ABC-Etüde für die Textwochen 21.22.20 | Wortspende von Kopf und Gestalt

Sie wurde erneut auf dem Blog ‚Irgendwas ist immer‘ von Christiane losgelassen, die > Schreibeinladung für die Textwochen 21.22.20 | Wortspende von Kopf und Gestalt, Gerhards Wortwahl fiel, wie er angab, mithilfe eines aussergewöhnlichen Insektenorakels auf folgende drei Worte: Zeitplan – schlimm – fallen, die in maximal 300 Wörtern zur Anwendung kommen müssen, wobei eventuelle Inhaltshinweise und die Überschrift nicht zum Text gezählt werden.

Traumhochzeit

Ihre Augen schienen ihr selbst fremd, diese Smokey Eyes zu angeklebten Wimpern mit Glitzersteinchen unter dunkel nachgefärbten Brauen. Auf den Fotos würde das grossartig aussehen, hatte ihre Stylistin und Freundin die Einwände besänftigt, gepinselt, gepudert und das Haarteil mit dem Eigenhaar verkämmt, um die mausigen Flusen zu etwas hochzustecken, worin der Schleier Halt fand.

Alles lief wie am Schnürchen. Sobald Nicole vom Antrag unterm Weihnachtsbaum erzählte, dem die Hochzeit im Mai folgen sollte, nahm Mona die Dinge gleich nach dem Freundinnenjuchzer und dem Gratulationsgeküsse mit einem entschiedenen „Das geht nicht!“ in die Hand: “Ich werde einen Zeitplan aufstellen und dafür sorgen, dass der durch nichts Unvorhergesehenes umgeworfen werden kann!”

Und so wurde aus dem Mai nach dem Weihnachts-Antrag der im darauffolgenden Jahr, damit alles reibungslos organisiert und bestellt werden konnte, vom Kleid und Schuhen über Location, Menü, Band, Brautjungfern, Auto, Gäste, Tischordnung, Fotograf, Frisur und Makeup, Blumen, Proben und dem Junggesellenabschied bis zum grossen Tag.
Nicole glitt traumwandlerisch durch den Plan, wie ein Schwan über glattes Wasser, ihr Schatz verdrehte nur die Augen, wenn Mona auftauchte, seine Ex, die als beste Freundin die Braut umsorgte.

Endlich waren die kostbaren Minuten des Alleinseins gekommen, bevor sie mit dem geschmückten Auto abgeholt würde. Ob es schlimm wäre, vom Balkon danach Ausschau zu halten? Unglück brächte es doch nur, wenn der Bräutigam sie vorher sähe. Den bauschigen Reifrock hielt sie schräg, um die Balkontür zu öffnen. Der Strassenverkehr mehrere Stockwerke unter ihr brummte laut, und so hörte sie nicht das Geräusch der sich öffnenden Zimmertür, sah nur das Auto kommen, winkte freudig und fiel.

Mona fand man mit dem Schleier in der Hand auf dem Sofa vor, sie habe die arme Nicole gewarnt, sich weiter vorzubeugen, schluchzte sie, aber nicht festhalten können.

300 Wörter

 

20 Gedanken zu “ABC-Etüde für die Textwochen 21.22.20 | Wortspende von Kopf und Gestalt

  1. Oh, was???? Was ist denn das für eine hinterlistige Geschichte??? Ich bin schockiert!!!
    Schade, das Warum würde mich jetzt aber sehr interessieren.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁⛅☕🍰👍

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    • Gut, dass du schockiert bist, ich bin es auch, wie sich die Idee von der Hochzeitsplanung zur Hochzeitsverhinderungsplanung entwickelt hat.
      Es ist ja gar nicht so selten, dass unter Freund*innen der Partner der einen zur anderen wechselt, vielleicht weil auch die Freundin gerade jemand anderen vorgezogen hatte.
      Mona knirschte sicher leise mit den Zähnen, als sie hörte, dass Nicole von Monas Ex den Heiratsantrag bekommen hat, auf den sie selbst vergeblich gewartet hatte, und das ging eben gar nicht, das sollte wehtun. Erst wollte sie ihr nur ein hässliches Styling verpassen oder irgendetwas anderes verpfuschen, aber dann stand die Braut auf dem Balkon und das war noch besser. Ja, schlimm. Danke, Christiane 🙂

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    • Vielen Dank, Katharina! Der Hochzeitskult, zu dem sich das Heiraten in den vergangenen Jahren entwickelt hat, ist für mich auch unverständlich, und sicher auch ohne einen solchen Pseudo-Unfall ein theatralischer Wahnsinn. Das hat sich als Nährboden für solche Mordgelüste angeboten. 🙂

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  2. Menschen fallen Menschen zu Opfern, ein Fall von vielen Fällen. Und sofort wird ein Verbrechen assoziiert. Was ohne Zeugen schwer beweisbar ist und alleine unserer mörderischen Phantasie überlassen bleibt.

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    • Selbst nach meiner eigenen Vorstellung entwickelte sich die Szene erst unterm Schreiben hin zu dem angedeuteten Schubs – es musste ja noch etwas fallen, und mir war auf einmal einfaches Stolpern nicht mehr genug – aber niemand weiss es besser als Mona. Vielen Dank, Elvira!

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      • Das ging mir so ähnlich und doch anders. Zu „fallen“ hatte ich so viele Assoziationen, die ich als Notiz festhielt, bis mir auffiel, dass sie einen eigenständigen Text darstellten. „Zeitplan“ konnte ich noch problemlos anhängen. Nur mit „schlimm“ war es schlimm.
        Mein Sohn schrieb einen Artikel über den Unterschied zwischen Plottern und Pantser, zwei Begriffe, die mir fremd waren. Mittlerweile weiß ich, dass ich zur Kategorie der Pantser gehöre, wie du wohl auch. Geschichten schreiben, die sich beim Schreiben entwickeln (im Gegensatz zum Plotter, der alles bereits durchdacht hat).

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        • Ja, die Begriffe sind mir bis eben auch fremd gewesen, weil ich ja nur zum Spass schreibe, und das vor mich hinträumende Schreiben um die Wortspenden herum als Erlebnis empfinde. Jetzt, da du es erwähnst, kann sein, dass sie allerdings auch meinem Sohn als begeistertem Pen & Paper-Spieler vertraut wären, schliesslich hat er eine Semesterarbeit darüber geschrieben, die zu lesen sehr interessant war. Danke, Elvira, für diese Ergänzung!

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