Die Wetterfee – Extra-Etüde für die Textwoche 22.22

Für Christianes heute erteilter > Schreibeinladung zu einer Extra-Etüdenrunde für die Textwoche 22.22 gelten die sechs Wortspende-Begriffe des abgelaufenen Monats.
Von Myriade kommen: Giraffe, mondsüchtig, suchen, von mir: Wetterbericht, ordentlich, irisieren.
Es sind mindestens fünf der sechs Begriffe in maximal 500 Wörtern einzubinden, alle sechs dürfen es aber auch sein. Inhaltshinweise und Überschrift zählen, wie sonst auch, nicht zum Text. Für das Bild habe ich zwei von Christianes Bildkreationen zu den letzten vier Etüdenwochen zu einem verschmolzen und angepasst:

2022-05-29 Extra-Etüden TW 22.22 ( Christiane 'irgendwas ist immer')-DoppelKopie + Beschriftung

Die Wetterfee

Günther stellte sein frisch eingeschenktes Bierglas ordentlich auf einen Untersetzer , die noch halbvolle Flasche daneben auf einen anderen. Dann setzte er sich in seinen Sessel, griff nach der Fernbedienung und richtete sie auf den TV-Bildschirm, um die Lokalnachrichten im regionalen Fernsehsender zu verfolgen.

Während der Berichterstattung schob er immer mal eines der mundgerechten und hübsch garnierten Häppchen mit Wurst und Käse in den Mund, die seine Frau Evi ihm noch vorbereitet und auf einem Teller angerichtet hatte, bevor sie, wie jeden Donnerstagabend, zu ihrem Töpferkurs entschwand.

Endlich erklang der Abschlussgong der Nachrichten und ein weissblaues Wolkenbild kündigte, von einem melodiösen Harfenglissando begleitet, den Wetterbericht an. Neuerdings wurde dieser von einer hübschen Blondine vorgetragen, die stets im schicken Hosenanzug gekleidet und auf hohen Schuhen mit ausgreifenden Bewegungen ihres gesamten schlanken Körpers vor der Wetterkarte die Bewegungen der Hoch- und Tiefdruckgebiete veranschaulichte.

In seinem Alter fand er es ein unschuldiges Vergnügen, ihr dabei zuzusehen. Er wollte schliesslich nicht in der Realität ihre Bekanntschaft suchen, das nicht. Als kleiner, rundlicher Angestellter im Ruhestand, der in Cordweste und Pantoffeln vor dem Fernseher sass, hatte er nichts gemein mit der Wetterfee, und sie bestimmt auch nicht mit ihm.

Gerade vollführte sie einen anmutigen Ausfallschritt zum südlichen Hochdruckgebiet, dann wandte sie das hübsche Profil einer ganz oben von Nordwesten heranziehenden Regenfront zu und streckte sich dabei, wie es eine Giraffe zu einem Baumwipfel hin tun mochte – dachte Günther und staunte dabei selbst über seine poetische Ader.

Zum Abschluss lächelte die Meteorologin frontal in die Kamera, wünschte den Fernsehzuschauern charmant einen „Guten Abend“, verschwand zu Harfentönen und Wolkenbild vom Bildschirm und liess den bezauberten Günther und sein Abendbrot allein zurück.

Dem letzten, mit einem Scheibchen Gewürzgurke verzierten Stückchen Käsebrot liess Günther noch einen Schluck Bier folgen, dann putzte er sich mit beiden Händen die Krümel von der Cordweste, trug den Teller in die Küche und kehrte zurück zum Sessel.

Nachdem er sein Bierglas wieder nachgeschenkt hatte, zappte er sich auf der Suche nach Unterhaltsamem durch die Fernsehsender mit dem Abendprogramm. Doch auch ohne die Wünsche seiner abwesenden Frau Evi berücksichtigen zu müssen, fand er nichts wirklich interessant.

Weder vermochte ihn das verregnete Fussballspiel zweier Mannschaften, an denen er nur mässig interessiert war, zu unterhalten, noch die Quizsshow mit dem zappeligen Moderator, dessen Jackenmuster bei jeder Bewegung irisierte und glitzerte, was sichtlich iritierend war für die Kameras.

Bis zum nächsten Werbeblock verweilte er bei der Wiederholung eines Krimis, an den er sich allzu gut erinnerte, und während einer Sendung über anscheinend mondsüchtige Pfeilschwanzkrebse, die alljährlich in Frühjahrsvollmondnächten zu Hunderttausenden an der US-Atlantikküste landen, um ihre Eier abzulegen, schlief er schliesslich ein.

Er träumte, er sässe in einem bequemen Sessel in tropischer Umgebung, die Wetterfee käme in einem luftig um ihre Figur fliessenden Hosenanzug zu ihm geschritten, legte ihm zart eine Hand auf die Schulter und küsste ihn auf die Wange. Dabei sprach sie mit der Stimme seiner Frau: „Ach, Günther, es ist doch ein bisschen später geworden. Du hast doch nicht etwa auf mich gewartet?“

(500 Wörter)

13 Gedanken zu “Die Wetterfee – Extra-Etüde für die Textwoche 22.22

  1. Das ist so normal und aus dem Alltag (um nicht „aus dem Leben“ zu sagen) gegriffen, dass ich fasziniert und amüsiert bin. Wohltuend freundlich und spießig 😉
    Ganz herzliche Grüße zum frühen Abend 🌦️🌳☕🍪🌼👍

    Gefällt 1 Person

    • Danke, Katharina. Tatsächlich habe ich einen Moment gezögert, ob ihm die Schnittchen tatsächlich gut bekommen und Evi mit dem Töpfer durchbrennen sollte, aber das wäre dann wieder TV-Krimi statt das Leben, in dem einem solche Menschen begegnen, die so nicht einmal unglücklich sind. 🙂

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