Ganz schön versteckt: Liebstadt

Das Wetter und die Herbstfarben waren zu schön, um nur Autobahnkilometer zu fahren. Darum wechselten wir bei Bad Gottleuba von der Autobahn herunter auf eine von Wald gesäumte und gewundene Landstrasse. Bald wurde sie von einem Wasserlauf, nämlich dem Börnersdorfer Bach, begleitet. Um diese Zeit gab es noch keine anderen Fahrzeuge, nur mal einen Fussgänger mit Hund – wunderschön war das. Überrascht wird man auch am Ortsbeginn von Liebstadt mit einem den Blick auf das Schloss Kuckuckstein, das mit „Augen im Dach“ die Herankommenden zu beobachten scheint:

> Liebstadt befindet sich in einem mit Laubwald bestandenen Tal im Übergangsgebiet vom Osterzgebirge zum Elbtalschiefergebirge und findet sich trotz seines beachtlichen Alters von über achthundert Jahren mit nur 1’400 Einwohnern auf der Liste der kleinsten Städte Deutschland. Es gehört zum Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, und das heutige > Schloss Kuckuckstein ist das Nachfolgegebäude einer bereits im 10. Jh. erwähnten Burg – was ich alles noch nicht wusste, als das Auto unterhalb des Schlosses durch die Schlossstrasse, mit Blick auf die etwas von anderen Gebäuden verdeckte Stadtkirche spätgotischen Ursprungs, in den Ort weiter hineinrollte:

Das Gebäude rechts im zweiten Bild platzt unter dem unscheinbaren Grauputz mit seiner Geschichte als Bruchstein-Gebäude heraus; es ist Teil des ehemaligen Gutshofes aus dem 19. Jh., der dem Schloss sozusagen zu Füssen liegt. Dieses schaut auch auf seiner Südwestseite mit vielen Dachgauben-Augen über die kleine Stadt hinweg, genau wie die roten, sehr ähnlich gestalteten Dächer unterhalb des Schlossbergs, die wohl ebenfalls zum ehemaligen Gutshof gehört haben, wenn man der > Liste der Kulturdenkmale in Liebstadt folgt.

Zwischen den Gebäuden recht und der Strasse verlief der Bach; um anzuhalten und einmal in Ruhe zu gucken, nicht bloss aus dem Autofenster zu fotografieren, suchten wir uns einen Platz zum Halten etwas weiter westlich des Markts. Von dort war hoffentlich mehr vom Schloss zu sehen, als nur allzu steil von unten, wie auf dem ersten, dritten und vierten Foto, obwohl man auf Bild 4 den hübschen Bergfried schon wieder besser sehen kann:

2018-10-14 Liebstadt, Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Schloss Kuckuckstein, von der Zimmlerstrasse gezoomt

Also bogen wir in eine vom Markt abzweigende Strasse, die Zimmlerstrasse, zusammen mit der Bachstrasse bildet sie rechts und links des kanalisierten Bachlaufs der Seidewitz eine Art geteiltes Strassen-Zwillingspaar, von dem sich die gewählte Seite leider wegen Bauarbeiten als gesperrte Sackgasse erwies. Die Seidewitz war bis auf ein schmales Rinnsal in ihrem gemauerten Kanal leider recht armselig trockengefallen, andernfalls wäre es sicher ein noch idyllischerer Anblick gewesen:

Immerhin wurde mit dem grösseren Abstand zum Schloss ein anderer Blick auf das spätgotische Schlossgebäude aus dem 15. Jh. mit seinem hübschen, türmchengeschmückten Wohnturm des nordöstlichen Bergfrieds sichtbar.
Das grosse, rotbraun abblätternde Haus mit barockem Mansarddach im linken Vordergrund des Bildes und das gelbliche, viel schmalere Haus, ebenfalls mit Mansarddach, das als Kopfbau an der Strassengabelung in der Mitte unterhalb des Schlosses zu sehen ist, stammen beide aus dem späten 18. Jahrhundert :

Auch hier wünscht sich die Phantasie etwas mehr Wasser in den fast trockener Bachlauf der Seidewitz, und etwas mehr Geld in der Stadtkasse sicher auch, denn es sind zwar einige Häuser in recht ansehnlichem Zustand, aber vielen, wie dem ehemaligen Gasthaus ‚Schwarzes Kleeblatt‘, im klassizistischen Stil aus den 1880er Jahren, fehlt es an baulicher und somit finanzieller Zuwendung. Dem unmittelbar am Markt und an der Durchgangsstrasse gelegenen, ehemaligen Gasthaus ist beispielsweise seit den sechziger Jahren das höhere, originale Dach abhanden gekommen und wurde durch ein viel zu flaches ersetzt, was ihm zu seiner verfallenden Fassade zusätzlich eine Ruinen-Optik verleiht:

Ich hatte mir alte Ansichtskarten dazu gesucht und gefunden – sehr schade. Insgesamt bin ich hin- und hergerissen: wegen der schönen Landstrasse und der eigentlich reizvollen Lage und Gebäude würde ich Liebstadt durchaus auf meine Liste der Orte setzen,für die ich mir einmal eigens Zeit nehmen möchte. Andererseits fürchte ich mich davor, wie deprimierend es bei Regenwetter aussehen muss, wenn schon der Sonnenschein kaum gegen die Melancholie ankommen konnte.

