Verzerrungen

Am Wegrand ein Blick durch die Farbtöne gebrannter und ungebrannter Siena auf den tiefblauen Himmel, durch die Blätterzacken der Zerr-Eichen Quercus cerris. Komplementärfarben, elegant zuerst, wie Feuer und Eis, dann wie ein eingeworfenes Fenster. Der Auftakt. Wer nur Bilder ansehen möchte, sollte hier auf das Lesen verzichten, es geht auch ohne. So dachte ich auch zunächst selbst, es war ja nur ein Spaziergang, aber es entwickelte sich anders.

Anfangs war noch alles leicht und von visueller Euphorie angesichts der Farben und Entdeckungen erfüllt. Mit jedem Bild verfingen sich jedoch immer mehr Assoziationen in meinem Gedankennetz. Sucht kommt von Suche.
Zu visueller Euphorie erscheint für mich im Web gleich oben das Buch „Das Laookon-Paradigma“ – Serendipität, willkommen bei Wendy Darling! Mary „Serendipity“ Poppins‘ Regenschirm ist besser als ein Peter Pan.

„Das 18. Jh. generierte unterschiedliche Strategien des Umgangs mit Tod und Schmerz. Das Spektrum reicht von der ästhetischen Immunisierung gegenüber dieser Wahrnehmung bis zum Ausloten der physiopsychologischen Effekte, die der Anblick des Schrecklichen und Grausamen beim Betrachter auslöst.“ > siehe o.g. Quelle. Mit meinem inneren Kind an der Hand gleite ich über die Abgründe. Gebranntes Siena auch die Fassadenverkleidung. Spiegelungen wie Fraktale in den Fenstern. Hinter einem der Fenster habe ich mit zwölf die Bezeichnungen der zwölf Deckfarben im Farbenkasten auswendig gelernt. Die Märchenzahl funktioniert nur, wenn alle daran glauben. Und wenn sie nicht gestorben sind.

2018-11-03 Lüchow, vormittags, Fenster d. ehem. Realschule - jetzt Gymnasium mit verzerrter Spiegelung der Bäume gegenüber

Es ist schwer, weiterzufliegen, wenn der Alltag einen für mehrere Stunden aus dem Gedankenfluss herausholt.
Das Bild zieht mich wieder hinein, hinter eines der anderen Fenster: mein Vater, jedoch als Lehrer besser. Jahrzehnte später, er vom Krebs kleingeschrumpft, auf einem Zeitungsfoto, wo ich vor wenigen Tagen fotografierte. Die Rasterpunkte waren viel zu gross für das kleine Bild, und er immer schon zu klein für Versöhnungen, aber noch kleiner sah ich ihn bei der letzten Begegnung, von der Krankheit aufgesogen, wie in das Zentrum der Fenster-Spiegelung hinein verschwindend, ohne sich noch einmal umzusehen, als wäre es eine Flucht. Genug gesehen, auch das Kind. Ich schliesse den Schirm und lasse ihn los.

Fotos vom 3. November 2018, Lüchow im Wendland, Lüchow-Dannenberg, Niedersachsen, Gedanken von heute.

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22 Gedanken zu “Verzerrungen

    • Danke Dir!
      Ob sie in der für sie wichtigsten Zeit ihrer Kindheit und Jugend nicht lernen konnte, sanft zu sein? Es erklärt nicht alles, denn andere gibt es wohl auch, aber ich empfinde es als grosse Hilflosigkeit der vor und während des WK II Geborenen im Umgang mit solchen Gefühlen.

