Zuckerschnute – 1. ABC-Etüde zur Schreibeinladung Textwochen 25.26.21 | Wortspende v. Allerlei Gedanken

Zur letzten Etüden-Runde vor der Sommerpause (bis 4. Juli 2021) mit der > Schreibeinladung für die Textwochen 25.26.21 | Wortspende von Allerlei Gedanken stiftete Monika mit ihrem Blog ‚Allerlei Gedanken‘ die folgenden Worte: Praline + herzhaft + wandern.
Sie sind in maximal 300 Wörtern einzubauen; Inhaltshinweise, Vorbemerkungen sowie die Überschrift zählen nicht mit. Ich hatte diesmal Lust auf eine im englischen Regency, also im frühen 19. Jahrhundert angesiedelte Szene.

Pralinen

Zuckerschnute

Es gelang ihm nur mühsam, ein herzhaftes Gähnen zu unterdrücken, um seine frischgebackene Ehefrau nicht zu verärgern, deren reizvoll von der üppigen Spitzenrüsche des seidenen Négligés umschäumte Hand über dem Silbertablett mit eisgekühlten Pralinen hierhin und dorthin wanderte, um das verlockendste Stück auszuwählen.

„Lass dir nur Zeit, meine kleine Zuckerschnute,“ sagte er zärtlich.
Dabei wünschte er sich nichts als Schlaf, statt seiner Angetrauten dabei zuzusehen, wie sie an einem weich gefüllten, nach dem gerade so beliebten Veilchenlikör duftenden, von lila Zuckerguss überzogenen Fünfeck knabberte, das oben von einem kandierten Veilchen gekrönt wurde.

Auf dem Tischchen neben dem üppigen Himmelbett standen ausserdem ein silberner Sektkühler mit einer Flasche Champagner und eine Kristallschale mit Erdbeeren bereit, um dem neuvermählten Paar die Hochzeitsnacht zu versüssen.

Sie konnte es sich leisten, und er hatte Glück gehabt, dass ihr naschhaftes Naturell sich nicht nur auf Pralinen und Früchte, sondern auch auf jüngere Männer kaprizierte, unter denen er sich durch höchste Bemühungen und einen verarmten Adelstitel hervortat, so dass es ihm gelang, die reiche Witwe eines Textilfabrikanten zur Ehe zu überzeugen. Nach Ansicht seines Bankiers war dies allerhöchste Zeit, und seine Kreditwürdigkeit war gerettet.

Das seidene Band unter ihrem Kinn hielt mit neckisch-seitlicher Masche das Nachthäubchen auf dem Haar und kaschierte den weichen Ansatz des Doppelkinns. Die Fältchen um den Mund, die sich beim Knabbern an der Praline abzeichneten, waren unübersehbar, aber nicht so stark wie die um die Augen.
Er hatte auch nicht vor, so lange zu warten, bis dieser Fall einträte.

Trotz seiner Müdigkeit beobachtete er genau, welchen Süssigkeiten sie den Vorzug gab, nämlich denen mit weicher, möglichst alkoholgetränkter Füllung, am liebsten mit Veilchenaroma.
In einigen Monaten, so war sein Plan, würde er als trauernder Witwer seine alten Spielschulden und Probleme los sein und konnte einige schöne Jahre geniessen, bevor ihn neue wieder einholten.

(300 Wörter)

 

21 Gedanken zu “Zuckerschnute – 1. ABC-Etüde zur Schreibeinladung Textwochen 25.26.21 | Wortspende v. Allerlei Gedanken

  1. Veilchen!!! 🤢
    Aber das ist auch das Einzige, was ich daran auszusetzen finde, ich halte solche Vorkommnisse für sehr realistisch.
    Gibt oder gab es nicht ein Gift, das man mit Veilchen assoziiert? 🤔
    Mag dein Bild dazu, mir ist schon klar, dass meins keine Pralinen zeigt … 😉
    Frühabendgrüße 😁⛅☕🥨🧀👍

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    • Mir fällt gerade kein entsprechendes Gift ein, ich fand nur, der intensive Geschmack, erst recht in Kombination mit Alkohol, würde viele Gifte kaschieren können.
      Das picksüsse Bild habe ich noch in der Mediathek gehabt, dein Karomuster-Etüdenbild ist aber schon für eine weniger verlotterte Pralinen-Etüde bevorratet. 🙂

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    • Danke, Monika. Heute bietet die Gesellschaft etwas weniger Nährboden für solche fatalen Verbindungen, aber die rechtliche Lage der Frauen damals schränkte alleinstehende Frauen derart ein, dass sie wesentlich bereiter waren, irgendeine Ehe einzugehen und andererseits lagen die nicht anderweitig gebundenen Finanzen ab Eheschliessung sofort in den Händen des Ehemannes, so dass es mit Sicherheit ein zwielichtes Finanzierungsmodell war. Todesfälle bei Frauen wurden für ziemlich selbstverständlich gehalten, der Mann musste nur traurig genug tun.

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    • Eine überlegenswerte Bemerkung, aber in meiner Vorstellung hat er sich schon seiner Aufgabe, die Ehe zu besiegeln, pflichtgemäss entledigt, vielleicht sogar schon geschlafen – der männliche Schlaf und die weibliche Wachheit nach der körperlich Vereinigung sind ein Phänomen des letzlich doch Unvereinbaren, – und nun beobachtet er sie verstohlen blinzelnd, während sie Parlinen verzehrt: der Appetit danach, nicht wahr? und hängt seinen finsteren Absichten nach …

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    • Danke, Almuth! Irgendwo hat jeder seine dunklen Seiten, und wenn es hier einen kleinen gedanklichen Kostüm-Film auslöst, freue ich mich. Ein Happy End ist ja auch nicht ausgeschlossen, also, zumindest im Sinne des Über- und zweckmässigen Nebeneinanderlebens. Reitunfälle konnten damals schwierige Folgen haben …

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