Unter der Haube – Schreibeinladung Textwochen 45.46.20 | Wortspende von Kain Schreiber

Hier ist meine erste ABC-Etüde zur neuen Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.20 | Wortspende von Kain Schreiber | Irgendwas ist immer, ausgehend von der Etüdenbändigerin Christiane.
Die Wörter stiftete Kain Schreiber / Blog ‚Gedankenflut‘: Nachtlicht, lieblich, teilen, 3 Begriffe für maximal 300 Wörter, Inhaltshinweise und Überschrift nicht mitgezählt.
Es ist eine kleine Geschichte, wie sie sich vor rund zweihundert Jahren auf einem Dorf der Gegend zugetragen haben könnte, die man heute Hannoversches Wendland nennt, und in der ich lebe. Sie nimmt Bezug auf damalige Sitten und Kleidungsvorschriften sowie Eigenheiten des niederdeutschen Hallenhauses, wie das kleine Fensterchen, das man auch heute noch in vielen der alten Fachwerk-Bauernhäuser findet. Bei Interesse finden sich ganz unten Links mit Erklärungen zu den drei von mir im Text verteilten Asterisken, bei denen kaum Wünsche offenbleiben.

 

Unter der Haube

2020-11-04 Hann.Wendland weibl. Tieftrauer-Tracht (Originalbild v. Grappenkopp CC BY 3.0 )Am Ende war alles, wie es sein sollte, vom Heben der Türschwelle bis über den Bach, in die Kirche, zur Bestattung und nachher der Leichenschmaus.* Die Gesellschaft hatte gutgetan. Erst als die letzten Trauergäste fort waren, fiel alle Haltung von Gesche ab. Sie eilte in die Schlafkammer, zog die schwarzweisse Trauerhaube** vom eng darunter hochgesteckten Haar und entkleidete sich. Die Arbeit wartete trotzdem auf dem Hof, Menschen und Tiere mussten versorgt werden.

Sorgfältig legte sie das seidene Schleifengebilde in die Spanschachtel, bis zum nächsten Sonntag. Das schwarze Wollkleid musste nur ausgeschüttelt werden und konnte zusammen- und in die Truhe gelegt werden. Die feine weisse Leinenschürze musste sie bald waschen, denn zum nächsten Kirchgang war das Arbeitsgewand wieder mit dem steifen Kleid der Tieftrauer zu tauschen.

Eigentlich war sie nach Vaters Tod nach beinahe zwei Jahren in der sogenannten Austrauer angekommen, in der endlich nach und nach wieder Farben mit dem Schwarz der Leidenszeit vermischt werden durften, wie es Brauch war. Aber nun war auch die Mutter verstorben und stürzte sie nicht nur wegen ihrer Verlassenheit in Verzweiflung, sondern auch, weil ihr Leben als junge und glücklich verheiratete Frau von Neuem für weitere zwei Jahre unter einer dumpfen Masse dunkler Vorschriften erstarrte.

Dabei sehnte sie sich sehr nach den lieblichen Farben der von Trauerregeln uneingeschränkten Zeiten. Sie hatte das Tanzen so gern und nachdem dieser kriegswütige Napoleon endlich keine Bedrohung mehr bedeutete, hätte man endlich wieder unbeschwert sein können!

Sicher, ihr Mann war gut und verständnisvoll, und wenn sie das Bett teilten, hatte sie es besser als andere, mit denen sie gelegentlich getuschelte Geheimnisse austauschte.
Aber wenn sie nach den letzten Handgriffen die schwach funzelnde Öllampe als Nachtlicht in das zweiseitige Tranfenster*** zwischen Küche und Diele stellte, bevor sie in die Schlafkammer und zu Bett ging, wäre sie manchmal doch gern allein.