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  1. fühle mich / bin sehr berührt durch deine bilder und worte. so geht es mir auch oft beim gehen, die gedanken kommen und gehen mit. ich weiß nicht, ob du weinen konntest, mir laufen die tränen. ich würde dir gern etwas tröstendes sagen, doch mir fällt nichts ein, bzw. das, was mir einfällt, kommt mir irgendwie … ich schreibe es einfach mal … ich glaube nicht, dass dein vater genug kind gesehen hatte, du bist ein wundervoller mensch und das wird er gewusst haben. aber er konnte sich nicht versöhnen, vermute ich, stolz, angst, sprachlosigkeit, innere blockaden … selbst konstruierte oder anerzogene, schwer zu sagen. unversöhnlichkeit tut immer weh, beiden, das denke ich. welch schmerzhafter moment, da in der klinik auf den gängen, es zerreißt mir nur beim drüber nachdenken schon das herz. tut mir leid, dass er nicht anders konnte und du solchen schmerz erleiden musst(est). alles liebe und gute für dich, und wenn ich darf … eine umarmung. umarm die astrologin im frühstücksfernsehen hat heute morgen gesagt, es sei ein tag, an dem alte wunden hochkommen, damit sie jetzt heilen können … ich wünsche es dir. ❤

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    • Liebe Wolkenbeobachterin, vielen Dank für dein Nachspüren und Mitfühlen. deine Vermutung von einer Unfähigkeit, seine eigenen Blockaden zu erkennen und zu überwinden, würde ich auch bestätigen.
      Wo das Funktionieren wichtiger als das Verstehen, wird nicht nur Kommunikation unmöglich,, sondern auch der eigene innere Frieden, das belastete ihn sicherlich. – Dass heute ein Tag intensiver Gedanken zu sein scheint, meinte ich auch bemerkt zu haben, vielleicht verstärken sich dadurch die eigenen Impulse , sich einzulassen, wenn es so sein soll, dann auch tränenreich, anders kann ich gar nicht, wenn mir etwas nahegeht (auch, wenn es mal nicht meins ist). LG

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      • liebe puzzleblume, dieses „funktionieren“ als wert, ich würde sagen, es war eine ganze (kriegs-)generation, die das gelebt hat. manche dinge gingen da einfach nicht, weil funktionieren an sich schon so vieles ausschließt. im grunde reduziert sich kommunikation auf „wie mache ich es, damit es funktioniert“, was sicherlich dazu verhilft, manches zu schaffen, doch innerfamiliär funktioniert das eben nicht.
        ich glaube, daran „zu glauben“, also an diesen wert, sieht einfach vieles nicht vor, vor allen dingen probleme in der familie. mit einem „basta“, oder „das machen wir so“ kann man nicht alles beheben oder klären.
        das schlimme ist ja, dass sicher kein böser wille dahinter steckte, in dieser sprachlosigkeit wird auch er hilflosigkeit gespürt haben, denn du bist/warst sein kind und damit das liebste, und dahin nicht zu reichen, nicht hinzukommen, nicht (wieder) in kontakt kommen zu können, muss ihn auch zerrissen haben, auch wenn er es nach außen nicht zeigen konnte oder gezeigt hat.
        für dich als kind / erwachsene war es aber ebenso schlimm. die liebe zu spüren, den kontakt zu wollen, das gespräch zu wollen, eine lösung finden zu wollen und immer wieder zu scheitern oder das gefühl „nicht anzukommen“, bzw. den anderen nicht erreichen zu können, das tut sehr, sehr weh.
        … und so sind zwei menschen unglücklich und traurig, weil sie nicht zueinander finden, obwohl sie doch im herzen vereint sind …
        weinen ist gut.
        liebe grüße zurück und dir einen schönen, ruhigen abend.

