Es würde Rotkohlflecken geben – zur Schreibeinladung für die Textwochen 37.38.20

ABC-Etüde Nr. 3 zu Christianes > Schreibeinladung für die Textwochen 37.38.20 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer: Idee + engelhaft + vergraben sind unterzubringen in einem Text von maximal 300 Wörtern, wenn man Erklärungen und Überschrift nicht mitzählt.

Schreibeinladung für die Textwochen 37.38.20 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer

Es würde Rotkohlflecken geben

Charlotte und Waldemar, Ehepaar jenseits der Silberhochzeit, sassen zu Tisch, bei Roastbeef, Rotkohl mit Kartoffelknödeln, Bratensaft und Cumberlandsauce extra: seit Jahrzehnten Waldemars Leibgericht an seinem Geburtstag, wie seine Mutter es zubereitete.

Die „Kinder“ zogen nach deren Verwitwen nach unten, doch wurde der Haushalt nun von der Einliegerwohnung aus dirigiert. Für Charlotte war dies zähneknirschend erträglich, war sie doch auch beruflich ganztags ausser Haus.

Die Schwiegermutter verunglückte tödlich auf der Kellertreppe, kurz vor Waldemars Ruhestand. Charlotte hatte noch eine Handvoll Berufsjahre vor sich, so übernahm Waldemar im Verein mit der idealisierten Gegenwart der Verstorbenen unerbittlich den Haushalt, als gälte es, deren Platz zu bewahren. Selbst Charlottes Bemühungen um sein Lieblingsessen zu kritisieren kam einem Ritual gleich.

Auch diesmal fixierte er über Teller und Tisch hinweg seine nervös wirkende Frau. „Zuviel Gewürznelke verwendet, zuwenig Rotwein … hast du den Apfel vergessen?“ Analysierend mümmelte er weiter, stockte und schob angewidert ein Bruchteil Lorbeerblatt von der Zunge in die Leinenserviette.

Es würde Rotkohlflecken geben, dachte sie, auf den nächsten Vorwurf gefasst.

„Warum verwendest du kein Säckchen? Auch hätte eine Idee mehr schwarzer Pfeffer nicht geschadet, bei weniger Salz, Charlotte.“ Er teilte den Kartoffelknödel, wunschgemäss von oben in einen kleinen Teich von Bratensaft gelegt, da Waldemar verabscheute, auf dem Teller eines unter einem anderen vergraben zu sehen.

Mit der Gabel tauchte er ein Stück davon mit etwas Roastbeef in die rote Cumberlandsauce und schob es in den Mund. Das rythmische Geräusch seiner testenden Zunge erinnerte an eine trinkende Ente. „Da ist ein bitterer Beigeschmack… “ bemängelte er.

„Das tut mir leid, Waldemar, “ antwortete die Gescholtene mit engelhaftem Gesichtsausdruck. „Ich habe etwas Neues ausprobiert, aber werde es bestimmt nicht wieder tun,“ versprach sie und verfolgte dabei aufmerksam, wie er erblassend die Gabel sinken liess und mit dem Gesicht langsam vornüber in den Teller sank.

(300 Wörter)

 

26 Gedanken zu “Es würde Rotkohlflecken geben – zur Schreibeinladung für die Textwochen 37.38.20

  1. Die Etüden fordern einen weiteren Ehepartner. Man sollte eine Statistik darüber führen, wer häufiger stirbt: Männer oder Frauen? 😉 Ich finde die Umsetzung mit dem Essen auf jeden Fall toll. Ich glaube, Waldemar hätte einfach selbst kochen lernen sollen.

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    • Bei mir ist in der vorigen Etüdensaison eine Braut vom Balkon gestürzt, und jetzt hat es Waldi erwischt, insofern bevorzuge ich kein Geschlecht speziell.
      Die nebensächliche Kellertreppensache ist der Interpretation freigestellt, könnte aber bei besonders schwarzem Humor die Quote auf 2 w : 1 m erhöhen.
      Das Fazit bringt es auf den Punkt, mit etwas mehr Unabhängigkeit wäre hier keinem etwas passiert.
      Danke, Katharina!

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  2. Und der erste Mord in der neuen Etüden Runde! 😁
    Ich komm mir ja jetzt ein bisschen komisch vor, aber: sehr lobenswert! Meine Güte, dass/wie sich manche Menschen im Laufe der Jahre doch zu penetranten Widerlingen entwickeln. Da kann man Charlotte wirklich verstehen … 🤔😉
    Erheiterte Grüße
    Christiane 😁☕🥧👍

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    • Es musste ja so kommen, das Wörtchen „engelhaft“ ist die pure Provokation beim Etüdenausbrüten.
      Es heisst ja, mit dem Altern würden die Konturen eines Charakters milder, schroffer oder gar deformiert – schlimmstenfalls zur Karrikatur. Charlotte fand sie eben nicht witzig 🙂
      Danke, Christiane!

