Planet der Blumen – Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20 | Wortspende von Café Weltenall

Christiane hat zu einer neuen, für dieses Jahr leider schon letzten Etüdenrunde eingeladen: Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20 | Wortspende von Café Weltenall | Irgendwas ist immer
Die Wörter stiftete Ulli vom Blog Café Weltenall mit Quelle + griesgrämig + stöbern, 3 Begriffe die in maximal 300 Wörtern verwendet werden sollen. Weil mir zu „griesgrämig“ etwas Märchenhaftes aus früheren Schreibezeiten eingefallen ist, habe ich die zu lange Geschichte geschrumpft, bis sie ins 300-Wörter-Format passte. Unten findet sich aber auch der Link zur umfangreicheren Fassung.

Planet-der-Blumen-Hütte

Planet der Blumen

In einem Häuschen oben auf der Drehachse eines kleinen Planeten voller Blumen lebte ein Mann.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen schob er den nächtlichen Wolkenvorhang beiseite, sammelte etwas Nektar, und während die Blüten im Sonnenlicht glitzerten, frühstückte er.

Eines Morgens wachte er griesgrämig auf, holte Nektar und begann zu essen.

Die Blumen erinnerten freundlich an die Wolke, doch der Mann schnauzte, ihm sei nicht danach.

Als sie erklärten, Licht sei die Quelle ihres Lebens, verlangte er pro Blume ein Blütenblatt Tribut, riss die schönsten Blättchen heraus, stopfte sie in einen Sack und schob erst dann den Wolkenvorhang beiseite.

Ihm gefiel, dass nun auch seine Umwelt unglücklich war.

Den mit Blütenblättern prallgefüllten Sack schaffte er auf den Dachboden und verlangte von da an jeden Tag mehr.

Die betrogenen und beraubten Blumen beschlossen, jede Nacht neue Blüten und mehr Knospen zu treiben, soweit ihre Kraft reichte, sie wuchsen breiter und höher.

Bald benötigte der Mann immer höhere Leitern, um den Nektar für sein Frühstück zu erreichen, doch gierig nach Macht und Beute schleppte, keuchte und arbeitete er schwer.

Der Dachboden des Häuschens war bald voll. Der Mann trug das Übrige in den Keller; mochten es dort verschimmeln.

Die Säcke türmten sich, quollen wieder herauf, ergriffen Besitz von seinen Zimmern, stapelten sich auf den Möbeln. Er schlief auf einem Turm aus Matratzen und Bettdecken, dicke Kopfkissen zwangen ihn zum Sitzen.

Säcke wuchsen Zimmerwände empor, verstopften Fenster und Türen.
Mühsam brachte er trotzdem weitere ins Haus schleppte und schichtete wie besessen, riss schliesslich sein Haus ab, errichtete stattdessen eines aus Säcken, magerte ab vor Anstrengung und Hunger.

Eines Morgens kroch der Mann aus seiner Blütenblättersackpyramide, stürzte sich auf die Blumen, mähte und zertrampelte bis zur Erschöpfung.
Hungrig stöberte er vergeblich nach Nahrung und kroch in seine Schlafhöhle zurück.

Rutschende Säcke begruben ihn unter sich.

Kurzfassung für ABC-Etüden TW 47/48/2020 mit 300 Wörtern, zur älteren und mit über 1000 Wörtern für die Etüden zu langen Fassung, die ich 2007 im Blog veröffentlicht habe bitte > hier klicken, oder auf das Bild!

28 Kommentare zu „Planet der Blumen – Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20 | Wortspende von Café Weltenall

  1. Boah! Auch die Light-Version hat es in sich! Und warum macht er das? Weil er’s kann! Unglaublich, solche Leute. Da habe ich dann auch wenig Mitleid, wenn er in seiner Zerstörungswut sich selbst gleich mit vernichtet …
    Ja, könnte man auf politische etc. Zustände ausdehnen, die Betrachtung. Lasse ich aber lieber. 😉
    Danke dir! 😀
    Sehr friedliche Abendgrüße … :.D

    Gefällt 3 Personen

      1. Blinder und egoistischer Machtmissbrauch passt in jedem Fall, ob durch eine narzistische Persönlichkeit, die zerstört, was anderen Freude macht, die Abhängige drangsaliert und ausbeutet, weil niemand sie daran hindern kann, oder ob es die gesamte „Krone der Schöpfung“ und ihren allzu raffgierigen und eitlen Umgang mit der Natur und ihren Schätzen beschreibt, der sich, weil ungehindert, fatal auswirkt.
        Die Geschichte ist in der Hinsicht anpassungsfähig. Die allererste Fassung schrieb ich als Schülerin 1977 mit winziger blauer Kugelschreiberhandschrift auf Karopapier, beeinflusst von der Französischschullektüre von Saint-Exupéry’s „Le Petit Prince“ und den Zeichnungen dazu.

        Gefällt 2 Personen

        1. bei uns im ‚Kurs in Wundern‘ heißt es – nur wenn uns die Liebe fehlt, sind wir zu solchen Taten fähig…. (frei übersetzt) Niemand der in der Liebe ist kann anderen schaden…. wenn wir lieben sind wir gönnerisch und verbreiten auch Liebe. Nur der Mangel an Liebe lässt uns solche Schrecklichkeiten und Zerstörung anderen antun.
          Saint Exupéry ist einer meiner liebsten Schriftsteller!

          Gefällt 3 Personen

    1. Was es war, erfährt man bei Willkür selten. Für „aus heiterem Himmel kommendes“ destruktives Verhalten gibt es sicherlich Gründe, nur erfahren diejenigen, die darunter leiden müssen, am Seltensten davon. Aber sie rätseln, genau wie du, in der Hoffnung etwa, es vorhersehen oder abwenden zu können.
      Die Geschichte muss nicht welt- oder umweltpolitisch verstanden werden. Willkür innerhalb der Familie passt genauso. Was war es…

      Gefällt 1 Person

  2. Puh ja, so kann es gehen, wenn man glaubt die Welt nach seinem Gusto umformen zu können.
    Nach dieser Etüde denke ich, dass Griesgraemigkeit ein schlechter Berater ist, wie manch anderes auch.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

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