Wismar (7) – Dankwartstrasse

Am Samstagmorgen um Viertel nach zehn Uhr in Wismar, vom Rand des kleinen Platzes Am Schilde stehend, mit Blickrichtung die Dankwartstrasse entlang, zum Marktplatz hin gesehen bot sich der Anblick einer luftig breiten Strasse, gesäumt von zwei Zeilen sowohl giebelständiger als auch traufständiger Häuser in Creme- und Hellgelb, Blassgrün, Silbergrau, Weiss, Backstein- und Eisenoxidrot, fast alle älter oder sogar viel älter als blosse hundert Jahre:

Es kommt in Städten mit mittelalterlichem Stadtkern nicht so oft vor, dass man einem an Strecke so langen Strassenverlauf mit dem Auge so breit und weit folgen kann: die Dankwartstrasse war frühzeitig eine Hauptverbindung im Strassennetz der Altstadt, langgezogen und fast gerade verläuft sie zwischen der Stelle, wo Beginn des 20. Jh. Reste des Stadttors mit dem Namen Mecklenburger Tor abgerissen wurden und dem Marktplatz. Das wichtige Tor war der Grund dafür, dass innerhalb der Stadtbefestigung davor mehrere Strassen zusammenkamen und so diese Art von Platz bildeten, der Am Schilde heisst. Umgekehrt war der Weg zum Markt der Grund für den direkten Verlauf der Strasse zwischen beiden.

Das zweite Bild, ein Blick zurück durch die Dankwartstrasse, war schon im Beitrag zuvor etwas kleiner zu sehen: hinten befinden sich das Haus Am Schilde 11 des ehemaligen Kolonialwarenhändlers Gustav Steinhagen, das mich wegen seines herausstechenden „orientalischen“ Stils interessiert hatte, und ausserdem die Einmündung der Bliedenstrasse rechts davon, über die ich von der St. Georgen-Kirche her gekommen war. Zu den beiden gelben Giebeln in der Bildmitte folgen weiter unten noch ein paar Extra-Worte als Beispiel für die Baugeschichte etlicher Häuser in der Dankwartstrasse und überhaupt der Altstadt von Wismar. Bild 3 ist wieder Richtung Markt gerichtet:

Weil viele Häuser im Laufe der Jahrhunderte dazukamen oder baulichen und gestalterischen Veränderungen unterworfen wurden, empfindet man beim Ablaufen der Strecke das wahre Alter hinter den meist verputzten und sehr gepflegten Fassaden nicht so stark, wie es der Geschichte einiger entsprechen würde. Hinter manchem historistischen Hausgesicht aus dem späten 19. oder dem Beginn des 20. Jhs. verbirgt sich Mittelalterliches. Ein Forschungsprojekt des Hochschule Wismar befasste sich im Zeitraum von 2009-2013 unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Frank Braun mit dem Erforschen des Alters der Gebäude u.a. durch dendrochronologische Untersuchungen von Dachstühlen und anderen verbauten Holzbalken in den Häusern der Altstadt von Wismar. Dabei entstand ein Dachkataster mit Angaben zu einzelnen Häusern und deren Historie, das sogar online eingesehen werden kann.

Das gelbe Doppelgiebelhaus in der Mitte von Bild 2, heute Haus Nr. 55 mit zwei Neorenaissance-Giebeln, steht im Alten Stadtbuch von 1680 als zwei separate Gebäude verzeichnet: die auf meinem Foto rechte Seite als „Haus, ehemals Backhaus“ mit der Nr. 196, links war Nr. 197 und „Schmiede“; beide gehörten bis in die erste Hälfte des 19. Jhs. verschiedenen Eigentümern. Laut Wasserleitungsplan von 1710 verfügte von beiden nur Haus Nr. 196 über einen Wasseranschluss und war darin als Giebelhaus notiert, während das 1680 mit „Schmiede“ benannte Gebäude traufenständig zur Strasse stand. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. erhielt es einen strassenseitigen Giebel. Bei dendrochronologischen Untersuchungen von Holzbalken im Keller des älteren, nördlichen Teils erwiesen sich von neun Eichenproben zwei als „um oder nach 1385“ und drei als „um oder nach 1740“. Für Details direkt von der Quelle bitte die verlinkte Seite aufrufen > hier, auch um Hausbiographien weiterer Häuser zu lesen.

