Sonntagmittags in Grimma

Immernoch unterwegs von Prag nachhause, ins Wendland, zurück nach Lüchow: Sonntag, 16. Juli 2017.
Inzwischen ging es auf Leipzig und auf die Mittagszeit zu. Weil die Mittagszeit bekanntermassen ein Leistungstiefs im Tagesverlauf bringt, hatten wir gerade keine Lust mehr, im Auto zu sitzen. Nach einigen Stunden des Fahrens auf der Autobahn wollten wir Bewegung, zum Beispiel herumzuspazieren in einem noch unbekannten Ort im sächsischen Muldetal, zwischen Dresden und Leipzig.
Die spontane Entscheidung fiel rund 40 km vor Leipzig, an der Abfahrt nach Grimma. Mir war der Ortsname bis dahin nur vage bekannt, hatte keine Erinnerungen oder Erwartungen und somit ideale Voraussetzungen für einen Besuch.
Der Markt mit seinem offenbar alten, weissen und rot abgesetzten Rathaus bzw. Ratskeller sah sehr ansprechend aus, darum wurde dahinter ein Parkplatz gesucht, Auswahl war genug vorhanden.

Ein Sonntagmittag scheint nicht der ideale Zeitpunkt zu sein, um einen Eindruck vom Leben in der Stadt Grimma zu bekommen. Leben fand zum Zeitpunkt meines Besuchs nicht statt. Niemand sass auf den Bänken, es gab, trotz des schönen Wetters, kein offenes Lokal mit Strassentischen, wie ich es erhofft hatte. Nicht einmal aus Privathäusern roch es sonntäglich nach Mittagessen. Ich glaube, alles in allem sah ich auf meinem gesamten Stadtbummel gerade mal ein Dutzend Menschen.
Die Stadt Grimma – was ist das überhaupt: eine Kleinstadt? So sieht es wohl aus, aber die sogenannte Grosse Kreisstadt im Landkreis Leipzig gehört zu den flächenmässig vier größten Städten Sachsens. Allerdings setzt sich diese zusammen aus 13 Ortschaften mit 64 Ortsteilen, so dass das eigentliche, das alte Grimma eben doch kleinstädtischen Charakter hat, wie man auf den Fotos von meinem Rundgang sehen kann.
Es hat seinen Ursprung im 12. Jh. und nahm von da an eine blühende Entwicklung – das alte Renaissance-Rathaus am Markt lässt so etwas schon ahnen. Weil ich all mein spärliches Wissen über Grimma nachträglich aus dem Web angelesen habe, verweise ich auf den > Wikipedia-Artikel über Grimma, und beschränke mich im Weiteren weitgehend auf ungefähre Ortsangaben an den einzelnen Bildern, mit ein paar Bemerkungen von mir.

Zuerst ging es vom Markt weg, durch die Lange Strasse. Die trägt ihren Namen zu recht und endet an der Frauenkirche. Ganz gern hätte ich gewusst, wessen Steinbüste oberhalb eines Textilgeschäfts mit einem Strohhut versehen worden war. Der alten steinernen Einfassung zufolge wurde das ursprüngliche Geschäft 1838 gegründet, links mit dem schlangengeschnmückten Stab des antiken Handelsgottes Merkur geschmückt und rechts mit einem Emblem, bestehend aus Eule und Flusskrebs.
Dieses Haus ist nur ein Beispiel für die vielen kleinen Sehenswürdigkeiten in der Grimmaer Altstadt, die mir das Web nicht erklären konnte. Gerne hätte ich auch etwas über den Löwen am Markt erfahren, oder verschiedene andere. Die Frauenkirche im Basilika-Stil am Ende der Langen Strasse (siehe unten) mit Ursprung im 12. Jh. und komplizierter Baugeschichte war aber doch mit einem ausführlichen Wikipedia-Artikel zu finden > hier.

Neben der nördlichen Seite stehen eine alte Ahornblättrige Platane und ein Lutherdenkmal, wo sich früher der alte Kirchhof mit Friedhof befunden hatte.
Im Artikel über die Frauenkirche zu Grimma fand ich auch Informationen über das auffallende Gestein, von dem die Gestaltung der Häuser in der Altstadt geprägt wird. Es handelt sich um > Rochlitzer Stein, vulkanischer Ryolith-Tuff (Vulkanit). Der wird seit nahezu fünf Jahrhunderten und bis heute bei Rochlitz in Sachsen abgebaut.
Überall in der Altstadt sind außer den gelbbraunen Steinen in Wänden ganz besonders die schönen roten, gelb geaderten Rahmen um Fenster und Türen zu sehen, aber auch als rot zur Wand kontrastierende Sockel.

In der Nähe der Frauenkirche finden sich Gebäude, die, kleinen Täfelchen zufolge, als die ältesten der Stadt gelten, auch wenn man es ihren Fassaden nicht unbedingt mehr ansieht: da ist zunächst das große ehemalige Hospital des Templerhofes zu Droyßig aus dem 14. Jh. mit seinem Treppengiebel, und ebenfalls unter Putz verborgen sind die Besonderheiten der Alten Handelsschule aus dem 16. Jh., bei deren Umbau im 17. Jh. man die alten Grabsteine vom Kirchfriedhof verwendet hat.

Lediglich ein freigelegtes kleines Stück und ein Hinweistäfelchen erinnern an diese kuriose Geschichte, heute ist es einfach nur ein unauffälliges Wohnhaus. Das Foto vom verschlossenen Kellerfenster gehörte zu einem anderen, einem Nachbarhaus an der Frauenstrasse. Von der Frauenstrasse wiederum bog ich wegen eines weiteren, weiss leuchtenden Kirchenbaus in die Kreuzsstrasse ab, der > Klosterkirche St. Augustin mit Ursprung im 14. Jh., gleich in der Nähe des Gymnasiums St. Augustin (unten ist ein Foto von Renovierungsarbeiten am 1891 errichteten Gebäudeabschnitt zu sehen).

