Neurodiversität – Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler

2022-09-04 ABC-Etüden TW 36.37.22 Brechreiz, anschmiegsam, buchstabieren (Illustration: Christiane, Irgendwas ist immer)Mit der > Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler hat Christiane ihren Weckruf losgelassen: Die Etüdensommerpause ist vorüber! Es geht wieder los mit den normalen ABC-Etüden. Für die Textwochen 36/37 des Schreibjahres 2022 stammt die Wortspende von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr). Sie lautet:

Brechreiz
anschmiegsam
buchstabieren.

Die 3 Begriffe sind in maximal 300 Wörtern zu verpacken, wobei eventuelle Inhaltshinweise und die Überschrift nicht mitzählen.

Neurodiversität

„Neurodivers … Diversität ist wohl gerade das Zauberwort für Medienaufmerksamkeit,“ murmelt Klaus, faltet die Tageszeitung um und schiebt sie über den Frühstückstisch zu seiner Frau Heike hinüber, die sich gerade ein Brötchen streicht.

Klaus erklärt sein Aufgebrachtsein:
„Was bringt ein buntes Etikett, wenn keiner weiss, was es bedeutet? Ausser dass sich bei Legasthenie bzw. Dyslexie die Betroffenen sich mit Lesen und Rechtschreibung schwertun, wissen die Lehrer nichts darüber, selbst wenn sie jahrelang immer wieder damit zu tun haben. Sie lassen Kinder, die nicht anschmiegsam in Schema F hineinpassen, mit unnötig schlechten Noten sitzenbleiben; dann sind sie und die Eltern der anderen Kinder das Problem los.“

„Wenn sie nicht sogar vorschlagen, sie in Förderklassen abzuschieben, wie wir aus Erfahrung wissen!“ seufzt Heike. „Ja, du hattest es früher schon schwer, und wir als Familie wieder, als wir für Timo mit jedem Lehrerwechsel bei Null beginnend erklären und auch sonst die Schulzeit durchkämpfen mussten.
Das Wort „Neurodiversität“ finde ich allerdings gut für den Themenkreis um die vom Üblichen abweichende Wahrnehmungen wie Legasthenie, Autismus etc., weil es auf die Ursachen hinweist, ohne sie als Krankheit zu begreifen.
Ich erinnere mich, wie Lehrer staunten, als ich erklärte, dass Legastheniker bei ungeeigneten Seitendarstellungen Schwindel und Brechreiz empfinden können, weil das Gehirn nicht akzeptiert, dass es auf dem Papier keine drei Dimensionen gibt und alles dreht und wendet, bis man wegsieht.
Unserem Sohn hat geholfen, nicht lange daraufzustarren um zu buchstabieren, sondern danebenzusehen, ‚damit sich die kleinen Buchstaben-Krabbeltierchen wieder beruhigen können‘, bevor er es wieder versucht.
Den Lehrern zu vermitteln, dass man wegen solcher und anderer Taktiken mehr Zeit braucht und klare Darstellungen, aber nicht mit Faulheit oder mangelhafter Denkfähigkeit zu tun hat, war viel schwerer.“

„Wir haben es durchgestanden! Vielleicht ist der Hinweis auf die Vielfalt der Möglichkeiten doch ein richtiger Schritt,“ lenkt Klaus ein.

(300 Wörter)

> Neurodiversität | Wikipedia

13 Gedanken zu “Neurodiversität – Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.22 | Wortspende von Ludwig Zeidler

  1. „Neurodiversität“ macht aus einem (wertenden) Gefälle eine (hoffentlich weniger wertende) Bandbreite, und das finde ich vom. Prinzip her gut. Aber was nutzt das beste Prinzip, wenn es an der Umsetzung an allen Ecken und Enden hapert?
    Herzlichen Dank für die ganzen Infos und natürlich für die Etüde!
    Vormittagskaffeegrüße ⛅🍃☕🍪👍

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  2. Oh ja! Kommt mir bekannt vor. Ein Kind mit Rechtschreibschwäche hat es bei uns mit Hauptschulempfehlung zum sehr ordentlichen Abi gebracht, ein förderbeschultes Kind mit Dyskalkulie (und anderen Lernschwächen) konnte immerhin in der (geschützten) Ausbildung zumindest noch den Hauptschulabschluss nachholen und das dritte wandert mit Autismus-Spektrum zielstrebig auf eins der besten Abis ihres Jahrgangs zu.
    Drei neurodiverse Kinder von drei Kindern insgesamt. Wir haben uns auch schon so häufig den Mund fusselig geredet…
    Aber: Alle machen ihren Weg sehr gut und das ist es, was für uns als Eltern zählt und uns bestärkt.

    (Und ganz leise flüstert in meinem Hinterkopf ein Stimmchen: Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?)

