„ABC-Etüden“ – die vierte, mit bitterem Nachgeschmack

Ein und dieselbe Schreibeinladung von Christiane, für die Textwochen 45/46 des Schreibjahres 2019 forderte mich zu einem weiteren Versuch heraus, mich mit den drei in den Text einzuarbeitenden Wörtern von Anna-Lena und ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte“, auseinanderzusetzen. Sie lauten immer noch:

Himmelsleuchten – recycelbar – ausreisen

Alle 3 Begriffe müssen innerhalb ihrer jeweilig gegebenen Wortarten in maximal 300 Wörtern verwendet werden.

 

Bitterer Nachgeschmack

Überall lese ich zur Zeit Ost-West-Geschichten, das zermürbt, darum gibt es nun auch hier eine.
Vorstellungen ersetzen meist das Wissen, ganz gleich wo der jeweilige Standpunkt verortet ist.

So verübeln meine Cousins und Cousinen einem indifferenten „uns“ bis heute, dass ihre Träume von Gymnasium und Sportschule auf einen Schlag platzten, weil ein Treffen ihrer Ost-Mütter mit ihren West-Schwestern von Stasi-Spitzeln verpfiffen wurde.
Wie naiv anzunehmen, in ihrem Geburtsort am Zonenrand wären sie sicher: kürzlich war der aktuellen Lokalpresse zu entnehmen, seinerzeit habe es dort auf zwanzig Einwohner einen Spitzel gegeben. Das Belohnungs- und Sanktionssystem konnte selbst alte Schulfreunde in Versuchung führen.

Menschen vergessen alles Übel, sobald ihnen etwas genommen wurde. Identität und Heimatgefühl sind nicht recycelbar, es bleibt nichts als ein idealisierendes Nachglühen vom Verlorenen, wie ein fernes Himmelsleuchten.
Viele Babyboomer haben Vertriebenengeschichten der Eltern und Grosseltern gehört und dabei die Augen verdreht, wie sie Zeiten romantisierten, in denen sie Prügelstrafen zusahen, die ihr Grossvater dem Gutsvolk verabreichte, oder dass der Vater, mit SS-Uniform stolz fotografiert, früh genug starb, um womöglich etwas sühnen zu müssen.

Nach 1945 sollte sich nie wieder jemand an einem System beteiligen, in dem Menschen anderer Ansichten verfolgt wurden, aber nur sieben Jahre später musste mein Vater wegen einer unbedacht-politischen Äusserung von der SBZ in den Westen verschwinden, war nach der Ostpreussenflucht erneut Flüchtling. Meine Mutter, damals schon verlobt, hätte offiziell nicht ausreisen können, sondern folgte mit einem Köfferchen über die damals noch grüne Grenze. Dafür hat sie ihre Eltern und Schwestern bis zum „kleinen Grenzverkehr“ in den 70ern nicht mehr sehen können.

Der Nachgeschmack ist für alle bitter.

 

21 Gedanken zu “„ABC-Etüden“ – die vierte, mit bitterem Nachgeschmack

  1. Im Haus meiner Großeltern war bekannt, wer der Spitzel war, zumindest einer, wenn nicht sogar zeitweise zwei. Ob meine Tante (immerhin Lehrerin) explizit Schwierigkeiten wegen des Westbesuchs hatte, der offiziell ihrer Mutter galt, aber im selben Haus stattfand? Ich weiß es nicht (mehr), es kann aber sein.
    Danke dir für deine Etüde, berührt mich sehr. Ist auch meine Geschichte.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Keiner von ihnen lebte noch dort am Ort, waren schon seit Jahrzehnten fort. Es gab niemanden, wo sie sich hätten privat treffen können und ging gemeinsam auf den Friedhof und dann zum Essen in ein Hotel, mit deren Besitzerin sie schon im Sandkasten gespielt hatten, besuchte eine alte Angehörige im Feierabendheim und traf allgemein Bekannte, weil der Ort klein war. Sie waren einfach zu vertrauensselig in die vermeintlichen Bindungen. Meine beiden angeheirateten Onkel waren bei der Volkspolizei, da waren die Kontakt-Regeln streng und galten auch für ihre Ehefrauen und Kinder.