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  2. Sehr berührende Worte. Ich denke auch immer wieder, daß diese WK-Erfahrungen dazu beigetragen haben, Gefühle zurückzustellen oder beiseite zu schieben. Ausnahmen sind vermutlich die, die ohnehin in einer sehr liebevollen Familie aufgewachsen sind. Ich vermute mal, daß die Liebe zu dir da war, aber nie gezeigt werden konnte. Das ist schon traurig. Ich verstehe manches erst jetzt, wo das hohe Alter noch mal schmerzliche Erfahrungen hochkommen läßt und wo Gefühle der Elterngeneration noch mal verarbeitet werden wollen. Manchen bleibt dafür noch Zeit, anderen leider nicht mehr, was umso schmerzlicher ist. Leider drängen sich zusätzlich oft die schlechten Erfahrungen und Erlebnisse in den Vordergrund, obwohl es die anderen, die schönen Momente, sicher auch gab. Eine dicke Umärmelung ♥

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    • Danke für deine mitfühlenden Gedanken, Almuth!

      Es gibt mehrere Bücher der Autorin Sabine Bode, die sich mit den seelischen Bedingungen der Kriegskinder, der sogenannten „vergessenen Generation“, denen den Nachkriegskinder und schliesslich auch der Kriegsenkel befassen. Diese zu lesen hat mir vieles erklärt, so dass ich manches nicht mehr allein-persönlich auf mich beziehen muss, aber das ändert nichts am Versagen, gerade weil ich genügend andere Familien kenne, bei denen die Dinge trotz vergleichbarer Biographien anders verlaufen sind. Es kommt eben doch auf das Zusammentreffen von Umständen mit bestimmten Charakteren an, nicht nur auf die Rahmenbedingungen.
      Es ist zwar als Trost gut gemeint, aber die Liebe war nicht da. Selbst meine Mutter hat es ab einem bestimmten Punkt aufgegeben, weiterhin in dieser Weise zu insistieren, als sie merkte, wie unglaubwürdig diese Methode geworden war, durch Schuldgefühle für Ruhe und Wohlverhalten zu sorgen. Wenn man eigene Kinder hat und weiss, wie impulsiv man sich für ihr Wohl einzusetzen bereit fühlen kann, fallen einem die Diskrepanzen in der Auffassung von Elternschaft ganz besonders auf.

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      • Von den Büchern habe ich gehört. Ja, das ist sicherlich traurig und bitter, wenn man das anders erlebt und weiß, wie es hätte sein können. Das schmerzt noch mehr. Es tut mir leid, daß das so extreme Erfahrungen für dich waren. Da muß man seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen. Loslassen….irgendwie….irgendwann…. Daran arbeiten wir vermutlich alle.

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        • Die Bücher habe ich irgendwann schon mal erwähnt, kann sein, dass wir es schon mal bei anderer Gelegenheit mit dem Thema Psyche und Kriegsauswirkungen hatten.

          Einen Teil meiner Art Wegbewältigung sieht man hier ja in dem ungeplant sich so entwickelten Beitrag. Wer etwas gestaltet, kennt das: wenn ein Gedanke nicht weiterführt, loslassen und zurücktreten, warten, bis „es ruft“, dann fortfahren. Die einzelnen Schritte mehr begrüssen als die Stillstände, das Stehenbleiben nur als Innehalten empfinden. Sich Zeit nehmen, aber die Gelegenheit ergreifen, wenn sie winkt – wie Mary ‚Serendipity‘ Poppin’s Regenschirm, sich tragen lassen und für alles öffnen, dann geschieht Entwicklung.
          Der Unterschied vom Konflikt mit dem Lebenden zur Trauer um das Nichtgewesene ist, dass einem seine Zeit und sein Gedankenfluss allein gehören. Man hat sich weder Konventionen noch Rücksichten auf andere mehr zu beugen. Es kommen keine neuen Verletzungen mehr dazu, alles ist Heilung, auch gelegentlicher Schmerz. Denk-Vorgaben wie das Beschwichtigungs-Axiom Nr. 1, alles sei nur das Resultat von Missverständnissen, kommen unter die Lupe. Wer sagt das und warum? Das ist es, was ich unter „seinen eigenen Weg finden“ verstehe.
          Neid wegen der anderen habe ich nie empfunden, denn sie waren mir Beobachtungsgelegenheiten und Ersatz an Vorbildern.

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