Ein längst fälliger Brief zum „7 aus 12“- Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 | Irgendwas ist immer

Christianes Einladung zum > „7 aus 12“- Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 | Irgendwas ist immer liegt inzwischen drei Wochen zurück:

Christianes Bild zum „7 aus 12“- Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 | Irgendwas ist immer

Christianes Bild zum „7 aus 12“- Etüdensommerpausenintermezzo II-2020

Für diese Aufgabe standen 12 ausgeloste Begriffe zur Auswahl, nämlich:
Blaupause, Diätwahn, Herzschmerz, Kantine, Kommentar, Ohrenkneifer, Sahnewölkchen, Stoppelfeld, Strandkorb, Vulkan, Windjammer, Zwischentöne
Von den gegebenen Wörtern waren mindestens 7 zu verwenden. Dafür durfte diesmal in beliebiger Länge geschrieben werden, als Sonderlocken unter Berücksichtigung der Corona-Umstände und mit einem real existierenden, wiedererkennbaren Ort, den Lesern nachvollziehen könnten.

Weil ich eine Liebhaberin von Nebenstrecken und Ortschaften bin, die urbaner gesonnene Menschen als „Kaff“ bezeichnen, sitzt meine Protagonistin zwar unter Palmen, aber die stehen neben einem der hellgelben Plastiksofas auf der „Mole West“ am Neusiedler See, zu finden in Neusiedl am See, der Kleinstadt im österreichischen Burgenland.

Gegenstand meiner 34. Geschichte ist:

Ein längst fälliger Brief

Liebe Vera,

ich habe es nun lange genug mit mir herumgetragen, was ich dir schon längst hätte sagen wollen, aber nicht über die Lippen bringe, weil wir uns schon so lange kennen, miteinander den einen oder anderen Herzschmerz genauso geteilt haben, wie die Nachtische in der Kantine , wenn wir beide mal wieder wegen der etwas aus der Form geratenen Bikinifigur im Diätwahn waren, aber doch so einen Japp hatten auf Süsses.

Wir haben uns gegenseitig Kleider ausgeliehen, oder auch mal gleich einen ganzen Koffer voll Reisegarderobe. Kam ein Stück nicht genauso zurück, wie es mitgenommen wurde, waren das nicht weiter schlimm. Wegen der Ohrenkneifer in meinem Schlafsack, den du dir für deine Reise an die Ostsee geliehen hattest, bin ich dir auch nicht böse.
So ist das eben, wenn jemand umständehalber Campingurlaub macht, mit abstandhaltendem Sitzen im weissen Strandkorb und naturnahen Spaziergängen durch die blassen Stoppelfelder auf Fehmarn, wo man sich als einzige Gesellschaft auf einen lieben Reisebegleiter beschränkt.

Als du schon im vorigen Jahr, gleich nach der Weihnachtsfeier, deinen Sommerurlaub für 2020 beim Chef eingereicht hast, überlegte ich noch, wann und wohin Thomas und ich fahren wollten, und ob überhaupt, wegen der Weihnachtsfeier, du weisst ja, was vorgefallen ist.
Dann war es auch schon März und coronabedingt sehr fraglich, wann und wie Urlaub möglich würde. Trotzdem reservierte ich diese beiden Wochen im Juli, gleich nach deinem Urlaub, so wie immer: ich vertrete dich, du vertrittst mich.

Der Lockdown und die schlechte Laune von Thomas, der sich viel mehr eingesperrt fühlte als ich, liessen sich nur mit Schokolade überstehen. Warum hamsterten eigentlich alle Klopapier und niemand Schokolade? Es wäre wohl besser für meine Figur und mich gewesen, wären diese Regale ebenfalls leer gewesen.
So aber orderte ich ein paar extraweite Leinenkleidchen aus dem angeblich auch wieder gesundenden China, sobald es hiess, man dürfe wieder reisen, und schrieb an eine gute alte Bekannte mit einer Pension am Neusiedler See, ob sie noch ein Zimmer für zwei Personen frei hätte. Auto zu fahren statt in Urlaub zu fliegen fand ich sicherer, zu zweit konnte man sich ja auf der langen Strecke am Steuer ablösen.

