Verschaukelt – meine ABC-Etüde für die Textwochen 26.27.20 | Wortspende von stepnwolf

Meinen Beitrag zur > Schreibeinladung für die Textwochen 26.27.20 | Wortspende von stepnwolf | Irgendwas ist immer musste ich eine Woche lang im Kopf bebrüten, bevor sich mir etwas aus der Wortspende des Herrn Stepnwolf vom Blog Weltall. Erde. Mensch … und Ich. eröffnete, die da lautet: Reagenzglas, übermächtig, vergessen.
Diese in nur maximal 300 Wörtern zu verwenden war diesmal noch fordernder als sonst, obwohl Inhaltshinweise und die Überschrift nicht zum Text gezählt werden müssen. Ich muss sagen, dass ich bei Phantasietexten leichter finde, mich einzubremsen, und schlussendlich gibt es, nach Kürzungen und Vereinfachungen, eine Punktlandung auf 300.

2020-06-28 ABC-Etüden zur Wortspende v. Stepnwolf Reagenzglas + übermächtig + vergessen (2)

Auf der Schaukel zwischen Idealismus und Enttäuschung – oder kurz: verschaukelt

Es ist lange her. In meiner Schulzeit, der 8. Klasse vielleicht, gab es im Englischbuch eine Lektion über die U.S.A., betitelt mit „Meltingpot of Nations“, dem Schmelztiegel von Nationalitäten.
In unserer deutschen kleinstadtidyllischen Teenagerwelt stellte das Anfang der 70er Jahre niemand infrage. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten schien, im Gegensatz zum Holocaustnachfahrendeutschland, offen für alle, die dorthin wollten, wo alle Möglichkeiten offenstanden, wenn sie wollten und den richtigen Moment erwischten.

Dass dieses legendäre Amerika nicht mit der Realität übereinstimmte, wurde erst später thematisiert, als der Geschichtsunterricht sich langsam der Gegenwart näherte und Gemeinschaftskunde- und Politikstunden sich mit der übermächtigen Weltmacht U.S.A. befasste.
Dass es ein klares Ranking unter den vielen Einwanderern aus Europa gab, die sich wiederum – je nach Status ihrer meist kolonialstaatlichen Herkunftsländer – den ebenso eingewanderten Asiaten und Lateinamerikanern überlegen fühlten, und alle miteinander sich wiederum über die durch Sklaverei unfreiwillig verschleppten Afroamerikaner erhaben fühlten, sowie die meist unerwähnt bleibende, indigene Bevölkerung – dies alles wurde in den Schulbüchern vergessen.

Vielleicht war der Kalte Krieg daran schuld, dass es im Westen nur Gutes geben durfte, weil das Böse im Osten verortet werden sollte. Vielleicht wurde das Thematisieren solcher Konflikte, auch wegen der deutschen Kolonialgeschichte und unrühmlichen rassistischen Vergangenheit der Nazizeit, schuldbewusst unterdrückt.
Man fand den chinesischen Koch in „Bonanza“ einfach lustig, die farbigen Künstler in Filmen und auf Bühnen hielt man für Zeichen von Gleichberechtigung, verwechselte Wohlstand mit gesellschaftlicher Anerkennung und war unwissend und naiv, aus der Ferne.

Aber der Rassismus besteht fort, und die Idee vom Schmelztiegel taugt bestenfalls zur Salatschüssel.
Seit sich die Untersuchungsmethoden im Forschungslabor vom Reagenzglas zum Elektronenmikroskop verlagert haben, und die Wiege der Menschheit durch das Analysieren der mitochondrialen DNA von Müttern unmissverständlich erforscht wurde, kann sich niemand mehr dem gemeinsamen, ostafrikanischen Ursprung der gesamten Menschheit verschliessen, auch wenn diese Gemeinsamkeit 2 Millionen Jahre zurückliegt.

