hintennach nimmt man den Zwiebelursprung wahr. Am 19. Juni 2016 beobachtete ich das Grüne Scheinbockkäfer-Weibchen Oedemera nobilis bei der Pollen- und Nektarmahlzeit an den Blüten; es war schon eine erste Fruchtbildung zu verzeichnen. Im Laufe des Juli entwickelten sich blaugraue, dreiseitige Beinahe-Kügelchen, und andere Insekten fühlten sich von den drei verblühten Blütenständen der Speisezwiebeln angezogen:

Auf dem Bild vom 17. Juli 2018 ist eine sanftfarbige Nördliche Fruchtwanze Carpocoris fuscispinus zu sehen, eine der ersten Bewohner einer später immer bunter und teilnehmerstärkeren Wanzen-Dauerparty-Wohngemeinschaft, zu der sich auch Beerenwanzen Dolycoris baccarum gesellten. Die meisten von ihnen waren nicht zu sehen, …

… wie hier, am 29. Juli 2018, waren nur einige WG-Bewohner aussen auf dem Fruchtstand sichtbar, wie die beiden Nördlichen Fruchtwanzen und die einzelne rotgrüne Beerenwanze mit dem schwarzweissen Rand neben der grauschwarz gemusterten Fleischfliege Metopia argyrocephala , es versteckten sich doppelt so viele weitere Exemplare verschiedener Entwicklungsstadien im Inneren, unter den Kügelchen und zwischen den Stängeln, an denen diese sassen.

Die Party endete Anfang August, als die Kügelchen nach und nach austrockneten und aufplatzten; als den Wanzen buchstäblich die Getränke ausgingen und das Büffet vertrocknet war, trollten sie sich. Am 7. August 2018 entstand das letzte Foto vom reifen Fruchtstand mit offenen Samenkapseln und den kleinen schwarzen Samenkörnern darin. Ein Teil davon fehlt bereits, den habe ich verstreut: Neugier, die zweite Runde.

Alle Fotos sind, von Anfang April bis Beginn des Augusts 2018, von denselben Speisezwiebeln entstanden, am Rand der Wiesen-Insel im Garten, Lüchow im Wendland, Niedersachsen. Zu den an den Blüten beobachteten Tieren gehören Wespen, Honigbienen, Kohlweisslinge, verschiedene Schenkelkäfer, Weichkäfer, Rapskäfer, Fliegen, Schwebfliegen, die Wanzen-WG und auch Spinnen nutzen sie als Unterschlupf. Es kann so einfach sein.

21 Gedanken zu “Vom Austrieb bis zu den Samenkörnern: die Findezwiebeln säen sich aus

  1. Eine Erfolgsgeschichte von Anfang bis Ende! Eine Zauberblume 🙂 Die Wanzenparty stelle ich mir sehr lustig vor, auch wenn ich sie auf dem Balkon nicht bräuchte 😉 Wunderschön. Und ich hab immer noch keine, aber wann denn auch, bei dem Wetter?!!

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