Fotos vom Morgen des 18. August 2018 Wismar, Landkreis Nordwestmecklenburg, Mecklenburg-Vorpommern.

13 Gedanken zu “Wismar (7) – Dankwartstrasse

    • Man weiss heute oft nicht, welche Teile eines Gebäudes wirklich immer schon am materialdatierten Platz verbaut waren, aber die Untersuchungen haben sich, soweit ich es gelesen und verstanden habe, nicht nur auf die Altersuntersuchung des Holzes beschränkt, sondern auch die Holzverbindungen beachtet, um Weiterverwendungen anhand der Verarbeitung oder anderen gefundenen Zeichen nachzuweisen.
      Ich denke, auch das Verfolgen der Zeiten wechselnder Besitzer, wie auf der Seite zu sehen, kann dabei weiterhelfen, denn auch heutigentags nimmt eigentlich fast jeder Neubesitzer eines Hauses Veränderungen vor. Insgesamt bin ich von der Art des Projekts absolut begeistert.

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      • Das fehlt mancherorts. Man hat früher nicht gewusst, wie hilfreich Festhalten von Daten sein kann. Aber heute interessieren vielleicht ja auch andere Daten als früher.
        Ich war Vor Monaten im Ostallgäu essen in einem kleinen Schloß und da war einiges festgehalten. Das Schösschen wurde zig mal umgemodelt.

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        • Wer Geld hatte, modelte ja auch nicht nur wegen Baufälligkeiten um, sondern auch aus repräsentativen Gründen und Bewunderung neuer Stilrichtungen.
          Ich hatte vor vielen Jahren mal das Vergnügen, mich im Stadtarchiv im Rahmen der Ermittlungen zum Erstellen eines Abbilds von Lebenshaltungskosten im 19. Jahrhundert in unserer kleinen Stadt mit Rechnungen und Lohnaufstellungen beschäftigen zu dürfen. So etwas wie Handwerkerrechnungen und ähnliches sind natürlich in noch weiter zurückliegenen Zeiten viel seltener vorhanden, ausser vielleicht in so grossen Haushalten wie Gütern, Schlössern oder Klöstern.

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  1. Wenn nur nicht die Autos wären! Mich hat das gerade gestern bei einem Besuch der Mainzer Altstadt wieder gestört. Man muss diese Dinge mit großer Willenskraft gewissermaßen wegimaginieren, um einen Eindruck davon zu erhalten, wie es mal war. Aber alles kann man wohl nicht haben.

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    • Da kann ich nur mitseufzen. Wahrscheinlich hatte ich noch das Glück der frühen Stunde und des Wochenendes, sonst wäre der Blick sicherlich noch häufiger und höher beeinträchtigt gewesen.

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  2. are admirable his posts, the history and the culture of a city (of a country) are in these details, that often appear unnoticed. the preservation, the preservation, the modification of the structures of construction, of creation. this answers a lot about issues that I always ask myself when post buildings, or details of old buildings: what we were, what we are and what we can be. the books that gave me a breath about the past life here in Porto Alegre were the annals of the City Council. is a true diary of how the city life was in the 18th century for example (remember, where I live I’m much younger than Europe). beautiful and elucidative post, Heide.

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  3. Wismar hat wirklich hübsche Ecken und Straßen – und etliche Besonderheiten. So leer habe ich die Straßen noch nicht gesehen. Zum Glück bist Du früh genug aufgestanden, um diese eindrucksvollen Aufnahmen zu machen.

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    • Es lohnt sich, nicht zu verschlafen, und ich glaube, dann noch einen Samstag oder Sonntag für den Stadtbummel auszusuchen, ist für die Sicht auf die Hausreihen optimal.
      Es kommt später auch noch das Lebhafte dazu. Ganz ohne die Gegensätze zwischen „still“ und „belebt“ hätte es auch nicht den einen oder anderen komischen Augenblick zu beobachten gegeben.

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