An diesem Morgen hatten wir jedenfalls nur kurz ein bisschen bewundert, fotografiert und ein wenig geseufzt, folgten der gewundenen Landstrasse noch einige waldreiche Kilometer durch das Mittlere Seidewitztal. Inzwischen war die Strecke mehr und mehr von Motorradfahrern befahren, die alle zu meinen schienen, dass ihnen um die Uhrzeit noch niemand entgegenkäme. Bei Meusegast wirkte es wie aufzutauchen aus einer anderen Zeit, zurück in eine wieder weiträumig von Ackerbau geprägte Landschaft neben der Autobahn Richtung Dresden. Es war immer noch vor zehn Uhr morgens am 14. Oktober 2018, in Liebstadt, Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, in der Nähe von Pirna, Sachsen.

11 Gedanken zu “Ganz schön versteckt: Liebstadt

  1. Regenwetter im Januar, wenn dann noch der Geruch der mit (schlechter) Kohle geheizten Häusern in der Luft liegt, dann bleibt vom pittoresken Verfall nur noch der Verfall – es sei denn, man hat überschäumend gute Laune!

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    • Ich sehe schon, du hast dieselben Vorstellungen. Obwohl es den typischen ostdeutschen Geruch von früher bestimmt nicht mehr gibt, kenne ich aber solche Talsituationen mit nicht minder fürchterlichem (angeblich nur Kaminholz-)Rauch und Qualm, und zwar aus dem Allgäu, bei entsprechenden Wetterlagen. Wobei ich meine hiesigen Nachbarn auch nicht für Unschuldsengel halte, die sich gleichzeitig mit dem neuen Ofen auch auf abgabengünstigere „halbe“ Restmülltonnen umgestellt haben: ein Schuft, der Schlechtes dabei denkt, nur weil es nicht bloss nach Holzbrand stinkt.

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      • Ich habe meine Geruchserinnerungen eher aus Polen, wo ich in den 90ern öfters gewesen bin, auch im Winter. Ich habe mir auch die Kohlen angesehen, die dort vielfach verbrannt werden, seltsame, grobe Stücke, die ich noch nie gesehen hatte. Dort hat man auch gar keinen Hehl draus gemacht, dass man alles Brennbare incl. alter Schuhe im Ofen entsorgt hat. Der Rest, erzählte man mir, würde in den Wald gefahren. Ja wohin denn sonst, wurde mir mit Unschuldsmine entgegnet, es gab ja keine Müllabfuhr. Letzteres hat sich allerdings inzwischen geändert. –
        Wir verbrennen hier im Kaminofen, der schon jetzt jeden Abend brennt, nur gutes trockenes Holz, riecht trotzdem manchmal über die ganze Strasse ….

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        • Als ich in meiner Teeniezeit als Pfadfinderin mit Lagerfeuer in der „Jurte“ gezeltet habe, war ich das Geräuchertwerden gewöhnt und mochte den Geruch sogar ganz gern, wahrscheinlich erkenne ich seitdem am Geruch, ob es nur Holz ist, oder „Holz*plus“, aber auch letzteres findet hier jeder normal, weil die Müllabfuhr Geld kostet und man tatsächlich die Wahl hat zwischen kleiner und grosser Restmülltonne und alles andere beim Heizkostensenken helfen kann.

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          • Ist, was den Restmüll betrifft, hier noch extremer. Man hat nicht nur die Wahl zwischen großer und kleiner Restmülltonne, wobei letztere natürlich billiger ist, sondern man bezahlt pro Leerung. 12 Leerungen pro Jahr sind Pflicht, aber das steht nur auf dem Papier. Also ist es am billigsten, wenn man die Restmülltonne nur 1 Mal pro Jahr rausstellt …. ich glaube aber nicht, dass die Leute deswegen Müll im Kaminofen verbrennen, es ist viel leichter, einfach alles in die Gelbe Tonne zu werfen …..

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  2. Schön, solche Funde abseits der großen Straßen. Dann mußt du wohl zu den schöneren Jahreszeiten wiederkommen! Der Ort sieht jedenfalls sehr reizvoll aus. Verständlicherweise wünscht man sich die Restaurierung dieser ehrwürdigen Bauten, auf der anderen Seite ist es spannend, auch den Übergangszustand noch sehen zu können. Ich finde es oft etwas langweilig, wenn eine komplette Stadt fast „zeitgleich“ restauriert wurde. Dann sieht alles zu glatt und einheitlich und so nach idealer Filmkulisse aus. Aber natürlich wäre es schön, wenn da noch was zu machen wäre!

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