Zum Etüdensommerpausenintermezzo 2022 (7 aus 12): Bitter

Bei all der Hitze und ohne einen einzigen brauchbar längeren Regentag hatte ich mit dem Erfinden von Texten für das diesjährige > Etüdensommerpausenintermezzo und die Adventüden bisher meine liebe Not, aber heute ist der erste Knoten schon mal aufgegangen: ich habe mir nicht nur 7, sondern 8 Wörter aus den 12 Wortspenden herausgepickt und sie zusammen mit dem gegebenen Satz zu einer Sommerpausenetüde mit insgesamt 550 Wörtern verarbeitet.

2022-08-22 LüchowSss Gurken f. Etüdensommerpausenetüde Nr. 1 + Text (durchgestrichene nichtverwendete Wörter)

Auf meinem Etüdenbild habe ich die weggelassenen Stichworte durchgestrichen. Gisberts Tante Elvira und die neuerdings in ihrem Häuschen eingezogene Irina haben in der Geschichte die Hauptrollen inne.

Bitter

Wegen der hohen Sommertemperaturen stehen Tante Elvira und Irina zur Zeit schon in aller Herrgottsfrühe auf, um im Garten zu wässern und heute auch, um Gurken zu ernten, bevor sie zu gross würden. „Gemüse macht eben keine Sommerpause,“ meint Tante Elvira, „nur weil es unsereinem zu heiss ist, am Herd zu stehen!“

Darum sitzt sie nun mit Irina am Küchentisch, auf dessen gewachstem Tischtuch sich im Garten geerntete Einlegegurken häufen, die sie für die Einlegeprozedur vorbereiten, indem sie Stängel und Blütenreste entfernen und dann die grünen Früchte in einen grossen, wassergefüllten Eimer plumpsen lassen, um darin gewaschen zu werden. Später bekommt das Gurkenbeet das Wasser aus dem Eimer, denn Tante Elvira würde auch ohne verordnete Wasserrationierung keines verschwenden.

Musik klingt aus dem altmodischen Radiorecorder auf der Küchenanrichte, mit dem Tante Elvira seit Jahren ihre selbstaufgenommenen Musiccassetten abspielt, die ihr nach Gefühl und Tätigkeit passend scheinen. Zu den Gurken passt Tango, finden die beiden Frauen.
Irina singt sogar leise mit: „… > Malena canta el tango con voz de sombra …“ – Malena singt den Tango mit Schatten in der Stimme – ein schwermütiger Text. Irina steigen dabei Tränen in die Augen.

Mitfühlend legt Tante Elvira ihre Hand auf die der Jüngeren. „Gleich vorbei! Nach María Graña kommt eine Reihe aufmunternd-kitschiger > Milongas von Francisco Canaro aus den 30er Jahren, wenn ich mich recht erinnere. Wie kommt es, dass du so gut Spanisch kannst?“

„Eigentlich bin ich als gelernte Übersetzerin aus der Ukraine nach Deutschland gekommen,“ antwortet Irina bitter. „Ausser meiner Muttersprache beherrsche ich Russisch, Englisch, Spanisch und Deutsch, aber mein Leben nicht! Das wurde mir aus der Hand genommen.“

Einen Moment kämpft die blonde Frau mit den Tränen, dann fährt sie fort: „Wie wenig wir uns doch selbst kennen! Nie hätte ich gedacht, mich jemals so zu verlieben, dass ich kopflos zu einem Mann ziehe und jede Lüge glaube, angefangen bei einem angeblichen Einbruch, bei dem neben verschiedenen Wertsachen auch meine Ausweispapiere und mein Handy verschwanden. Er sprach so überzeugend von Schulden und Drohungen, und dass ich ihm schnell helfen müsse, wenigstens etwas Geld aufzutreiben, aber ohne Papiere so schnell nur in der Bar eines Freundes einen Job bekäme. Dort brachte er mich hin und kam nie wieder: er hat mich richtiggehend verkauft. Seitdem wurde meine üble Lage immer schlimmer, bis Gisbert mich gefunden hat.“

Tante Elvira erhebt sich von ihrem Stuhl, um die Weinende in den Arm zu nehmen. „Die dunklen Seelenschatten in Malenas Tango empfindest du auch, das verstehe ich gut. Aber nun beginnt ein neues Kapitel. Unter den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine gibt es sicher weitere Menschen, die nicht alle Papiere bei sich haben; du bist damit nun eine unter vielen, und solange du nicht demnächst auf einem Flughafen einchecken willst, lässt es sich abwarten, dass du wieder offiziell wirst.“

Irina nickt tapfer. „So viele Tränen! Ich sollte in einen Eimer weinen, dann brauchen wir später kein Salz mehr hinzuzufügen.“

Tante Elvira lässt die letzten Gurken in den Wassereimer fallen und fährt mit der Hand darin herum. „Die Gurken werden mehr Salz brauchen, als du weinen kannst, Kind. Mit Pech sind sie fast so bitter wie deine Erlebnisse, weil Hitze und Trockenheit ihnen nicht bekommen sind. Wir legen sie über Nacht ins Salzwasser und morgen sehen wir weiter.“

„In jeder Hinsicht,“ bekräftigt Irina. „Danke für deine Unterstützung, liebe Tante Elvira!“

(550 Wörter)

Im Text sind zwei mit „>“ gekennzeichnete Links eingebaut, die zu je einem YouTube-Video führen, einmal zum zitierten „Malena“-Tango und einmal zu den genannten Milongas.

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15 Gedanken zu “Zum Etüdensommerpausenintermezzo 2022 (7 aus 12): Bitter

  1. Ach, du verschaffst Irina einen seriösen Hintergrund! Eine gute Tat und ein großes Drama, von dem sie da in ein paar dürren Sätzen berichtet, sehr schön, sehr verdient! Ich hoffe, sie passt jetzt noch zu Gisbert: Hat der genug Profil für so eine starke Frau?
    Freut mich, dass es mit den dreien weitergeht!
    Spätnachmittagskaffeegrüße, endlich 🌤️🌳☕🧊🌼👍

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