300 Wörter

 

15 Gedanken zu “Verschaukelt – meine ABC-Etüde für die Textwochen 26.27.20 | Wortspende von stepnwolf

  1. Oh ja, an den „meltingpot“ kann ich mich auch erinnern. Muss ziemlich oft vorgekommen sein, damit ich mir das Wort gemerkt habe 🙂 Ein sehr wahrer Text. Die USA sind ja ein Paradebeispiel für das Auseinanderklaffen von Mythos und Realität. Das Einbauen des Reagenzglases finde ich sehr gut geglückt !

    Gefällt 3 Personen

  2. Und nicht zu vergessen: Man KANN es ignorieren, schau dir die Kreationisten an, die glauben, dass Gott (und nur er) die Welt geschaffen hat, die Bibel wörtlich zu nehmen und alles andere Teufelswerk ist. Wäre nur eine Verschwörungstheorie mehr, wenn die Schulen (und die Unis!) es nicht lehren müssten, entsprechende Bücher in den Bibliotheken fehlen etc.
    Ich erinnere mich nicht an den „meltingpot“, sondern daran, in der 8. Klasse (oder so) ein paar Sätze aus der Declaration of Independance auswendig gelernt haben zu müssen, als wir die USA durchnahmen, bei einer Lehrerin, die ein bekennender USA-Fan war … Tja. Heute so nicht mehr vorzustellen.
    Liebe Grüße
    Christiane, nickend und nachdenklich

    Gefällt 2 Personen

    • Religiös einzementierte Ansichten sind absolut erschrecken, weil sie zur Rechtfertigung so vieler Mißstände herangezogen werden, manipulativ und missbräuchlich, wie sich der derzeit gewählte Präsident der Vereinigten Staaten ja auch des Symbols Kirche bedient hat, um sich ausgerechnet gegen eine für ihre christliche Hinwendung bekannte Bevölkerungsgruppe zu wenden. Das ist zynisch und pervers.

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  3. Alle sind gleich – nur manche gleicher – das hört nie auf und der Rassismus untereinander auch nicht, nur sind die dunkelhäutigen Menschen immer am Ende der Kette – überall.
    Ich kenne das noch von einem Versender, den es heute nicht mehr gibt: zuerst kamen die Italiener, dann die Spanier, dann die Türken und am Schluß der Kette waren es bis zum Aus die Schwarzafrikaner, die an den Bändern standen. Jede Gruppe davor rückte in der Hierarchie nach oben und schaute auf die anderen herab.
    Aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass die Schwarzen auch untereinander sich nicht immer einig sind und auch in den USA zwischen den Gebildeten und der Masse eine große Kluft herrscht.
    Und was den Osten anbelangt: immer noch ist er der größte Buhmann, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Putin jemals auf den roten Knopf drücken würde, um Europa mit einer Atombombe anzugreifen – dem Herrscher des Meltinpots traue ich das jederzeit zu.
    Die Orte der Menschheitswiege – von Gott, allen guten Geistern, der Politik im Stich gelassen – der Kontinent taugt nur zum Ausbeuten seien es Menschen , Bodenschätze, Tiere.
    Es liegt an uns, den Kindern, Enkeln die in Deiner Etüde aufgezeigten mißlichen Dinge zu vermitteln – die Schule leistet das auch heute noch nicht.
    Danke für Deine Verarbeitung der Worte, Karin

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    • Schade. Meist lohnt es einer genaueren Betrachtung, denn wie ich es in meiner Etüde schrieb, herrscht in der Hinsicht meist eher Hoffnung der Nichtbetroffenen aus der Ferne, als eine tatsächliche Gleichberechtigung. Nicht einmal in Europa funktioniert dies.

      Gefällt 1 Person

      • Ich denke an bestimmte Stadtstaaten. In den Mauern einer Stadt kann sich schon mal für eine geraume Zeit ein gutes Miteinander verschiedener Kulturen entwickelt haben, gerade wenn die Stadt prosperiert.

        Es zeigt sich, daß man für bestimmte Dinge Lesezeichen anlegen sollte.

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