Klassentreffen – zur Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.21

Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.21 | Wortspende von puzzleblumeZur > Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.21 | Wortspende von puzzleblume | Irgendwas ist immer kommt diesmal meine allererste Wortspende zum Einsatz, was mir sehr viel Spass macht.
Christiane hat zu den drei Wörtern:
Dackelfalten + fruchtig + scheppern
zwei hinreissende Bilder gestaltet, von denen ich mir diesmal wieder das „Fruchtige“ ausgesucht habe. Nach den Etüdenregeln sind die Begriffe in höchstens 300 Wörtern zu verbauen, wobei Inhaltshinweise und die Überschrift nicht mitzählen. Übereinstimmungen von Charakteren aus meiner Geschichte mit tatsächlichen Personen wären höchstens zufällig.

Klassentreffen

Wochenlang wurde Lissi von ihrer Schulfreundin belagert und überredet, nach drei Jahrzehnten auch am Klassentreffen ihres Abiturjahrgangs teilzunehmen, aber dann sagte ausgerechnet die Freundin in letzter Minute ab! Nun stand Lissis Reisetasche allein auf die Kofferablage des Doppelzimmers.

Am Fussende des vorderen Einzelbettes lag das übliche Handtuchsset, in der Kerbe des mit zwei weissen Zipfel-Gipfeln aufgestellten Kopfkissens wartete ein Tütchen mit Gummibärchen, als Betthupferl.
Beim Besichtigen des hoteltypisch fensterlosen Bades seufzte Lissy, denn für Licht und Lüftung gab es nur denselben Schalter und der Ventilator schepperte – das mochte sie gar nicht.

Auch ohne die Freundin holte sie eine Pikkolo-Flasche Sekt aus der Minibar, gab drei Bärchen ins Glas und stellte sich damit ans Fenster, liess wie in Teenagerzeiten die fruchtigen Gummibärchen im Mund vom Sekt umspülen, und blickte auf den nachmittäglich stillen Hotelparkplatz. Ob das Büffet beim Klassentreffen etwas taugte, grübelte sie, und wie viele und wen würde sie wiedererkennen?
Das Bett wirkte plötzlich sehr einladend. Lissi streifte die Schuhe ab, um sich ein wenig zu entspannen. Die Anreise und der Sekt hatten sie doch ermüdet.

Als sie erwachte, war es schon Abend. Vom Parkplatz hörte man Autogeräusche, auf dem Gang Türenschlagen. Es war höchste Zeit, sich für den Abend zurecht zu machen! Lissi ging noch etwas dösig ins Bad und erschrak heftig: Aus dem Spiegel blickte ihr ein von tief eingeprägten Kissenabdrücken gezeichnetes, verunstaltetes Bild entgegen.
Sie warf sich kaltes Wasser ins zerknautschte Gesicht, rubbelte mit dem Handtuch, aber wurde davon nicht glatt, sondern nur rot. Mit solchen Dackelfalten konnte sie sich unten nicht blicken lassen!

Doch ausser ihrer nichtangereisten Freundin wusste niemand, dass sie da war, und irgendwie war es auch gut so. Sie griff nach der Fernbedienung, machte es sich mit einem frischgefüllten Glas und einer Tüte Chips gemütlich und schaltete den Fernseher an.

(300 Wörter)


11 Gedanken zu “Klassentreffen – zur Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.21

  1. Das ist eine Etüde, die derartig zu meiner Stimmung heute passt, dass ich gestehe, laut losgelacht zu haben 😁
    Ich hoffe, deine Protagonistin bereut ihre Entscheidung am Morgen danach nicht, aber ich kann sie unglaublich gut verstehen.
    Danke dir sehr! 😁
    Herzliche Grüße aus der Feiertagsstarre, äh -ruhe 😁⛅☕🥨👍

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    • Danke für’s Lachen, Christiane!
      Ich glaube nicht, dass sie es bereut, es hat sie ja 30 Jahre lang dort auch nicht hingezogen und sie hat sich nur von der Freundin belatschern lassen.
      Man muss auch Lust haben auf sowas, finde ich, und manchmal muss man sich auch den Verbleib in seinem Kokon erlauben.

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      • Genau das ist der Punkt, danke. Wenn sie 30 Jahre gut ohne die Leute ausgekommen ist und sie keinem gesagt hat, dass sie kommt (was meiner Erfahrung mit der Organisation derartiger Feiern widerspricht), wird ihr vermutlich nichts fehlen 😉

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        • Strenggenommen hast du recht, normalerweise wird man angeschrieben oder angerufen – sofern man seine Adresse hinterlassen hat. Bei 30 Jahren Desinteresse kommen den Organisationen schon einige abhanden, die verzogen sind, andere Ehenamen haben etc. – für mich hat die Freundin das Doppelzimmer organisiert und Lissi als Überraschung eingeplant. Dann kommt das hin 😉

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  2. Oh, das ist witzig!
    Ob ich so verfahren wäre? Oder habe ich das schon mal gemacht? Möglich wäre es.

    Allein der Gedanke, dass dann alle sagen (hinter vorgehaltener Hand): Mensch, ist die Lissi alt geworden!!:

    Apropos: Alt geworden. Auf unserer letzten Klassenfeier war ein Forstdirektor, der sooo unglaublich jung geblieben aussah, dass ich das vor Ort erwähnen musste. Bis heute bin ich verblüfft, nichts mit kosmetischer Op.

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    • Danke, Gerhard. Klassentreffen sind berüchtigt für das Taxieren von Alterserscheinungen und ähnliche Vergleiche. Gerade wenn sich das ganz grosse Rudel nach mehreren Jahrzehnten trifft, ist die Schere der Entwicklungen, Tragödien und Erfolgsgeschichten weiter geöffnet, als als je zuvor.

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  3. Guten Morgen,

    das ist ja witzig. Und ich bin ja eh der Meinung, dass diese Klassentreffen immer überhöht werden. Diejenigen, die sich wiedersehen wollen, werden den Kontakt ob mit oder ohne Klassentreffen halten. Da brauche ich kein Klassentreffen dafür. Meistens wird hier nur ausgetauscht, was man in der Zwischenzeit gemacht hat und dann hört man wieder ein Jahr nichts mehr.
    Meiner Meinung nach eine verschwendete Zeit, aber das muss jeder selbst wissen. Ich glaube, dass die Protagonistin genau das selbst denkt.
    Viele Grüße
    Monika

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