Schreibeinladung für die Textwoche 05.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

Christiane lädt zu > Extraetüden, wenn ein Monat 5 Sonntage hat: 1 Woche Laufzeit, 500 Wörter Maximum, mit 5 von 6 Begriffen aus den Wortspenden des ablaufenden Monats. Die Wörter im Monat Januar spendeten Ludwig Zeidler und Ulrike ‚Blaupause7‘: Zetermordio, weichmütig, backen + Lautsprecher, orange (die Farbe), erschüttern. – Inhaltshinweise und die Überschrift zählen, wie immer bei den Etüden, NICHT zum Text.

2021-01-31 Extra-Etüden TW 05-2021 Schreibeinladung für die Textwoche 05.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

Charlotte und Waldemar III (Silberhochzeit)

Zuletzt sah man sie als Verlobte bei einem herbstlichen Sonntags-Ausflug > hier, bei dem Charlotte dem amüsierten Waldemar bei der Pilzsuppe von ihrem > Traum erzählte, in dem sie ihn nach über fünfundzwanzig Ehejahren umgebracht hätte, weil er so ein Nörgler geworden sei, nach dem überraschenden Treppen- und Todesfall seiner Mutter.
Waldemar liess sich davon nicht erschüttern, sondern lachte nur über ihre Ängste, die man eben hat, wenn Hochzeit und Zusammenziehen bevorstehen. Ausser der versalzenen Pilzsuppe geriet bis zur Silberhochzeit nichts zum Albtraum. Die inzwischen achtzigjährige Mutter hatte das Haus den jungen Leuten überlassen und sich mit der Lebensversicherung des zweiten verstorbenen Gatten ein Appartment in einer gepflegten Wohnanlage auf Mallorca gekauft. Jeden Tag schaute sie bei bester Gesundheit und einem Campari-Orange auf Eis dem schmucken Poolpfleger beim Herausfischen von Insekten zu und dachte gar nicht daran, Schwiegermutterallüren zu entwickeln.

Charlotte und Waldemar haben gerade anlässlich ihrer Silberhochzeit mit ihr per Videochat auf weiteres Glück angestossen; nun sitzen sie weichmütig gestimmt Hand in Hand am Kamin und erinnern einander, wie an jedem ihrer Hochzeitstage zuvor, an ihre erste Begegnung: 1978 im Kino, nur zufällig nebeneinandersitzend.
‘Clockwork Orange’ von Stanley Kubrick war kein Film zum Flirten, aber damals musste man den gesehen haben, weil „jeder“ ihn kannte und wenn nicht über den Inhalt, dann über das neue Dolby-Soundsystem sprach, das über die Lautsprecher ein ganz neues Klangerlebnis vermittelte.
Dieser Intensität und der bösartigen Handlung des Films verdankten sie, dass ihre Hände sich traffen, weil sie gleichzeitig nach derselben Armlehne des Kinosessels neben sich griffen. Entschuldigungen flüsternd kamen sie schnell überein, dass sie genug gesehen und gehört hatten. Die beiden verabschiedeten sich mitten im Film von ihren jeweiligen Bekannten, mit denen sie eigentlich gekommen waren, tappten hintereinander durch die dunklen Sitzreihe und durch den mit Notlicht beleuchteten Gang zur Saaltür und verliessen gemeinsam das Kino.

An der frischen Luft weinte Charlotte vor Erleichterung und schimpfte zwischendurch Zetermordio, weil sie so dumm war, sich von ihren Freunden zum Mitkommen überreden zu lassen, obwohl sie schon beim Fernsehen oft das Zimmer verliess, weil es ihr zu grausam wurde. Waldemar sah nicht ein, weshalb etwas unbedingt gelesen, angeschaut oder gekauft werden musste, wenn man als Student sowieso nur wenig Geld hatte und bekam auch dahingehend ihre volle Zustimmung. Beide hatten sich vom Soundtrack verlocken lassen, den Film zu sehen.
Ganz selbstverständlich begleitete Waldemar Charlotte zu ihrer WG-Wohnung, und weil die anderen noch im Kino waren, konnten sie in aller Ruhe zuerst Waffeln im alten Waffeleisen backen, Tee trinken, reden und dann zum ersten Mal miteinander schlafen.
Als sie Jahre später zusammenzogen und ihre LPs sortierten, lachten sie über die doppelten Exemplare. Vieles wanderte in den Keller, nur wenige Platten blieben im Schrank, der Clockwork-Orange-Soundtrack nur wegen ihrer ganz persönlichen Erinnerungen.

Nun steht Waldemar auf, zieht die LP aus der Hülle mit dem orangenen Schriftzug, legt sie auf und streckt Charlotte lächelnd die Hand entgegen: „Wollen wir mal wieder Waffeln backen?“
Sie nimmt an, steht auf und zieht ihn wortlos zum Schlafzimmer.

500 Wörter

12 Kommentare zu „Schreibeinladung für die Textwoche 05.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

  1. Ach, da komme ich aus dem breiten Lächeln ja gar nicht mehr raus … Ja, kann so gehen. Und die Kennenlern-Story ist sehr bezeichnend! 🙂
    (WP versichert mir, dass ich diesem Blog hier folge, aber im Reader bei mir war deine Etüde nicht. Ich weiß, dass du nichts dafür kannst, es ist nur zur Info.)
    Nachmittagskaffeegruß! 😀

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        1. Ja. Die Uhrzeit des gestern schon begonnenen Entwurfs hatte sich beim Veröffentlichen nicht von allein angepasst.
          Aslso habe ich ihn nochmal zurückgeholt und mit neuer Uhrzeit wieder rausgelassen. Das ist seit einigen Wochen bei WordPress eine Macke, dass man auch keine vorbereiteten Beiträge mehr einfach vorprogrammieren kann, damit die als aktuell erscheinen. Wenn das nun bei einfachen Entwürfen auch so losgeht … echt lästig.

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            1. Ja, an Werner erinnere ich mich auch. Vielleicht ist es nicht bei allen so, aber in meiner üblichen Runde doch ab und zu. Wenn man einen Beitrag fix und fertig vorbereitet, mit einem Datum und Uhrzeit versehen, wann er erscheinen soll, kommt es nun öfters vor, dass er nicht zum vorgesehen Datum erscheint, auch wenn alles richtig voreingestellt wurde, sondern am Tag, wo man ihn zuletzt bearbeitet hat.
              In diesem Fall war es womöglich noch blöder, denn trotz vielem Zwischenspeichern beim Bearbeiten stand das Datum trotz Veröffentlichen heute mittag immernoch auf dem 31. Jan. 08 :10, da hatte ich ihn erstmals angelegt.

              Gefällt 1 Person

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