Projekt ABC: X wie Xanthoria parietina

2021-01-16 PROJEKT ABC (Wortman) LogoDas Foto-Projekt ABC vom Wortmann ist nun schon > beim X angekommen.
Ich habe nach dem Protest-X sogar noch ein weiteres X zu zeigen.
Dabei handelt es sich sogar wieder um einen leuchtend gelben Gegenstand mit X. Dieser ist allerdings viel, viel älteren Ursprungs und stammt nicht von Menschenhand.
Allerdings schaffen einige Aspekte der menschlichen Lebensweise ihm gute Bedingungen.
Durch die Stickstoffdüngung aus der Luft nimmt „mein X“ in vielen Regionen zu, und sicher hat ihn jeder schon einmal irgendwo gesehen, es handelt sich nämlich um:

Xanthoria parietina, die Gewöhnliche Gelbflechte

Während der warmen Jahreszeit sieht man leicht über die Gebilde hinweg, aber ab dem Spätherbst, wenn die Luftfeuchtigkeit wieder höher ist, scheinen die Gelbflechten förmlich „aufzublühen“, fällt ihr Gelb stärker auf.
Nur dass sie mit Blütenpflanzen so gar nichts gemeinsam haben!

2018-12-20 LüchowSss (22) Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina) auf BirkenstammFlechten zählen in der biologischen Systematik in einer Sonderstellung zu den Pilzen Fungi, denn bei Flechten handelt es sich um Doppel- bzw. manchmal sogar Mehrfachorganismen.
In einer Symbiose von Pilzen als Mykobionten mit Grünalgen, manchmal auch mit Cyano-Bakterien als Photobionten kommt der Pilzpartner durch deren Fähigkeiten zur Photosynthese in den Genuss des von ihnen gebildeten Zuckers bzw. der Glucose.
Zuweilen können weitere Pilze und Bakterien miteinbezogen werden. Dabei werden Algen und Bakterien als durch den jeweiligen Pilz „domestizierte“ Partner bezeichnet, obwohl sie ohne ihren Pilzpartner leben können, nicht umgekehrt.

Ihren Wasser- und Nährstoffbedarf decken Flechten nicht wie Blütenpflanzen über Wurzeln, sondern durch direkte Aufnahme aus der Luft bzw. Photosynthese, deshalb geht es ihnen auf Gartenzäunen ebensogut wie auf lebendem Baumgeäst, auf natürlichem Gestein wie auf städtischer Bebauung. Nicht jede Flechte ist für ihr Gedeihen ein so ausgeprägter Liebhaber von Stickstoffverbindungen wie die Gewöhnliche Gelbflechte Xanthoria parietina, darum sind einige andere Arten im Schwinden, während die nährstofftolerante Gelbflechte, die zudem auch eine hohe Luftverschmutzung mit Bisulfiten und Schwermetallen verträgt, sich in den vergangenen Jahren in manchen Regionen gerade in der Nähe von Strassen und Ortschaften immer häufiger ausbreitet.

2021-01-20 LüchowSss Garten Flechten auf Steinen (4)

Auf dem zweiten Foto sieht man am besten, weshalb man die Gelbflechte zu den Laub- oder Blattflechten zählt: Die Flechte ist flächig gestaltet und liegt mehr oder weniger locker auf dem Substrat auf. Wie bei Pflanzenblättern dient der blattartige Wuchs der optimalen Lichtausbeute des Photosynthese treibenden Photobionten, also im Falle der Gelbflechte der Grünalgen aus der Gattung Trebouxia. Die Benennung der Wuchsform entspricht jedoch keinesfalls den stammesgeschichtlichen Verwandtschaftsverhältnissen – deutsch und einfacher ausgedrückt: nur weil es so aussieht und man es so nennt, handelt es sich hierbei nicht um richtige Blätter im Sinne von Laub und nicht um Pflanzen. Logisch. Das kennt man: Blätterkrokant und Blätterteig kommen ja auch nicht vom Baum.

2018-12-20 LüchowSss (24) Flechten auf Bergahornstamm - Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina)

Die gelben, manchmal sogar ins Orange spielend getönten Oberseiten der Gelbflechten können glatt, aber auch runzelig sein, nach Norden bzw. im Schatten werden sie grüner oder nehmen sogar einen Grauton an. Die drolligen kleinen Becher oder Näpfchen auf dem dritten Bild heissen Apothecien. Es sind die Fruchtkörper des Pilz-Partners der Flechte mit den Sporenlagern.
Um die Verwirrung zu vervollständigen, ist die Verbindung der symbiotischen Gelbflechten-Partner von Pilz und Algen für die Reproduktion ihres Verhältnisses beim vegetativen Wachstum weder beständig noch eigenständig. Die Symbiose muss immer wieder hergestellt werden und ist dabei wahrscheinlich auf die Hilfe Dritter angewiesen, nämlich auf die zweier Hornmilben-Arten, die auf der Gewöhnlichen Gelbflechte leben.
Nachdem man im Kot dieser Hornmilben sowohl Ascosporen, also die Pilzsporen aus den Fruchtkörpern, als auch Algenzellen nachgewiesen hat, geht man davon aus, dass der Milbenkot für die Ausbreitung der Gewöhnlichen Gelbflechte sorgt. „Gewöhnlich“ im Sinne von normal finde ich das nicht.

5 Gedanken zu “Projekt ABC: X wie Xanthoria parietina

  1. Bei einem Seminar zu Moosen und Flechten sprach eine Flechten-Fachfrau einmal von der „Vergilbung“ der Landschaft, die seit den 80er (?) Jahren zu beobachten ist, da sich die Gelbflechte durch die menschlichen Umwelteinflüsse seither immer stärker ausbreitet. Bestimmte Flechtenarten konnten sich besonders in Städten nach Einführung des bleifreien Benzins wieder mehr ausbreiten – dies eine positive Entwicklung.

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    • Auf jeden ist das positiv, sie stehen ja sozusagen auf der Seite der dringend benötigten Verbraucher und bindenden Speicherer der menschlichen Emissionen, unschädlich noch dazu, weil sie weder ihren Untergrund angreifen, noch uns in die Nahrungskette geraten wird, wie etwa in Skandinavien die radioaktiv belastete Rentierflechte.

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