 

300 Wörter

 

Legende für Wissbegierige:

* > Undine Stiwich: Beerdigungsbräuche im Wendland um 1850

** Einzelheiten über die Wendländische Tracht und ihre Differenzierungen in Freuden- und Leidenszeiten finden sich im Artikel > Wendländische Tracht | Wikipedia

*** Das sogenannte Tranfenster des niederdeutschen Hallenhauses findet man erklärt von > Joachim Wergin in „Bauernhäuser im Rundling“ auf Seite 7/32 pdf

27 Gedanken zu “Unter der Haube – Schreibeinladung Textwochen 45.46.20 | Wortspende von Kain Schreiber

  1. Wieso wäre sie gerne allein?
    Weniger Regeln wären gut, so ist die Spanne des Handelns sehr eingeschränkt. All die Griffe und Handhabungen gut und richtig auszuführen, sind ja kein Ersatz für ein freieres Leben. Sonst heisst es zum Schluß: Sie arbeitete viel und war eine strenge Mutter und gute Ehefrau.

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    • Wieso sie gerne mal allein wäre? Weil sie es nie lang genug ist. Nicht am Tag, nicht in der Nacht.
      Damals war Individualität nicht vorgesehen, bei Frauen gab es noch weniger Gelegenheiten als bei Männern, für sich zu sein, sondern in der Pflicht vom Morgen bis zum Schlafengehen. In der Landwirtschaft gibt es auch heute noch eine Generation älterer bis alter Frauen, die noch in diesem Geist aufgewachsen sind.

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      • Ja sicher.
        Ich weiß das.
        Meine Grossmutter mütterlicherseits hatte wohl nur 2 Freiheiten: Frühs zur Kirche um 5:30 und abends zur Kirche, bei Wind und Wetter.
        Ihr Mann, ein Bauunternehmer hatte zumindest Freitagabend ein fröhliches und beschwingendes Treffen im Wirtshaus.

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  2. Eine echte historische Etüde. Fühlt sich nach jeder Menge Recherche an. Manchmal bin ich froh, nicht mehr in jenen Zeiten zu leben, als die Selbstverständlichkeiten noch ganz andere waren.
    Und recht hast du mit der Pflicht, die über allem steht, meine Mutter war auch noch so erzogen. 🤔
    Sehr gerne gelesen, vielen Dank! 😁🐈👍

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    • Danke, Christiane. Ich habe darüber tatsächlich früher schon einige Zeit verbracht, und das kleine Nachtlicht-Fenster fiel mir sogar gleich beim Lesen der neuen Wortspende ein, es fehlte nur noch ein Drumherum.

      Meine Mutter hatte das auch noch so „intus“. Tagsüber gab es nichts, was sie nur für sich allein gemacht hätte. Auch abends auf dem Sofa stand der grosse Nähkasten als „ihr“ Möbel neben der Lehne und es wurde kleinere Familienkleidung ausgebessert oder Sinnvolles gestrickt.
      Dass sie sich von Beginn des Abends an ein Buch zu lesen gönnte, kam erst, als wir Kinder aus dem Haus waren.

      Manchen ist es nicht bewusst, dass einiges in moderner Form weiterbesteht, und sei es nur das moralische Diktat des gemeinsamen Schlafzimmers.

      Männer haben Arbeitszimmer, Hobbyraum oder Bastelkeller, sogar Kinder ihr eigenes Zimmer, wo sie die Tür schliessen können, aber Frauen verfügen nur in den seltensten Fällen über einen Raum mit Tür und gar Bett für unverschnarchte Nächte bei selbstgewählten Temperaturen u.s.w.

      Auch heute noch sind meist die Frauen einer Familie die einzigen, die in einer Wohnung und selbst einem eigenen Haus keinen Platz haben, den keine weitere Person mitbeansprucht und erst recht keinen, für den sie sich nicht vor anderen dazu genötigt werden, diesen durch das Verleihen von Nützlichkeit eine moralische Rechtfertigung verleihen zu müssen.

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        • Wissen ist zuviel gesagt, was die Jüngeren angeht, ich bin ja selbst „Babyboomerin“ und gehöre somit auch eher schon zu den Älteren.

          Es ist eine Frage der leistbaren Wohnverhältnisse, wieviel persönlicher Raum möglich ist. Insofern ist es schwierig, gerade in Städten mit Wohnungsmangel Bedürfnissen aller Mitglieder eine Familie nachkommen zu können.

          Ich denke, entscheidend ist ein bewusster Respekt vor jedem Mitbewohner und seinen Dingen, das bekommt man als Kind beigebracht oder falsch vorgemacht.

