Alte Knöpfe, lose Fäden – meine 1. ABC-Etüde des neuen Jahres zur Schreibeinladung d. Textwochen 01.02.22

Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler (ausgehend v. Christianes Blog ‘Irgendwas ist immer‘) An diesem zweiten Tag des neuen Jahres hat Christiane auf ihrem Blog ‚Irgendwas ist immer‘ die neue > Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.22. ausgeschrieben – genau das richtige für einen grauen, regnerischen Januarsonntag!
Die gültige Wortspende stiftete Etüdenerfinder und Meister der herausfordernden Stichwortfindung, Ludwig Zeidler:
Hoffnungsschimmer, unverzeihlich, nähen.
Den Regeln gemäss sind die gegebenen 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern zu verwenden, wobei erklärende Inhaltshinweise, eventuelle Triggerwarnungen und die Überschrift beim Wörterzählen vom eigentlichen Etüden-Text ausgenommen sind.

Alte Knöpfe, lose Fäden

In den Tagen zwischen Weihnachten und Januar, oft „zwischen den Jahren“ genannt, finde ich im Mail-Posteingang immer wieder Zuschriften, die sich auf eine fast zwanzig Jahre alte Suchanzeige bei einem genealogischen Webportal beziehen, mit der ich seinerzeit meinem Vater eine Freude machen wollte. Offenbar sind auch andere Menschen während dieser Zeit familiengeschichtlich angerührt.

Auch wenn es mir heute nicht mehr so wichtig ist, bedeutet jede derartige Mail einen Hoffnungsschimmer, Informationslücken schliessen zu können. Doch der komplizierte Familienname ostpreussisch-polnischer Herkunft scheint durch sein variantenreiches Auftreten, die einfache soziale Herkunft und den somit wenig dokumentierten Familiengeschichten mehr Fragen hervorzubringen, als Antworten.

Nicht nur, dass durch Kriegswirren Informationen verloren gegangen sind. Vor der Einführung der Standesämter und festgeschriebenen Nachnamen durch das Deutsche Reich im Jahre 1875 lag die Dokumentierung von Geburt, Taufe, Heirat und Tod allein in den Händen der jeweiligen Kirchengemeinden. Dabei wurden Kirchenbücher in ländlichen Gebieten aus verschiedensten Gründen auch zu Friedenszeiten oft nachlässig und lückenhaft geführt.

In früheren Jahrhunderten wurden Namen oft nach Hörensagen notiert, oder bei Eheschliessungen der Familienname der Braut nicht verzeichnet. Während der Zeit des Nationalsozialismus kamen wegen der Notwendigkeit eines Ahnennachweises Lese- und Abschreibefehler oder politisch begründete Namensänderungen hinzu. Letztere sind nicht unverzeihlich, aber sie alle erschweren den Weg zu weiter zurückliegenden Informationen.

In meiner frühen Kindheit durfte ich, wenn meine Mutter nähte, mit den im Nähkasten gesammelten Knöpfen spielen. Manche fanden sich an einem neuen Mantel, Kleid oder Pullover für mich wieder, zu anderen erfuhr ich nur, von wem sie früher getragen wurden und an welchem Kleidungsstück. Oder ich entdeckte sie im Familienalbum auf Fotos wieder, manchmal an Personen, die ich wegen der abgeschnittenen Ost-West-Reisemöglichkeiten oder früher zurückliegender Todesfälle nie kennenlernte.

Vermutlich wurde durch die Knöpfe von damals mein Interesse am fadenscheinigen Gewebe der Familiengeschichte geweckt, wenn nicht sogar und überhaupt der Hang zum Wissenwollen.

(300 Wörter)

15 Gedanken zu “Alte Knöpfe, lose Fäden – meine 1. ABC-Etüde des neuen Jahres zur Schreibeinladung d. Textwochen 01.02.22

  1. Das gab es bei mir zu Hause nicht: Knöpfe, die quasi vererbt wurden und zwar über die Generationen hinweg. Wobei es mich nicht wundert: Wie hätten die Knöpfe die DDR-Grenze überwinden sollen, um in unserem Haushalt eine Rolle zu spielen?
    Schön, die Vergangenheit, die Erinnerungen mittels Knöpfen zu bewahren! 😁👍
    Herzliche Abendgrüße 😁🌧️🐅☕🍪👍

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  2. Schön „geknüpft“ die Geschichte. Das mit den Knöpfen ist auch interessant und daß du sie auf Familienfotos sogar wiedererkennen konntest. Was die Ahnenforschung angeht, kann man auch in den Datenbanken der Mormonen stöbern.

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  3. Unglaublich!
    Wusste man also tatsächlich, von wem welcher Knopf stammte?
    Das waren fürwahr andere Zeiten!

    Letztes Jahr wurde ich sehr gerührt, als ich ein Foto meiner Urgroßmutter weiblicherseits bekam. Sie stand da breitbeinig und stark da, wennauch schon uralt und verschrumpelt.

    Ich hatte nach dem Tod meines Vaters auch mehr wissen wollen, bekam aber durch Tanten und Onkel nur schwache Hinweise. Es gibt ein Register männlicherseits bis ins 18. Jahrhundert hinein. Auf weiblicher Seite nur wenig.

    Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, in der man es bedeutend fand, etwas über den Charakter der Vorfahren zu erfahren, denn schliesslich teilte man den Genpool. Doch, wie gesagt, erfuhr ich wenig.

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    • Frauen sind damals in der Dokumentation oft untergegangen, obwohl man ja pragmatisch davon ausgehen muss, dass nur die Mütter wissen, ob der Stammbaumast auch hält, auf dem man zu sitzen meint.
      Die Ungewissheit hinsichtlich der genetischen Vererbung mag etwas ausgegelichen werden durch die Lebensumstände, die so manche „vererbte“ Erziehung zu Ansichten und Idealen geprägt haben, und sei es nur der Wille gewesen, davon wegzukommen.

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