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  3. Ich bin auf Charlottes Seite und hätte die Flecken auf der Tischdecke auch in Kauf genommen.Ihr steht nur noch die Prüfung durch die Kriminalpolizei bevor🤔, ob sie daran gedacht hat?

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    • Danke, Karin! Wären nur nicht die 300 Worte aufgebraucht gewesen, dann hätte sie noch aufräumen können. In meiner Vorstellung hatte sie in der Küche schon weitgehend Ornudng geschafft. Roastbeef lässt einem ja viel Zeit. Ich bin aber andererseits froh, dass ich über den Schlussstrich hinaus nicht auch noch pathologische Analyseprobleme berücksichtigen musste.

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      • ich spreche nur aus Erfahrung: als mein Mann binnen Sekunden am Esstisch beim Müsliessen verstarb, kam nicht nur der Notarzt, die Kriminalpolizei und deren Arzt zur Ausstellung des Totenscheines; es ist ein notwendiges,aber schwer zu ertragendes Procedere in einer solchen Situation. Ich habe damals wie ein Roboter reagiert,keinerlei Emotionen gezeigt, nur funktioniert.

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          • Mein Humor ist eine der Gaben, die mir die Feen mit in die Wiege gelegt haben und dafür bin ich ihnen auch sehr dankbar. Humor hilft über so Vieles hinweg, nur damals natürlich nicht.
            Wenn der Notarzt einen ungeklärten Tod und das war hier der Fall diagnostiziert, muss er die Kriminalpolizei einschalten, sonst macht er sich strafbar. Ich hatte noch Glück, dass die Polizei auf eine Obduktion verzichtet hat, nachdem ich von seiner Rückreise aus Berlin am Vortag erzählt habe. Es ist nur ein verdammt blödes Gefühl neben dem Tod auch noch mit einem Mißtrauen fertig werden zu müssen. Reste des Müsli aus seinem Mund wurden sogar noch kriminaltechnisch untersucht.
            Inzwischen habe ich alles verarbeitet, mir hat auch sehr das Buch von der Didion „Das Jahr des magischen Denkens“ damals geholfen.

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            • So ähnlich habe ich es mir vorgestellt. Magisches Denken ist allerdings eine Sache, über die man im Zusammmenhang mit dem Menschlichen immer wieder stolpert und staunt. Das Buch kenne ich bisher aber noch nicht, und danke für die Anregung, mich darüber zu informieren.

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  4. Die Etüde finde ich in ihrer beschreibenden Genauigkeit und dem schnellen makabren Ende ausgezeichnet, aber Sympatie für die Mörderin empfinde ich nicht. Wer sich ein Leben lang mit solchen Umständen einrichtet, hat für mich das Recht auf Sympathie verwirkt. Will sie das Haus der Schwiegermutter erben? Da wird wohl vorerst nix draus, denn erstmal wird sie wohl woanders untergebracht.

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  5. Also, ich kann Charlotte auch verstehen, auch wenn sie natürlich eine andere Lösung hätte vorziehen können… Gut geschrieben und schon an den Reaktionen lässt sich doch gut ablesen, dass diese Geschichte wirklich Emotionen erzeugt. Gefällt mir richtig gut.
    Obwohl ich ja anfänglich – ich habe heute noch nicht wirklich gut gegessen, Appetit auf das Gericht bekam – was dann allerdings, im Laufe der Geschichte, verloren ging …

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  6. Auch wenn es makaber klingt: ich finde den Schluss so sympathisch, wo er mit dem Gesicht auf den Teller ins Rotkohl und die Sauce kippt. Das kann man sich so schön bildhaft vorstellen und es als „gerechte“ Strafe empfinden.

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  7. Eine Notiz zum aktuellen ABC-Etüden-Geschehen:

    Ich bin nicht dafür, dass irgendwo über fremde Blogs verstreut geschriebene Kommentare als ABC-Etüden anerkannt werden, nur weil die Aufgabenworte darin vorkommen.
    Das Etüdenvölkchen bemüht sich tagelang, Texte für den eigenen Blog zu gestalten, diese mit den Aufgaben, Regeln und selbstgewählten Bildern zu versehen und bei sich zu posten.
    Jeder übernimmt die Verantwortung für sich selbst und das entspricht den Anforderungen der Datenschutzverordnung. Gemäss der ist jeder Bloginhaber für alle bei ihm veröffentlichten Inhalte verantwortlich, auch für die Kommentare. Die gültige Adresse einer ABC-Etüde sollte meiner Ansicht nach die eines eigenen Webspaces sein. Bei mir im Blog lasse ich dergleichen nicht zu.

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