Schwestern – zur Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.21 | Wortspende von puzzleblume

2021-10-17 ABC-Etüden TW 42.43.21 Biedermeier+niederträchtig+flöten (Bild Christiane_Irgendwasistimmer) (2)Christiane hat vergangenen Sonntag zu ihrer jüngsten > Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.21 diesmal eine von mir / Puzzleblume erdachte Wortspende zur Aufgabe gestellt.
Dementsprechend bin ich sehr gespannt, welche Etüden-Blüten die drei Wörter in den kommenden beiden Wochen treiben:

Biedermeier + niederträchtig + flöten.

Wie immer sind die 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu verwenden, wobei Überschrift und Inhaltshinweise wie: „Die Personen sind frei erfunden“ nicht zum Text zählen.

Schwestern

Die Schwestern Hilde und Lydia schwiegen, während sie den Inhalt der Wohnzimmerschrankwand ausräumten und alles auf dem gekachelten Couchtisch und der breitcordbezogenen Sitzgarnitur abstellten.

So konnte keine etwas an der anderen vorbeischmuggeln.
Neidgefühle starben nicht einfach mit den Eltern, die sie durch ständiges Vergleichen zu mehr Folgsamkeit und Leistung angespornt hatten, sogar noch bis vor kurzem.

Sie hatten sich bereits wortlos vom guten Geschirr oben über die mittlere Region mit Barfach, Büchern, Alben und Ordnern zu den unteren Fächern vorgearbeitet.
Weil das Aufstehen und Niederknien so mühsam war, zog Hilde den Inhalt hervor und reichte ihn Lydia, die ihn abstellte, wo noch Platz war.

Als Hilde kopfschüttelnd ein verpacktes Weihnachtsgeschenk aus dem Schrank zog und an Lydia weitergab, brachen diese das Schweigen: „Mach du auf, du bist die Ältere.“

„Das war bestimmt für dich,“ widersprach Hilde, während sie die flachgedrückte Schleife und das vergilbte Klebeband vom bedruckten Geschenkpapier entfernte.
Ein Buch kam zum Vorschein, aus einer Reihe von Internatsgeschichten, die beide Mädchen im Alter von elf oder zwölf Jahren mit Begeisterung lasen.

„Das war dieses Weihnachten, als wir vor der Bescherung Weihnachtslieder flöten sollten!“ rief Lydia. „Du hast mir dabei die ganze Zeit so niederträchtig den Ellenbogen in die Seite gestossen, dass ich mich ständig verspielt habe!“

„Das hast du behauptet,“ widersprach Hilde, „und deinetwegen musste ich ohne Bescherung ins Bett!“
Ihr empörtes Gestikulieren fegte eine in der Nähe stehende Porzellanvase vom Fensterbrett, die zu Bruch ging und den bröseligen Inhalt verstreute.

„Mamas wertvolles Potpourri-Gefäss,“ schrie Lydia, „das war Biedermeier!“

„Mensch, Lydi,“ sagte Hilde leise und wies auf den Hausrat ringsum. „Hast du noch nicht verstanden, dass alles nur Schwindel war? Das war höchstens Woolworth!“

„Hm.“ Lydia griff nach einer der Flaschen aus dem Barfach und schenkte zwei Gläser voll.
„Wir sollten jetzt wohl endlich erwachsen sein. Auf dein Wohl!“

(300 Wörter)

10 Gedanken zu “Schwestern – zur Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.21 | Wortspende von puzzleblume

  1. Es stimmt, dass man endgültig „erwachsen“ ist, wenn man in der Generationenfolge an erster Stelle steht, von daher glaube ich den beiden den guten Willen, die Eltern hinter sich zu lassen, obwohl es schon ein bisschen plötzlich kommt … 🤔
    Gute Mischung zwischen leicht und beklemmend realistisch, gefällt mir sehr gut. 😁👍
    Nachmittagskaffeegrüße mit Sturm und Regen 😁🌬️🌧️☕🍪👍

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    • Da wären ein paar Wort mehr gut gewesen, der Geschichte hätten ein paar Rippen und Wirbel mehr gut getan, aber du hast das Wesentliche darin gesehen. Danke!

      Bin gerade einmal mit dem kleinen Schlappohr sozusagen um die Felder geflogen. Heissgetränk, unbedingt!

      Gefällt 2 Personen

      • Ich kenne so eine Konstellation. Die Mutter lebt noch, ich bin sehr gespannt, wie sich das Verhältnis ihrer Töchter nach dem Tag X entwickelt – möge es noch lange, lange hin sein.
        Hier ist es den ganzen Tag schon so. 🌧️🌬️🌧️🌬️🌧️

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  2. Eine schöne Wendung. Leider führen Erbstreitigkeiten sehr oft zu tiefen Zerwürfnissen. Da werden dann die nie aufgearbeiteten Zurücksetzungen und Gefühle der ungerechten Behandlung ausgetragen. Wer durch das ständige elterliche Vergleichen deformiert ist, kann sich davon auch im Alter selten befreien. Ich freu mich, dass es bei deinen Frauen anscheinend klappt.

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    • Danke, Gerda!, da hast du recht.
      Spätestens mit Ableben des letzten Elternteils brechen langjährige Konflikte auf, die unter dem ebenfalls von den Eltern verordneten, Deckel des idealisierten Familienfriedens brodelten.
      Mit Hilde und Lydia gebe ich lieber der Hoffnung auf Erkenntnis Ausdruck, als Beobachtungen an anderen Stellen, dass die durchlaufene Erziehung ein schwieriges Erbstück darstellen kann, solange sie nicht hinterfragt wurde.
      Wenn sich jemand später von solchen ambivalente Anforderungen befreien kann, statt dasselbe Vorgehen weiterzugeben, kann man von Glück sagen.

      Gefällt 1 Person

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