          Meine erwachsenen Söhne leben zwar schon allein, aber sind noch zu jung, um im Zusammenleben mit einer Partnerin den Nachweis zu erbringen, dass sie es verstanden haben, ich bin aus dem Familienleben heraus aber zuversichtlich.

          Ein gutes Beispiel fürs moderne Familienleben mit dennoch vorhandenen alten Webfehlern hat Etüdelingin „Alicemakeachoice“ in den vergangenen Monaten wortgewandt beschrieben, Fluchtraumwünsche inklusive.

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  3. Eine spannende Reise in die Vergangenheit. Es ist so schwer, sich vorzustellen, wie die Menschen in der Zeit gedacht habe. Deine Version klingt sehr glaubhaft, macht aber neugierig noch weiteres über ihr Leben zu erfahren.

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  4. Toll beschrieben! Ich habe gleich so ein altes Häuschen vor mir gesehen, wie man sie aus Museumsdörfern kennt. Aus irgendwelchen, mir selbst nicht ganz verständlichen, Gründen haben diese Häuschen für mich immer auch etwas heimelig gemütlich Wirkendes. Und das, obwohl ich diese ganzen Regeln, denen insbesondere Frauen damals unterworfen waren, ganz furchtbar gefunden hätte. … .

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    • Vielen Dank, Maren!
      Das geht mir genauso. Schon als Kind habe ich in diesen alten, nach Holzfeuern duftenden Bauernhäusern in Freilichmuseen eine starke Anziehungskraft empfunden, obwohl weder die Frauen- und noch weniger die Kinderwelt des einfachen Volks damals das unbeschwerte natürliche Vergnügen war. Das Dasein der Männer konnte zwar hierarchisch bedingt für sie günstiger sein, aber es waren ja auf jeden Hof immer mehr Männer und Frauen nur in untergeordneter Rolle als Gesinde tätig.

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  5. Ich habe das auch schon als Kind sehr gemocht. Ausflüge ins Freilichtmuseum. Das war für mich wie eine Art Puppenstube in groß. Über die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen dort habe ich mir vermutlich weniger (oder sehr romantisierte) Gedanken gemacht. 🙂

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    • Irgendwann später im Erwachsenenleben ist mir das auch aufgefallen, dass man über das Leben einfacher Menschen unserer eigenen historischen Vergangenheit meist nur sehr oberflächlich und, wie du auch schreibst, geradezu romantisierend unterrichtet wird, ganz so, als wären alle Besucher / Schulkinder etc. Abkömmlinge von Familien so privilegierterer Herkunft, dass die es gar nicht genauer wissen wollen.

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  6. Sehr spannend die Überlegungen darüber wie wenig eigenen Raum Frauen hatten und oft immer noch haben. Alltagsgeschichte ist für mich ein sehr wichtiger und interessanter Teil der Geschichte, abseits von Königen und Schlachten …

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      • Es gibt ja auch an den Universitäten Historiker, die sich mit Alltagsgeschichte beschäftigen, was ich überaus interessant finde. Das wären zB Vorlesungen, die ich mir gerne anhören würde, nur online mag ich nicht …

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        • Ich bin mehr Leser als Hörer, deshalb bevorzuge ich das geschriebene Wort:
          Ein Buchtipp zum Landleben wäre das sehr gut lesbare „Landleben im 19. Jahrhundert“ von Ingeborg Weber-Kellermann, Verlag C.H. Beck.
          Für den Alltag von Stadt und Landleben gleichermassen sind auch die 3 Bände von Richard van Dülmen aus dem selben Verlag erwähnenswert, die unter dem Obertitel „Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit“ zu finden sind.

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    • Die Brecht’sche Geschichte fasst es in Deutlichkeit zusammen, Geschichte ist es aber immernoch nicht, und was mich daran erschreckt, ist die aktuell zu beobachtende Rückschrittlichkeit unter dem nur notdürftigen Deckmäntelchen des nur unzulänglich emanzipierten Doppelverdienertums, das als so kläglich dünn zutage tritt, sobald Frauen aus der Partnerschaft wieder heraustreten oder sonstwie allein leben.

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