Geschenke – Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.22 | Wortspende von MakeAChoiceAlice

Christiane hat bereits vorigen Sonntag die> Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.22 herausgegeben. Die Wortspende stammt von Alice mit ihrem Blog ‚Make a Choice Alice‘. Sie lautet: Zylinder, rau, blühen.
Den Etüdenregeln gemäss sollen die 3 Begriffe in einem Text mit maximal 300 Wörtern angewendet werden, wobei eventuelle Inhaltshinweise und die Überschrift nicht mitzuzählen sind.

Geschenke

Pia beendete das abendlichen Telefonat mit ihrem dienstreisenden Mann und griff seufzend nach dem Rotweinglas:
Er hatte in Brügge etwas Besonderes für sie gefunden!

Gerold liebte es, kleine Überraschungen mitzubringen oder zu schicken: kulinarische Spezialitäten, verschiedenste Schmuckstücke, kleine Antiquitäten, erotische Kuriositäten … – dabei bewies er mehr blühende Phantasie als Geschmack, aber aus Liebe liess Pia ihm das Vergnügen.

Aber eigentlich, dachte sie, waren Männer wie jene, über die sich ihre Freundinnen beklagten, weil sie immer nur mit Blumen, Schokolade oder Parfüm aus dem Duty-free-Shop heimkamen, doch gar nicht so schlecht.
Mit diesem Gedanken trank sie ihr Rotweinglas leer, begab sich ins Bad und zu Bett.

Es vergingen zwei Tage, bis Pia das im belgischen Brügge abgesandte, mit „Vorsicht, zerbrechlich“ beschriftete, verdächtig klappernde Päckchen vom Postboten ausgehändigt bekam.

Wahrscheinlich hatte der Appell nichts genützt, um den Inhalt vor rauer Behandlung beim Transport zu bewahren, dachte Pia, während sie mit einer Schere der grosszügig verwendeten Menge von Klebeband zuleibe ging. Wie befürchtet, fand sie einen in viel Knüllpapier und endlich buntes Geschenkpapier verpackten Unglücksfall.

2022-03-13 kerosene-lamp (maja7777 pixabay) + 2018-12-10 Apophysis 'Teppich' (puzzle), bearb. m. befunky_mosaicNicht, dass die kleine Petroleumlampe mit dem gläsernen Fuss so hässlich gewesen wäre, doch die unsanfte Behandlung auf dem Postweg wurde dem aus dünnerem Glas bestehenden Zylinder zum Verhängnis, und dieser war in mehrere Teile zerbrochen.

Vorsichtig schüttete Pia die Scherben aus dem Papier zusammen und gab sie in eine kleine Schüssel, dann stellte sie diese zusammen mit dem unversehrten dickwandig-gläsernen Unterteil mit Brenner und Docht gut sichtbar auf den Wohnzimmertisch.

Sie würde ihren damit Mann trösten, dass sie bei nächster Gelegenheit zusammen losziehen, um Trödel- und Antikläden der Umgebung nach einem Ersatzzylinder zu durchforsten.

War die Ersatzbeschaffung geglückt, würde Pia dieser Lampe, wie vielen anderen, vorangegangenen Stücken, genauso stillschweigend einen neuen Besitzer suchen, der sie zu schätzen wusste, wie ihr Mann dieses und jedes andere Verschwinden ignorierte.

(300 Wörter)

7 Gedanken zu “Geschenke – Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.22 | Wortspende von MakeAChoiceAlice

    • Ich würde nicht alle Männer als blind einordnen, aber manche gucken vielleicht bei „Deko“ weniger genau hin. Meine Vorstellung von „Gerold“ ist, dass er das Jagen und den Moment des Präsentierens höher schätzt als das Horten der Gegenstände. Irgendwie funktioniert es ja auch für beide.

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  1. Ich finde liebevoll ausgesuchte „Stehrümchen“ eigentlich gar nicht schlecht, vor allem, wenn ich weiß, dass dem Schenkenden das Erjagen derselben Spaß macht. Wenn es allerdings rein seinem Ego dient, dann kann ich verstehen, dass sie auch mal Parfum aus dem Duty-free-Shop vorziehen würde … 🤔😉
    Frühabendgrüße 😀🌅🍵🥗🌼👍

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    • Danke für die Grüsse!
      Das Entgegennehmen von unerwarteten Gaben ist bestimmt eine grössere diplomatische Herausforderung, als eine verlässliche Versorgung mit der Parfüm-Marke der eigenen Wahl, aber eben doch langweiliger. Bestimmt behält sie auch ein paar von den Gegenständen. 😊

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  2. Ein sehr schwieriges Thema: unerwünschte Mitbringsel. Man möchte den Schenker nicht verletzen, wenn ihm aber das Verschwinden seiner Geschenke gar nicht auffällt, na dann ….

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  3. Ich finde die Idee des Mannes bezaubernd, sie auf seine Weise an den Reisen teilhaben zu lassen. Jetzt bin ich Jäger und Sammler und würde eher dafür einen Platz suchen, als es weiterzugeben. Mein haus platzt allerdings auch aus allen Nähten und ich kann deine Protagonistin gut verstehen.
    Liebe Grüße
    Alice

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