Die Schlafsack und Reisetasche, die du dir ausgeliehen hattest, brachte mir Thomas von deinem Wohnmobiltrip zur Ostsee immerhin rechtzeitig zurück.
Und ich hatte gedacht er sei auf Dienstreise gewesen, um wichtige Dinge zu erledigen, die liegen geblieben waren, während des strengen Lockdowns in Spanien.

Nach zwei Tagen auf Autobahnen zwischen Magdeburg, Prag , Bratislava und Niederösterreich sitze ich nun unter Palmen auf einem hellgelben Plastiksofa der „Mole West“, der modern verglasten Strandbar am Neusiedler See mit dem holzbeplankten Aussenbereich und blicke über den von der Hitze stinkenden See, auf dem so gut wie keines der Segelboote so recht vom Fleck kommt.

Die Szenerie passt super zu meiner Stimmung. Während die Sahnewölkchen langsam in den Kaffee mit Amaretto sinken, brodelt in mir der Groll wie ein Vulkan: Vera, das kannst du dir sicher denken, so gut wie du mich kennst.

In der Kantine hörte ich einmal im Vorübergehen an einem Kollegentisch einen Kommentar über uns; die lachten über unsere Klamottentauschereien und scherzten, wie weit das wohl gehen würde. Damals hörte ich die Zwischentöne nicht, dachte nur, sie meinten, dass wir uns immer ähnlicher würden, als stammten wir von derselben Blaupause, und fand das nicht schlimm, sondern nur lustig.

Inzwischen weiss ich, was sie wirklich meinten.
Liebe Vera, du bekommst ihn geschenkt. Ich will ihn nicht zurückhaben. Das kleine Weissgoldarmband mit der herzchengeschmückten „T & V-Gravur“, das du versehentlich im Seitenfach der Reisetasche vergessen hast, behalte ich als Andenken an unsere Gemeinsamkeiten.

Du kannst dir denken, dass damit die Zeit unserer Freundschaft endet und der Vergangenheit angehört.
Alles Gute für dich und Thomas, du kennst ihn ja nun genauso gut wie ich, also mach’s gut!

Verena.

Zum Foto: Im österreichischen Burgenland in der kleinen, aber immerhin Bezirkshauptstadt Neusiedl am See kann man über den Neusiedler See seh’n. Das Restaurant ‚Mole West‘ wurde am Seegelände vor bald 20 Jahren eigens dafür gebaut. Der im Brief erwähnte Kaffee mit Amaretto steht tatsächlich auf der Getränkekarte, die Plastiksofas und Palmen im Aussenbereich. Das Bild ist kein Sommerfoto, sondern eines aus dem Herbst 2018. Der Beitrag dazu findet sich ebenfalls in diesem Blog > Vom Neusiedler Ufer aus über den See seh’n | 2018/10/20, wie etliche weitere, die man unter dem Stichwort „Neusiedl am See“ finden kann – schliesslich habe ich dort jahrelang gelebt.

 

5 Gedanken zu “Ein längst fälliger Brief zum „7 aus 12“- Etüdensommerpausenintermezzo II-2020 | Irgendwas ist immer

  1. Chapeau! Das reicht doch durchaus als „wiedererkennbarer Ort“ im Sinne der Vorgabe. Und es muss ja nicht dein Wohnort (= Kaff) sein, den du beschreibst, auch wenn mich das bei Großstädtern zum Beispiel freut.
    Deine Geschichte hat es in sich. Gefällt mir sehr gut, so besch…eiden die Situation für deine Protagonistin auch ist.
    Vielen Dank! 🙂
    Liebe Grüße
    Christiane 😀

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