    Gefällt 3 Personen

    • Ja, es gibt innerhalb des Spektrums grosse Abweichungen, was die Wahrnehmungen angeht, nicht minder als die Auswirkungen auf die Psyche des Kindes und infolgedessen unweigerlich auch der Familie, so dass die Kommunikation darüber nicht einfach ist und sicherlich auch Eltern überfordert, die mit einem schmal-normativen, leistungsorientierten Weltbild erzogen wurden. Dabei schliesst, wie du auch beschreibst, das eine nicht das andere aus.

      Natürlich, sind wir alle und das ist gut so. 🙂

      Gefällt 3 Personen

  3. Im Zusammenhang mit Pubertät ist die Herausforderung auch für Eltern mit mehr Toleranz und recht viel Verständnis mitunter groß.
    Manchmal hätte ich gern eine Parkuhr, die den Redeschwall über chemische Zusammenhänge oder Harry Potter geduldig aushält🙈😁
    Aber passt schon, im Allgemeinen.

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    • Die Einstiegsjahre in die Schulzeit, wenn sich über immer mehr kumulierende Dramen erst auftut, dass nicht nur eine unbeschwerte Grundschulzeit infrage steht, sondern auch das erzieherische Tun und Reagieren auf bestimmte Phänomene hinterfragt und Hilfe in Anspruch genommen werden muss, sind in meinen Augen die schlimmste Zeit, danach wissen wenigstens Eltern und Kinder, woran sie sind, und können darüber kommunizieren.
      Aber Jungen und Mädchen sind bezüglich des Redeflusses wohl insgesamt verschieden. 🙂

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  4. Ich finde, es ist an der Zeit, dass Menschen die Vielfalt menschlichen Daseins als Bereicherung empfinden. Ich wusste das z.B. nicht, dass die sogenannte „Rechtschreibschwäche“ damit zusammenhängen kann, dass Buchstaben von der Person dreidimensional gesehen werden. Was doch eigentlich nur heißt, dass es sich bei der Person um einen ganz besonderen Menschen handelt mit einer außergewöhnlichen Begabung.
    „Normen“ sollten aus meiner Sicht ausschließlich auf Industrieprodukte angewendet werden, da macht es Sinn. Aber doch nicht auf Menschen!
    Herzlichen Gruß 💌

    Gefällt 2 Personen

    • Es gibt unter demselben Etikett „Legasthenie“ vielfältige Erscheinungsformen,durch die sie sich offenbart. Nicht jeder sieht auf dieselbe Weise anders, das macht es so schwer, weil vor allem die Wissenschaft mit dem Vergleichen und Aufstellen von Regeln arbeitet.
      Das vergebliche Dreidimensionalsehenwollen ist eine Variante. Auffallend ist, dass statistisch betrachtet vielen Betroffenen andererseits ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen eigen ist.
      Manche Menschen kennen von sich ein Unwohlsein auf Webseiten mit heller Schrift auf dunklem Hintergrund – die können einen Hauch dessen nachfühlen, wie es ist, unter solchen Umständen lesen zu müssen.
      Nicht jeder, der neurologisch ein bisschen anders ist, hat ein von anderen anerkennbares Talent zum Ausgleich. Ich habe zum Beispiel ein sogenanntes eidetisches Gedächtnis und bin in schwacher Form Synästhetikerin, aber was man bei sich als selbstverständlich empfindet, zu kommunizieren, stösst bei anderen Menschen oft auf Unglauben, Unverständnis, Ablehnung und das berühmte Tippen des Zeigefinger gegen die Stirn, verursacht Einsamkeit.
      Die Diskussionen über Normen, Noten und andere Vergleichs-Kriterien bleiben vermutlich, da sie andererseits auch der Gerechtigkeit dienen sollen, aber es wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung, mehr positive Ausgleiche gelten zu lassen, smehr Flexibilität zu üben, statt nur negative Abzüge vorzunehmen, als gälte es, die Unterschiede abzustrafen .

      Gefällt 2 Personen

  5. Ich bin immer weniger der Meinung, dass Vergleiche über Zensuren, Normierungen etc der Gerechtigkeit dienen, sondern empfinde sie zunehmend im Gegenteil als „ungerecht“. Wie du schreibst, als ein Abstrafen der Unterschiede. Das kann Menschen zutiefst frustrieren und verletzen. Und richtet daher aus meiner Sicht mehr Schaden an, als es Nutzen bringt. Aber ich hoffe / denke auch, dass es mehr und mehr Schritte in die richtige Richtung gibt. Und man heutzutage zumindrst schon deutlich weniger Außenseiter ist, wenn man etwas „anders“ ist, als man das in unserer eigenen Schulzeit wohl noch gewesen wäre.

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