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  2. Ich habe bei Christiane einschlägig kommentiert, bevor ich dies hier las. Es ist vor allem der Satz „Identität und Heimatgefühl sind nicht recycelbar, es bleibt nichts als ein idealisierendes Nachglühen vom Verlorenen, wie ein fernes Himmelsleuchten“, der mich anrührt.

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  3. Ja, sehr berührend.
    Ich mag hier eine eigene Erfahrung mitteilen. Wir waren vor etwa 2 Jahren in der Nähe von Neugablonz für zwei Tage als Zwischenstop von einer Reise untergebracht.
    Im dortigen Heimatmuseum sahen wir uns Dokumente der Vertriebenen aus Gablonz an.
    Die drei Frauen, alle etwa 70, die an der Kasse standen, waren Töchter der seinerzeit Vertriebenen. Sie waren mit viel Feuer und Engagement dabei, Persönliches beizusteuern, wenn man fragte.
    Man kann sich fragen, ob die Kinder dieser Frauen eher Abwehr spüren oder Verstädnis. Entkommen kann man aber nicht. Solche Erfahrungen werden über einige Generationen weitergereicht, wenn nicht bewusst, dann unbewusst, in Körper und Seele.

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    • Es gibt inzwischen eine sehr interessante Buchreihe der Autorin Sabine Bode zum Thema der Kriegskinder und Kriegsenkel. Lesenswert in jedem Fall, denn zu einer von beiden gehört man auch als heute Lesender auf jeden Fall dazu, ich beispielsweise zu einem Zwischenstadium beider, da mein Vater mit 17 noch vom Gymnasium weg einberufen wurde. Ich bin mir sicher, dass selbst meine Kinder in gewisser Weise die Folgen zu spüren haben, die es mit sich gebracht hat, Nachkomme von direkten oder indirekten Kriegsteilnehmern und Flüchtlingen zu sein – meine 1903 geborene Grossmutter hat uns schliesslich bis in die 1990er Jahre durchs Leben begleitet, und hat zusammen mit den Eltern durchaus Einfluss ausgeübt. Von all den Lehrern, die mit ins Leben gewirkt haben, ganz zu schweigen. Es sind nie Einzelpersonen allein, die an späteren Lebensbildern mitgemalt haben, und die Partnerwahl tut das ihre später noch hinzu, dass etwas weitergegeben wird, ganz wie du es schreibst.

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      • Sabine Bode kannte ich so direkt noch nicht.
        Das berühmte Buch „Sommerhaus am See“ las ich kürzlich, es erzählt von ein hundert Jahren schlimmer Erfahrung.
        Vor Jahren las ich auch ein Buch eines Psychologen über, sagen wir es so, „Schmerzgebiete“, also Regionen, in denen viel Gewalt stattfand. Es ist erwiesen, daß die Traumatisierungen weitergereicht werden, wenn nicht durch Erzählung allein, sondern auch durch die Körper. Von 3 bis 4 Generationen ist da die Rede.

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        • An einen esoterischen Aspekt von „Inscriptionen“ glaube ich nicht, ich denke pragmatischer, denn soweit ich meine eigenen Erfahrungen als Nachfahrin von spätestens seit dem 18. Jh. recht unsesshaft herumgetriebenen Generationen als Mass heranziehen kann, werden Erfahrungen durch Erziehung und Umgang direkt weitergereicht, auch wenn vieles davon ohne Vorsatz geschieht. Zufällig habe ich einen Partner, der in gewisser Weise ähnliches verinnerlicht hat, und somit verwundert es keinen von uns, dass wir im Gegensatz zu so vielen, die wegen nichts und niemandem ihren Wohnort freiwillig wechseln würden, damit keine Probleme hatten und auch hinsichtlich unserer Kinder lediglich günstige Abschnitte abgewartet haben – was bedeutet, dass auch die nächste Generation unserer Familie bereits davon geprägt ist.

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          • Umgang und Erziehung, ja, das ist natürlich wichtig, hat große Bedeutung.

            Der Autor sprach von epigenetischer Weitergabe, was zusätzlich zur sozialen Weitergabe wirkt.

            Du weißt, ich bin kein Freund von Esoterik, war das noch nie. Das ist mir ein Greuel.

            (Ich las viele Jahre einen Blog von Wolf Schneider, der „Connection“ rausgab. Er schrieb ein Büchlein über esoterische „Weisheiten“, indem er die Mythen, die es da gibt, einfach widderlegte.)

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