Wismar (6) – Ein Haus Am Schilde

Es geschieht auf den meisten meiner kleinen Ausfahrten und Reisen, dass ich in der Nachbereitung meiner Erlebnisse und Fotos von der Touristin zum Terrier werde, der sich auf einer interessanten Spur eingräbt und sich in der verfolgten Sache verbeisst, zum Beispiel in die Suche nach Infos zu einem für die Altstadt von Wismar ungewöhnlichen Haus Am Schilde 11.
Eigentlich hätte ich dieses Haus am unteren Ende der Dankwartstrasse nur unter „ferner liefen“ mit Fotos von meinem Weg durch die Dankwartstrasse in einen Beitrag einbetten wollen, siehe Bild 2 unten. Wegen nicht mehr als einer kurzen Bildunterschrift wollte ich mehr über das Haus erfahren. Bei einem Wohn- und Geschäftshaus, irgendwann zwischen Ende des 19. Anfang des 20. Jhs. errichtet und so auffallend, dachte ich, es sei einfach. In Lissabon, Barcelona oder Gent war so etwas easy-peasy, aber in Wismar: Pustekuchen!
Durch meine ungläubig-beharrlichen Versuche, wenigstens Fitzelchen einer Erklärung für seine Besonderheit zu finden, wurde das Haus allein schon wegen der darüber verbrachten Zeit zu einem Hauptdarsteller meiner Reise-Nachlese!
Dann soll es eben auch hier im Blog so sein, als meine Art, Reisen zu erleben. So sieht es aus:

Schon als ich noch von der St. Georgen-Kirche kommend durch die Bliedenstrasse ging, sah ich von weitem das orientalisch anmutende Haus. Alles, was ich bisher dazu finden konnte ist dies: der Kaufmann Gustav Steinhagen handelte dort „mit Material- und Kolonialwaren, Tabak und Zigarren“, so beschrieben zu einer alten Postkarte, die ich auf einer Webseite fand, dem „Wismarer Wochenkalender“ mit alten Ansichten von Wismar, > hier. Die Material- und Kolonialwarenhandlung „Gustav Steinhagen“ gab es, wie an anderer Stelle derselben Quelle zu lesen, von 1913 bis 1951.
Noch immer befindet sich darin ein Ladengeschäft: der Stadt-Konsum, ein Einzelhandelsgeschäft mit fast eh allem. Seltsamerweise finde ich keine weiteren Angaben zum Haus. Zwar es ist in der Wikipedia-Liste der Baudenkmale in Wismar aufgeführt, aber ohne Baujahr und sonstige Details.
Die Erwähnung der Geschäftsjahre jenes Kaufmannes und Hausbesitzers im „Wismarer Wochenkalender“ und der einer Modeform des Historismus entsprechende, orientalisierende Baustil des Hauses legen zumindest meiner Vorstellungskraft nahe, dass es zwischen 1910 und 1913 eigens zum phantasieviollen Unterstreichen des exotischen Charakters von Kolonialwaren entworfen und gebaut worden sein müsste – natürlich ohne Gewähr.

2018-08-18 morgens in WISMAR, Dankwartstrasse, hinten mit 'Stadt-Konsum' Am Schilde 11 und Einmündung der Bliedenstrasse rechts davon

Zu Zeiten der Hanse liefen ungefähr dort, wo sich die platzähnliche Erweiterung namens Am Schilde befindet, und sich das Haus heute so markant präsentiert, mehrere Strassen innerhalb der Stadtmauer beim – heute nicht mehr existenten – Mecklenburger Tor zusammen. Die Dankwartstrasse bildet eine Hauptverbindung im Strassennetz der Altstadt, langgezogen und nur ganz leicht gebogen verläuft sie zwischen der Stelle, wo Beginn des 20. Jh. Reste des Stadttors abgerissen wurden und dem Marktplatz.
Diese Richtung schlug auch ich ein, so dass im nächsten Beitrag endlich wieder eine zusammenhängende Bildreihe von meinem Weg durch die Dankwartstrasse folgt, ganz wie ich es vorgehabt hatte, bevor ich mich von einem einzelnen Haus, das wohl sonst niemanden sonderlich interessiert, stundenlang vereinnahmen liess.

Beide Fotos sind vom Morgen des 18. August 2018 Wismar, Landkreis Nordwestmecklenburg, Mecklenburg-Vorpommern. Zum Vergrössern kann man das zweite, kleinere Bild anklicken.

6 Gedanken zu “Wismar (6) – Ein Haus Am Schilde

    • Genau die Frage hat mich umgetrieben. Ich denke, die Frage nach dem Ursprung geklärt zu haben: es müsste zwischen 1910 und 1913 fertiggestellt worden sein für den Kaufmann Gustav Steinhagen, der es über den Geschäftsräumen seiner „Material- und Kolonialwarenhandlung“ mit seiner Familie bewohnte.
      Der orientalisch-historistische Baustil war bereits im 18. Jh. aufgekommen und war bis in die 20er Jahre des 20. Jh. noch beliebt, oft auch mit einer Art schauwerblichen Intention; auch das wäre für einen ambitionierten Kolonialwarenhändler eine passende Wahl, um zwischen lauter anders gestalteten Gebäuden auf sein Geschäft aufmerksam zu machen.

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    • Ich selbst habe kein geeignetes Foto von dem hintersten Teil der Dankwartstrasse gemacht, aber eines gefunden, dass wenigstens die beiden infrage kommenden Häuser auf der linken Strassenseite erahnen lässt:

      Webfund Wismar Dankwartstrasse - Am Schilde 11 hinten rechts - Ostseezeitung - Foto Christel Ros

      Hinten rechts, gegenüber des höheren Hauses mit dem runden Erker, ist eine Ecke des Hauses aus meinem Artikel zu sehen, die Wand mit den Reflektionen der Fenster von Standpunkt des Fotografen aus gesehen liegt hier rechts. Leider steht keine der infrage kommenden Hausnummern in der Liste der denkmalgeschützten Häuser. Das höhere der beiden Häuser Nr. 61 müsste aus der Zeit um 1900 stammen, das Giebelhaus, Dankwartstrasse Nr. 65, da stimme ich deiner Vermutung zu, würde ich allein wegen dieser Bauweise auch für älter halten.

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