Der runde Tisch – Biedermeierliches zur Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.21 | Wortspende von puzzleblume

2021-10-17-abc-etueden-tw-42.43.21-wortsp.-puzzleblume-biedermeierniedertraechtigfloeten-bildgestaltg.-christiane_irgendwasistimmer-1Christiane hat zu ihrer jüngsten > Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.21 diesmal eine von mir erdachte Wortspende zur Aufgabe gestellt.
Dementsprechend bin ich sehr gespannt, welche Etüden-Blüten die drei Wörter in den kommenden beiden Wochen treiben:

Biedermeier
niederträchtig
flöten.

Wie immer sind die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu verwenden, wobei Inhaltshinweise und Überschrift nicht zum Text zählen.

Der runde Tisch

Margit stieg nachdenklich die Treppen des Schwabinger Altbaus empor.
Seit ihrer Kindheit besuchte sie ihre Patentante Hortense dort, bekam Klavierunterricht oder spielte mit ihr Zankpatience am runden, schweifbeinigen Tisch im gardinendämmerigen Wohnzimmer.

Brauchte anfangs Margit noch ein zusätzliches Kissen auf dem Stuhl, scherzte vier Jahrzehnte später die Tante, sie würde langsam zu klein, um die Spielkarten zu überblicken.

Wehmütig hörte Margit durch die Wohnungstür den altmodischen Wasserkessel flöten, mit dem die Tante ihren Filterkaffee aufbrühte. In wenigen Tagen würde die alte Dame in eine seniorengerechtere Wohnung übersiedeln. Ein letztes Mal drückte sie den vertrauten Klingelknopf.

Nach der Begrüssung geleitete Tante Hortense sie ins Wohnzimmer, wo bereits das Klavier und einige weitere Möbelstücke fehlten.

„Was ist denn hier passiert?“ fragte Margit.

„Nur Vorbereitungen,“ antwortete die Patentante. „Wie du weisst, kann ich das Klavier nicht mitnehmen. Der Käufer hat bei der Abholung nach einigen der anderen Stücke gefragt und versprochen, dass sie in gute Hände kommen. Du hast doch auch zuwenig Platz.“

„Was hat er dir bezahlt?“ erkundigte sich Margit.

„Er war sehr entgegenkommend,“ sagte die alte Dame, „weil er wegen des Klaviers einen Spezialtransport organisiert hat, meinte er, könne er es sich nur leisten, mir noch einmal 1.000 € obendrauf zu zahlen.“

„Das ist niederträchtig wenig!“ rief Margit entsetzt aus.

„Nein, mein Kind, da irrst du dich.“ Die Tante lächelte. „Als der Käufer zur Besichtigung des Klaviers kam und ich ihm erzählte, dass unter meinen Wohnzimmermöbeln Erbstücke aus dem Besitz meiner Wiener Urgrosseltern seien, habe ich ihm seine Gier schon angemerkt. Er konnte wohl Stilmöbel des zwanzigsten Jahrhundert nicht von echtem Biedermeier unterscheiden. Und diesen lieben alten Tisch, den habe ich ja behalten.“

Zufrieden lächelnd streichelte Tante Hortense die schön intarsierte, schellackpolierte Tischplatte, hob die Porzellankanne und schenkte Kaffee in die Tassen. Dann schob sie einladend den Kuchenteller in Margits Richtung.

(300 Wörter)

15 Gedanken zu “Der runde Tisch – Biedermeierliches zur Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.21 | Wortspende von puzzleblume

  1. Ich mag deine Etüden oft besonders wegen der Details, die einen so gekonnt mitnehmen. Zankpatience! 😉 Flötende Wasserkessel! Hach.
    Irgendwie war ich mit dabei.
    Danke dir, habe ich sehr gerne gelesen. 😁
    Bewölkte Mittagskaffeegrüße 😁☁️🍂☕🍪👍

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    • Freut mich, dass diese Kleinigkeiten auch bei dir so wirken wie bei mir! Ich hätte gern noch einige Wörter mehr für die Gerüche übrig gehabt, an die ich auch dachte, aber die hast du vermutlich selbst hinzufügen können. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. Hallo Puzzleblume,
    mir gefällt die Vielschichtigkeit, die du da in den 300 Wörtern untergebracht hast. Zuerst war ich von dem Nichte-Patentante-Verhältnis gerührt, dann hab ich bewundert wie, nebensächlich die typische Häuslichkeit des Biedermeier eingebaut ist und am Ende konnte ich mich über ein Schelmenstück freuen. Trotzdem wirkte es an keiner Stelle überladen oder gekünstelt auf mich. Ein Lesevergnügen.
    Ach ja, und danke noch für die edle Spende der Wörter. Die waren ja von dir. Mir haben sie erst mal ziemlich Kopfzerbrechen bereitet, weil sie mich auf Anhieb nur in zu naheliegende Gefilde gelockt haben.
    Viele Grüße
    Stefan

    Gefällt 1 Person

    • Das ist ja ein Sahnestückchen von Kommentar, lieber Stefan, vielen Dank! 🙂
      Die Wortspenden müssen bei mir auch oft erst ein bisschen sacken, selbst meine eigenen. Das war meine zweite in den ziemlich genau zwei Jahren, die ich bei den „Etüdenverrückten“ mitschreibe. (Die erste war am 24.10.2019.)
      Es macht Spass, sie auszudenken, aber ich bin jedesmal genauso planlos wie alle, die sie bekommen. 😀
      Naheliegendes muss ja nicht das Schlechteste sein. Die Zubereitung macht’s.
      Eines meiner Lieblingszitate von Kart Valentin lautet: „Alles ist schon einmal gesagt worden, nur nicht von jedem.“
      Das hilft bei den Etüden, wo man sonst recht entmutigt werden könnte, wenn jemand mit einer Idee schneller war, als man selbst schreiben konnte.
      Liebe Grüsse!

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  3. Hallihallo, ein wunderbarer Besuch und ein herrliches Szenario, dass Du heraufbeschwörst. ich möchte auch mit meiner Hand drüberstreichen. die Oberfläche fühlen. Die listige Wendung erleichtert mich sehr. Dankeschön
    LG Doro

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