Seit einer baulichen Rettungsmassnahme am einsturzgefährdeten Gebäude in den 90er Jahren des 20. Jhs. ist die Klosterkirche säkularisiert, ausgeräumt und dient als „Grimmas innerstädtische Kulturhalle“. Ein Blick in die dem Wikipedia-Artikel verbundenen Fotos vom Innenraum in der jüngeren Zeit im Vergleich zu einem älteren machte mich aufrichtig betroffen. Das fügt sich zusammen mit einem Gefühl der Irritation, das mich beim Streifzug durch die Altstadt von Grimma die ganze Zeit begleitet hat, einem Eindruck, es insgesamt mit dem Widerschein von etwas zu tun zu haben, das nicht mehr da war, verursacht durch etwas, das nicht so offensichtlich war, wie nur noch durch ihre steinernen Rahmen angedeutete Türen, verblendete, verputzte und angestrichene Fassaden oder andere Renovierungen, sondern mehr allgemein.

Einen ersten Hinweis gab es dazu am nicht fotografierten Ende der Klosterstrasse, beim Alten Schloss Grimma: eine Hochwasserschutzwand am Mulde-Ufer.
Beim Nachlesen zuhause wurde ich an das zerstörerische Drama erinnert, das Grimma 2002 und 2013 empfindlich betroffen hat: katastrophale Überflutungen der Stadt durch Hochwasser, beide Male mit einem Wasserstand von über dreieinhalb Metern > siehe Foto-Bericht. Davon betroffen waren mehr als 700 Häuser und einige davon waren zu stark beschädigt und nicht mehr zu retten. Grimma war die von Hochwasser am stärksten betroffene Gemeinde in Sachsen. Wahrscheinlich ist die noch sehr frisch wirkende Wiederherstellung des Altstadtbildes der Grund gewesen für die von mir empfundene Verwirrung. Wie ich > hier auf einer Seite des MDR Sachsen lesen konnte, ist der Hochwasserschutz auch 2017 noch nicht vollständig und soll erst 2018 komplett sein. Da kann man Grimma bis dahin wohl nur die Daumen drücken.
Ausserdem komme ich nächstes Mal wochentags.

Fotos vom Mittag des 16, Juli 2017 in Grimma, Landkreis Leipzig, Sachsen, Deutschland – zum Vergrössern und um die Strassennamen und eventuellen Gebäude-Bezeichnungen zu lesen, bitte die kleinen Bilder anklicken.

11 Gedanken zu “Sonntagmittags in Grimma

  1. Seltsam finde ich, jedenfalls machen Deine Bilder diesen Eindruck auf mich, dass der Ort irgendwie leblos wirkt. Und das nicht nur, weil halt gerade keine Menschen da waren. Gerade die Häuser am Markt. Sie wirken auf mich wie denkmalschutzmäßig restaurierte leere Hüllen, nicht organisch (und das heißt ja auch immer: dem Willen der Bewohner gemäß) gewachsen, sondern wie eine von oben verordnete Kulisse.

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    • Gut, dass du es allein beim Anblick der Fotos auch so empfindest. Ich kam mir bei dem Gedanken tatsächlich schrullig vor. Aber es muss wohl mit den Wiederherstellungen nach den Hochwasserschäden zusammenhängen, dass so ein Bühnenbild-Charakter entstanden ist: es ist ja alles aussen innerhalb der letzten vier Jahre neu hergerichtet, und das wahrscheinlich auch manchmal unnötiger Weise, von unten bis zum Dach. Schade, dass es nun alles nach geschichtslosem Styropor ausschaut.

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  2. Mir ist es auch so vorgekommen. Und Trotzdem – oder auch deswegen – drücke ich den Leuten von Grimma die Daumen und bezeuge meinen Respekt vor ihrem Willen das Drama sich nicht wiederholen zu lassen.

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    • Dem muss man einfach Respekt zollen. Ich hoffe, der Hochwasserschutz garantiert so viel Sicherheit, dass der alte Lebensmittelpunkt der Stadt bewohnt wird, und die Lebendigkeit nicht fern der Altstadt stattfindet.

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  3. Da warst Du ja quasi nebenan 🙂
    Grimma ist an sich ein recht lebendiges Kleinstädtchen. Aber wie Ihr schon richtig bemerkt habt, haben die verheerenden Hochwasser von 2002 und 2013 leider entsprechende Spuren hinterlassen – so dass es schon mit großen Anstrengungen verbunden war, die Altstadt wieder zu beleben.

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  4. An und für sich schön, solch überraschende Spontanbesuche zu unternehmen und einfach mal was ganz neu entdecken. Und die Altstadt macht eigentlich einen netten Eindruck. Klar, so eine Gesamtüberholung hinterläßt immer einen merkwürdigen Eindruck. Das ging mir in Heidelberg so (da ist es ja länger her, daß die Stadt wieder aufgebaut wurde, aber alles zur gleichen Zeit. Das wirkt auch fast wie „neu“). Ebenso Greifswald. Ist schon sehr lange her, daß ich mal da war, aber auch dort schien es so, als hätte man nach der Wende alles zeitgleich neu gemacht. Es ist ja schöner, als wenn alles zerfällt, aber wie schon erwähnt, fehlt der gewachsene Charakter, der einem sonst meistens so begegnet. Trotzdem scheint es ein hübsches Städtchen zu sein.

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